Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 15.10.2007

Baumgartner Kolumnen


Wenn in letzter Zeit die Parteien über den familienpolitischen Teil in ihren Grundsatzprogrammen diskutieren, heißt es oft: „Wir orientieren uns am modernen Familienbild und legen das traditionelle ad acta“. Meist wird dies damit begründet, dass man die Lebenswirklicht junger Mütter und Väter ernst nehmen wolle. Andere politische Ansichten werden dann oft abgekanzelt mit dem Vorwurf: „Du hängst ja einem traditionellen Familienbild an!“

Doch was versteht man genau unter einem „modernem Familienbild“? Dieser Frage nachzugehen, ist schon deswegen wichtig, weil wir als Kirche zu schnell als Anhänger eines überholten Familienbildes gelten. Hier gibt es viele Klischees. Was heißt modernes Familienbild? Was heißt traditionelles Familienbild? Ist das christliche Verständnis von Familie einem dieser beiden Modelle zuzuordnen?

Halten wir zunächst fest, welche Vorstellung von Familie die Menschen der gegenwärtigen Gesellschaft als gültig erachten. Jenseits aller kleineren Abweichungen können wir feststellen, dass das Familienideal der bürgerlichen Epoche des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen wesentlichen Punkten abgelöst worden ist von einer neuen Sicht der Familie. Das bezieht sich auf die Rolle der Frau innerhalb der Familie, vor allem gegenüber der Rolle des Mannes. Es betrifft den Status des Kindes in der Familie. Und es bezieht sich schließlich auf das Verhältnis der Familie zu Gesellschaft und Staat.

Das neue Familienbild ist dem Gedanken der Freiheit verpflichtet. Man wird nicht verheiratet, sondern die Partner entscheiden sich frei füreinander, unter Umständen auch ohne Rücksicht auf Standes- und Schichtzugehörigkeit. Man entscheidet sich frei für Kinder. Man hat ein Gespür dafür entwickelt, gerade gegenüber manchen Erfahrungen totalitärer Übergriffe, dass die Erziehung der Kinder ganz im Sinne unserer Verfassung zunächst Sache der Eltern ist und in ihre Verantwortlichkeit fällt. Gleichzeitig tritt der Subjektstatus des Kindes in den Vordergrund, und die Eltern sind sich der hohen Verantwortung bewusst, die sie mit der Entscheidung für das Kind übernehmen.

All diese Momente des modernen Familienbildes entsprechen dem christlichen Verständnis der Familie, wie es das Konzil in „Gaudium et Spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils entwickelt hat. Wir brauchen uns als Christen nicht in die Ecke der ewig Gestrigen stellen lassen.

Es mögen sich vielmehr andere fragen, ob sie die Restideologien in ihrem Familienverständnis schon völlig abgestreift haben. Wieder andere mögen sich fragen, mit welchem Recht und mit welchem moralischen Anspruch sie Eltern in eine Rechtfertigungsrolle drängen wollen, wenn diese im zweiten und dritten Lebensjahr ihre Kinder selbst und zu Hause erziehen. Selbstverständlich wissen wir, dass es Eltern gibt, die ihrer Verantwortung nicht nachkommen oder ihr nicht gerecht werden und dass die Entwicklung der Kinder darunter leidet. Aber ist es erlaubt, unsere normativen Vorstellungen vom faktischen Fehlverhalten einer Minderheit abhängig zu machen? Müssen nicht andere Wege beschritten werden, um Missstände zu beheben, als das Kind mit dem Bad auszuschütten?

Die durch Kinder unbehinderte Arbeitszeit der Eltern genießt allgemeine Anerkennung und staatliche Förderung. Das ist modern. Die durch Erwerbsarbeit weniger behinderte Familienzeit muss noch entdeckt und geschützt werden. Denn ohne Familienzeit gibt es keine Familien. Und ohne Familien gibt es keine Kinder. Im Namen des modernen Familienbildes, das dem Gedanken der Freiheit und der Verantwortung verpflichtet ist, ist es sogar unsere Pflicht, Kritik daran zu üben, wenn Familien nur noch den ökonomischen Zwängen untergeordnet werden.

Lassen Sie mich abschließend feststellen: Was heute rundum als Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie diskutiert wird, erscheint mir deshalb als zu kurz gedacht, weil es im Grunde gar nicht um Vereinbarkeit geht, nicht um das Ineinander und Zueinander von Beruf und Familie, sondern um eine schlichte Addition von zwei Größen, die nicht aufeinander bezogen werden. Und darin liegt die Überforderung der Familien. Sie bemühen sich allein bis zum „Geht-nicht-mehr“ um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Wirtschaft drängt, fordert und sie begrüßt die Erweiterung des Angebotes auf dem Arbeitsmarkt. Aber sie ist der Familie noch keinen Schritt entgegengekommen.