Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 05.02.2006

Baumgartner Kolumnen

»Nur noch Unternehmen?

Gemeinschaften leben daraus, dass ihre Mitglieder sich mit ihnen identifizieren. Dass sie sagen: Das ist unser Staat, unsere Stadt, das ist meine Pfarrei, meine Universität, meine Firma. Identifikation ist Basis und zugleich der erste Schritt zu Solidarität, zu Mitsorge und zum Einbringen der eigenen Potenziale.

Wenn im März die Pfarrgemeinderatswahlen anstehen und wieder rund 10.000 Frauen und Männer kandidieren, dann dürfen wir die Bereitschaft so vieler als Zeichen für den Reichtum der kirchlichen Gemeinschaft betrachten. Solche Solidarität braucht Ermutigung und Anreize: Aber das Anreizsystem darf nicht in die falsche Richtung, in die Rich-tung der Selbstgenügsamkeit und des ausschließlichen Selbstversorgertums, weisen.

Der Staat versteht sich teils immer mehr als Dienstleister. Und den Bürger als zahlungs-pflichtigen Nutzer. Man möchte hoffen, dass dies nicht Schule macht. Ansonsten tritt der Staat in allen noch nicht privatisierten Bereichen der Daseinsvorsorge als Dienstleis-tungsunternehmen auf und macht den Bürger – kontraproduktiv für erwünschte Identifi-kation – zum distanzierten Kunden. Kunden sind anspruchsvoll. Wir können nicht das An-spruchsdenken der Gesellschaft geißeln, aber Kundenmentalität fördern.

Eine bedenkliche Entwicklung zeichnet sich ab, die mit der Ökonomisierung nicht-ökonomischer Gesellschaftsbereiche einhergeht. Zunehmend werden die Aufgaben von öffentlichem Interesse dem Schema von Wirtschaftsunternehmen unterworfen. Etwa im Gesundheitswesen: Die Arztpraxis ist zum Produzenten und Anbieter von Diensten ge-worden, der Patient zum Kunden. Das berührt das Vertrauen zwischen Arzt und Patient. Die Kundeneinstellung schadet auch der Krankenversicherung, die nicht mehr als Soli-dargemeinschaft erfahren, sondern der Nutzenmaximierung des Einzelnen unterworfen wird.

Das Pflegeheim wird nicht mehr als Hausgemeinschaft verstanden, in der Pflegebedürfti-ge, deren Lebensradius auf das Bett zusammengeschrumpft ist, die Chance haben, »auf-gehoben« zu sein. Es liegt in der Logik des jetzigen Dienstleistungsunternehmens, die Pflege in Pflegeschritte zu teilen, sie zeitlich zu bemessen und finanziell zu bewerten. So hat sich nicht nur der Status des Hauses und des Pflegebedürftigen, sondern auch das Verständnis der Pflege selbst verändert. Gemeinschaft löst sich auf.

Die Organisationsform des Unternehmens und ihre Aufgabe – Befriedigung des Fremdbedarfs – haben in der Wirtschaft ihre unverzichtbare Bedeutung. Wir dürfen sie aber nicht jeder Gemeinschaftstätigkeit überstülpen. Das führte zur Distanz, nicht zur Identifikation mit der Gemeinschaft, zur selbstgenügsamen Nutzenmaximierung und nicht zur Solidarität.