Illustration Pfarrei

Albert - heute ... eine Begegnung

von P. Dr. Manfred Entrich OP

Albert - heute? Das ist eine ebenso unbekannte wie unvergessliche Begegnung: Albert - Papst Johannes Paul II., drei Wochen vor seiner Wahl. Von dieser ungewöhnlichen Begegnung wurde ich - ungewollt und ganz unverdient einer der wenigen Augen- und Ohrenzeugen.

Es war Freitag, der 22. September 1978. In unserem Kloster, Dominikaner an St. Andreas in Köln, Komödienstraße 4, ein ganz gewöhnlicher Tag. Wir waren dabei, die Vorbereitungen für das Wochenende zu treffen. Einige Mitbrüder arbeiteten noch an der Predigt, andere überlegten die Gestaltung der Liturgie.

Manfred Entrich
Der Berichterstatter, ein noch junger Dominikaner, mühte sich im Keller an der Hektographier-Maschine, um für die Besucher von St. Andreas die Texte der Liturgie zu drucken. Die Ungewöhnlichkeit dieses Tages kündigte sich damit an, dass die Maschine streikte. Und so beginnt diese Geschichte einer ungewöhnlichen Begegnung in der Grabeskirche des "großen Albert".

(Anmerkung der Red.: Der "Berichterstatter" ist inzwischen ein bekannter Dominikaner-Pater und seit 1996 Leiter der Zentralstelle Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz.)

Aller Einsatz von technischen Tricks und menschlicher Ausdauer nutzten nichts. Die Maschine ließ sich nicht zu neuer Tätigkeit bewegen. In meiner Verzweiflung hatte ich eine Idee. Die Druckerei des Generalvikariats - unweit unseres Klosters - konnte aushelfen. Ich packte die Manuskripte und eilte aus dem Kloster, um noch rechtzeitig vor Dienstschluss die Liturgie-Texte drucken lassen zu können. Ich kümmerte mich nicht darum, wie ich aussah: Hemd und Hose voll Druckerschwärze. Die Hände verklebt und schwarz verschmiert. Hoffentlich sieht mich niemand!

In dem Augenblick, als ich aus dem Kloster trat, hielt ein Auto vor der Tür. Zwei Herren stiegen aus. Unversehens stand ich dem Generalvikar von Köln gegenüber und seinem Gast, dem Kardinal von Krakau, Karol Wojtyla. Der Kardinal befand sich auf Einladung der Deutschen Bischofskonferenz mit einer Delegation in Deutschland. Mir stockte der Atem. Wohin jetzt mit mir?

Zurück - ging nicht mehr. Dran vorbei - auch nicht. Der Generalvikar kannte mich. Also: Forsch drauf zu, wenn auch nicht gerade im hochzeitlichen Gewande. Beide Herren schienen leicht irritiert: Wer kommt denn da aus dem Kloster? Das Äußere des Dominikaners war alles andere als (habit-)weiß, sondern ausgesprochen (druck-)schwarz! Ich entschuldigte meinen Aufzug, führte die Gäste erst einmal in die Kirche, alarmierte den Prior, auf dass alles einen etwas würdigeren Verlauf nehmen konnte.

Der Kardinal hatte - wie sich zeigte - nur einen Wunsch. Er wollte am Grab des Heiligen Albert, der in der Kirche St. Andreas - unweit des alten Dominikanerklosters - begraben liegt, beten. Seitdem liest man: Der Papst hat einen "Lieblings-Heiligen", den Heiligen Albert!

Der Kardinal aus Krakau, Karol Wojtyla, begab sich in die Krypta, kniete im Halbdunkel vor dem Grab des Heiligen und betete. Er betete besonders für die Theologen, für die Priester, für die Mönche. Und die Mönche von Sankt Andreas standen im Dunkel des Hintergrunds und staunten. Staunten über den Kardinal, der aus Krakau gekommen war, um am Grab des Heiligen Albert zu beten.

Hier könnte die Geschichte einer ungewöhnlichen Begegnung enden. Eine erinnerungswürdige Szene für die Konventschronik. Aber die Begegnung mit dem Heiligen Albert hat noch einen zweiten Teil - weniger auffällig, aber dafür um so geheimnisvoller.

