Foto: KNA/EbelMünchen, 13. September 2011. Eine „soziale Marktwirtschaft auf Weltebene“ hat der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, als langfristige Perspektive für eine neue Wirtschaftsordnung nach der Finanzmarktkrise gefordert. Bei einem Podium mit dem Titel „Die Welt neu denken – Wege jenseits der Krise“ am Dienstag, 13. September, in der Münchner Residenz unterstrich der Kardinal, „dass ein Markt nur dann Früchte trägt und dem Weltgemeinwohl dient, wenn er in einen ordnungspolitischen Rahmen eingeordnet ist, der ethische Qualitäten hat“. An der Diskussionsrunde nahmen neben Kardinal Marx der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein italienischer Amtskollege Giulio Tremonti, Marco Impagliazzo, der Präsident der Gemeinschaft Sant’Egidio, und Corrado Passera, Berater und Geschäftsführer der italienischen Bank Intesa Sanpaolo, teil. Das Podium fand im Rahmen des Internationalen Friedenstreffens statt, das die Gemeinschaft Sant´Egidio und das Erzbistum München und Freising von 11. bis 13. September in München veranstalten.
Mit Bezug auf die von Papst Benedikt XVI. in seiner Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ geforderten „neuen humanistischen Synthese“ hob Kardinal Marx die Notwendigkeit hervor, gemeinsam eine „neue Fortschrittsidee“ zu entwickeln, für „eine Gesellschaft, die allen eine Chance gibt“. Dazu müssten auch die Finanzmärkte einen produktiven Beitrag leisten. Aufgabe der Politik sei es, „das Ganze anzuschauen, von den Folgen für das Ganze her zu denken und dann die entscheidenden Schritte zu tun“. In diesem Bemühen müssten die Politiker auch von der Kirche unterstützt werden. Zugleich könnten die Religionen angesichts aktueller Tendenzen zu Provinzialismus und nationalem Populismus zur Entwicklung „einer globalen Schicksalsgemeinschaft“ beitragen und mithelfen, „dass es ein globales Verständnis von Menschenwürde gibt“.
Man dürfe die wirtschaftlichen Realitäten zwar nicht verkennen, müsse aber zugleich regulierend eingreifen: „Wir müssen uns der Wirklichkeit stellen, Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit. Aber die Wirklichkeit muss gestaltet werden“, sagte Marx: „Der Markt an sich ist blind, er sieht nicht die Armen, die Familien, die Kranken, die Nicht-Produktiven.“ Damit Wirtschaft und Finanzmärkte ihrem eigentlichen Zweck, dem Menschen, dienten, brauche es Rahmen und Regularien: „Ohne diese Rahmen dient der Markt nicht dem Gemeinwohl, sondern führt zur Zerstörung.“ Europa könne als positives Beispiel vorangehen und zeigen, „was es bedeutet, die Wirtschaft so zu gestalten, dass sie der Menschheit dient. Das ist jede Mühe wert“. (ck/kbr)
Foto (v.l.n.r.): Wolfgang Schäuble, Finanzminister, Kardinal Reinhard Marx, Giulio Tremonti, italienischer Finanzminister