Gedanken zum Evangelium des Sonntags
Zurückkehren in offene Arme Das Gleichnis vom "verlorenen Sohn" und das christliche Verständnis von Schuld und Versöhnung Sünde, Schuld, Umkehr und Buße sind zentrale Erfahrungen im Leben des Christen. Der Wunsch nach umfassender Versöhnung - im großen wie im kleinen - gehört zu den Grundsehnsüchten des Menschen. Demgegenüber steht aber auch die Erfahrung, dass es in der eigenen Lebensgeschichte wie in den gesellschaftlichen Lebenszusammenhängen Brüche gibt, die nicht zu überwinden sind, Wunden, die nicht zu heilen sind, Schuld, die nicht wiedergutzumachen ist. Wir erreichen es allenfalls, ansatzweise die Versöhnung zu verwirklichen, nach der wir uns sehnen. Die biblisch-christliche Botschaft der von Gott geschenkten Versöhnung hebt diese Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit keineswegs auf. Die Bibel weiß um das Gegenüber von Heil und Unheil, das die Geschichte der Menschheit von Grund auf bestimmt. Immer wieder zerstört die unheilvolle Verstrickung in die Mächte des Bösen die Beziehung der Menschen zu Gott und untereinander. Gott lässt der Geschichte zwar ihren freien Lauf, er nimmt die - aus Liebe - dem Menschen gegebene Freiheit nicht zurück, aber er ergreift Partei. Das Alte Testament spricht sowohl vom Zorn Gottes, zugleich aber auch von seiner unerschöpflichen Versöhnungsbereitschaft: "Sie hielten seinem Bund nicht die Treue. Er aber vergab ihnen voll Erbarmen die Schuld und tilgte sein Volk nicht aus. Oftmals ließ er ab von seinem Zorn und unterdrückte seinen Groll", heißt es in Psalm 78. In Jesus Christus haben Friede und Versöhnung von Gott ihre endgültige Gestalt bekommen. Wir können die Versöhnung nicht selber erbringen, sie ist - vor Gott - nicht das Ergebnis unserer Leistung oder unser Verdienst. Vielmehr brauchen wir uns "nur" von der Versöhnungsbereitschaft Gottes ergreifen zu lassen, von seinen offenen Armen, in die der "verlorene Sohn" zurückkehrt. Unser Eigenanteil besteht lediglich darin, inne zu halten und uns daran zu erinnern, dass da einer ist, vor dem wir unbedingt erwünscht sind. Dann können wir umkehren und zu ihm heimkommen, mit leeren Händen, wir können uns von ihm wiederversöhnen lassen und das Fest der Versöhnung feiern. Ernst Werner
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