Jeden Freitag um 5 Uhr nachmittags treffen sich junge und ältere Christen zu einem Gebet in St. Andreas. Es geht um die Anliegen der Kirche und die Sorge um den Frieden. So auch an diesem Freitag. Im Halbdunkel der Krypta sangen die Christen - Mönche und Besucher - wie immer ihre Fürbitten und Psalmen. Nach der Andacht waren alle still aus der Kirche gegangen. Ich blieb. In der Dämmerung erkannte ich einen Priester in schwarzer Soutane. Er kniete auf dem Boden - nahe der Pieta - und betete. Irgendwie kam mir der Priester bekannt vor. Wer mag er sein, dachte ich, und ging einen Schritt auf den Knienden zu. Ich war betroffen und tief erstaunt. Ich erkannte ihn. Es war der Kardinal! Heimlich und unauffällig hatte er sich noch einmal in die Kirche des Heiligen Albert begeben, um wieder bei ihm zu beten. Er muss die ganze Zeit, während wir sangen, in unserer Mitte gewesen sein, ohne dass wir ihn bemerkt hatten. Der Kardinal erhob sich und verließ die Krypta. Vor der Kirche stieß er auf eine Gruppe von Dominikanern und Gemeindemitgliedern, die oben wartete. Der Kardinal trat auf uns zu. Es waren nur wenige Augenblicke, die er damit verbrachte, mit uns über die Bedeutung der Gesänge und der Liturgie zu sprechen. Aber sie waren unvergesslich. Sie waren für uns eine bleibende Erinnerung. Nicht nur wegen dieses schlichten und eindrucksvollen Gebetszeugnisses, sondern vor allem durch die Umstände dieses ungewöhnlichen Besuchs eines Christen aus einem anderen Land. Polnische Bischöfe zum ersten Mal nach dem Krieg zu Gast bei uns in Deutschland. Und ein polnischer Kardinal aus Krakau, der sich aus dem Besucher-Zeremoniell gelöst hat, zum Grab des Heiligen Albert gegangen war und es in Kauf nahm, für eine Stunde und mehr bei den aufgeregten und ängstlichen Gastgebern beim Dom-Besuch als "vermisst" zu gelten. Man hört es förmlich noch auf dem Domplatz: "Wo ist der Kardinal? - Haben Sie den Kardinal nicht gesehen? Er ist - verschwunden!"

Dreieinhalb Wochen später. Am 16. Oktober 1978. Wir Dominikaner von St. Andreas waren wieder zum Gebet zusammen. Dieses Mal zum Abendlob des Konventes. Wir beteten gerade das Canticum der Vesper. Plötzlich setzten die Domglocken ein. Ein festliches Geläut. Das konnte nur eines bedeuten:

Habemus Papam! In Rom, beim Konklave, war ein neuer Papst gewählt worden! Nach dem Gebet hörten wir es im Radio: Ein polnischer Kardinal - Karol Wojtyla - war im 8. Wahlgang zum Papst gewählt worden. Ja, das war er, unser heimlicher Gast in der Kirche am Grab des Heiligen Albert! Wir gingen noch einmal hinunter zum Grab und beteten für den Kardinal Wojtyla, der jetzt Papst Johannes Paul II. geworden war. Und erinnerten uns: Damals - vor drei Wochen - war er am Nachmittag noch einmal zum Grab von Albert gegangen.

Damals war er plötzlich aus dem Dom verschwunden. Er wurde gesucht wie der zwölfjährige Jesus im Tempel; denn keiner wusste, wo er geblieben war. Wir wussten es.

So heimlich wie damals wird er nicht wieder an das Grab des großen Dominikaners zurückkehren können. Aber - es wird immer noch und immer wieder an diesem Grab gebetet. Auch für ihn, den Kardinal aus Krakau, den ich - sooft ich in der Krypta bin - immer wieder vor mir sehe, wie er am Grab des Heiligen Albert kniet und in tiefer Andacht betet: Papst Johannes Paul II., als er noch Karol Wojtyla hieß und Kardinal von Krakau war.

Diese Geschichte dieser außergewöhnlichen Begegnung - Albert und der kommende Papst - das ist das Mysterium im Jahr 1980 - 700 Jahre nach dem Tod von Albert. Das ist - aus meiner Sicht gesehen - der aktuelle Beitrag zum Thema: Albert - heute.



Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung von P. Dr. Entrich folgendem Buch entnommen:
van Bergh, Hendrik, Albertus Magnus, 99-105, Stuttgart-Degerloch, 1980
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