Im Dorf Waith (Landkreis Rosenheim, Marktgemeinde Bruckmühl, Pfarrei Götting) steht am Goldbach die kleine barocke „Pestkapelle“, die in den Jahren 1999/2000 mit großem Engagement der Dorfbewohner renoviert wurde und seitdem wieder zum Besuch einlädt. Die Pestkapelle ist den beiden Heiligen Sebastian und Rochus geweiht, die besonders als Helfer gegen Seuchen angerufen und verehrt wurden. Ein Schlüssel für die Kapelle ist im Nachbarhaus bei Familie Hans Schmid (Weberstraße 1) jederzeit erhältlich.
Das Patrozinium:Sebastian und Rochus, die beiden Patrone der Waither „Pestkapelle“, wurden besonders als Helfer gegen Seuchen angerufen. Sebastian, dessen Heiligenfest am 20. Januar gefeiert wird, war der Legende nach Offizier der Leibgarde des römischen Kaisers Diokletian (284-305), unter dessen Herrschaft die letzten großen Christenverfolgungen stattfanden. Als der Kaiser erfuhr, daß Sebastian zum Christentum übergetreten war, sollte er mit Pfeilen hingerichtet werden. Sebastian überlebte jedoch diese Marter, wurde von einer frommen Frau gesund gepflegt und ging furchtlos erneut zu Kaiser Diokletian, um ihn zu bekehren. Daraufhin wurde er mit Knüppeln erschlagen. Im Mittelalter galten Pfeile als Symbol für plötzliche Krankheiten, so daß Sebastian bald als Pestpatron verehrt wurde.
Der heilige Rochus (Festtag: 16. August) stammte aus vornehmer französischer Familie, verschenkte als 20jähriger sein ganzes Vermögen an die Armen und pilgerte nach Rom. Er nahm sich der Pestkranken an, erkrankte schließlich selbst, konnte aber geheilt werden. Rochus starb 1327 in seiner Heimat.
Geschichte:Anlaß für die Entstehung der Kapelle war der Dreißigjährige Krieg (1618-1648). Seit 1632 war Bayern Kriegsschauplatz. Die schwedischen Truppen verbreiteten auch in der Gegend um Aibling Angst und Schrecken. Nicht sehr viel angenehmer waren die Einquartierungen und Durchzüge von Soldaten der eigenen Seite. Spanische Soldaten waren es vielleicht, die 1633/34 die Pest nach Bayern einschleppten. Der Krieg, die Seuche und gleichzeitige Mißernten forderten in Stadt und Land viele Todesopfer.
Stifter, Erbauer und genaues Alter der Waither Kapelle sind nicht überliefert. Es ist aber gut vorstellbar, daß sie gerade in den Jahren 1633/34 entstanden ist, aufgrund eines frommen Gelübdes, falls der Ort vor der Pest verschont blieb.
Die Kapelle:Über den Goldbach (auch Mühlbach genannt) führt ein Steg zur Kapelle, die von Gärten umgeben ist. Der unscheinbare Bau erhält Licht aus je zwei Fenstern im Norden und Süden. Die fensterlose Westwand ist zum Schutz gegen die Witterung mit Schindeln verkleidet. An der Westseite des Daches sitzt ein ebenfalls verschindelter Dachreiter mit blechgedeckter Spitze, in dem eine Stahlglocke hängt.
Die an der Südseite gelegene Eingangstür zeigt außen Ornamentschnitzerei und noch einige Reste einer früheren ornamentalen Bemalung. Auf der Innenseite sind die ersten beiden Ziffern einer Jahreszahl („17“) eingeschnitzt. Dies gibt einen Hinweis auf Baumaßnahmen an der Kapelle im 18. Jahrhundert. Das Tonnengewölbe des schlichten Innenraums ist nur durch die Stichkappen der Fenster gegliedert.
Ausstattung:In der Rundung der Apsis steht als Hauptstück der Ausstattung der einzige Altar. Er weist typische Formen des 17. Jahrhunderts auf, doch entspricht die heutige schwarze Fassung wohl nicht dem ursprünglichen Aussehen.
Die schönen geschnitzten Figuren der beiden Kapellenpatrone stehen auf separaten Sockeln beiderseits des Altaraufbaus. Der heilige Sebastian ist nackt und an einen Baum gebunden dargestellt; Pfeile stecken in Oberkörper und Beinen. Der heilige Rochus trägt Pilgerkleidung mit Umhang, breitkrempigem Hut und Pilgerstab. Ein Schlitz im Gewand gibt am rechten Oberschenkel den Blick auf eine Pestbeule frei.
Im Mittelfeld des Altars steht die im 18. Jahrhundert entstandene Figur einer „Maria Immaculata“ im Strahlenkranz auf der Mondsichel und der Weltkugel. Maria trägt langes offenes Haar, darauf Blütenkranz und Krone. Sie ist geschmückt mit Halsband und Armbändern. In ihrer Linken hält sie ein Szepter. Das ansprechende Kunstwerk zeigt große Ähnlichkeit mit einem berühmten Vorbild, nämlich der seit 1703 in Freising verehrten sogenannten „Seminarmadonna“. Das seit der Säkularisation 1802 verschollene Original dieser Madonna wurde im 18. Jahrhundert in Plastiken, Gemälden und Kupferstichen vielfach kopiert und weithin verehrt. Auch die Waither Madonna ist dafür ein Zeugnis.
Noch ein zweites berühmtes Marienbild befindet sich als Kopie in der Waither Kapelle: Ein Leinwandbild in verglastem schwarz-goldenem Rahmen an der Nordwand der Kapelle zeigt das Gnadenbild Maria Trost. Das Original dieses Marienbildes ist erhalten und befindet sich in Bologna. Charakteristisch an der Darstellung ist der schwarze Ledergürtel, den Maria trägt und den das Jesuskind in der rechten Hand hält.
Der Gürtel ist gleichzeitig das Abzeichen der Erzbruderschaft Maria vom Trost. Deshalb wird diese Bruderschaft auch "Gürtelbruderschaft" genannt. Die Ursprünge dieser Bruderschaft gehen der Legende nach auf den heiligen Augustinus und seine Mutter Monika zurück. In der nahen Pfarrkirche von Au bei Aibling findet man seit dem Jahr 1706 ebenfalls eine solche Bruderschaft zur besonderen Verehrung des Gnadenbildes Maria Trost.
Welch' großer Wertschätzung sich das Waither Gnadenbild erfreute, kann man an seinem reichem Schmuck ablesen. Unter anderem sind an goldenen Schleifen zwei Silbermünzen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts angeheftet, die jeweils Bildnisse des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph (1745-1777; links) und seines Vaters Kaiser Karl VII. (1742-1745; rechts) zeigen.
Literatur:Marktgemeinde Bruckmühl (Hg.), Die Pestkapelle in Waith, Bruckmühl 2000 (erhältlich in der Kapelle, im Rathaus Bruckmühl, in der Pfarrkirche und im Pfarramt Götting)
Kontakt:
Kath. Pfarramt Götting St. Michael, Kirchplatz 3, 83052 Bruckmühl
Tel.: 08062/80339
Fax: 08062/800217
Dr. Roland Götz
Archiv des Erzbistums München und Freising