Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 18.11.2007

Baumgartner Kolumnen


Gedenken verloren?
oder
Vergessenes Gedenken


Ich glaube mich nicht zu täuschen: Die Zahl derer, die an Allerheiligen die Gräber aufsuchen, hat sich innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten halbiert. Der 1. November ist nicht mehr für alle der ausgesparte Tag, an dem die Großfamilie in der Heimat zusammmenkommt, sich am Grab der verstorbenen Angehörigen versammelt, für sie betet und Erinnerungen auffrischt. Kein Zweifel, die Freizeitindustrie hat längst auch die Tage um Allerheiligen entdeckt. Die Kanarischen Inseln locken mit ein paar warmen, spätsommerlichen Tagen.

Nun steht man am Grab und schaut sich auf dem Friedhof seiner Heimatstadt um. Das Grab unmittelbar hinter unserem Familiengrab ist abgetragen. Zwei Gräber weiter rechts tut sich eine große Lücke auf. Vorne links auch. War es vor Jahren noch äußerst schwierig, eine Grabstatt auf dem alten Friedhof zu erhalten, so lichten sich heute die Grabreihen. Beim Steinmetz stapeln sich abgetragene Steine, die eingravierten Namen verwittern. Sind das die Vorboten einer diesseitsgerichteten, säkularisierten Gesellschaft, die den Gedanken an die Gemeinschaft mit den Toten nicht mehr denken kann? Oder zeigt sich hier die Einstellung einer dynamischen, nach vorne gerichteten Generation, die meint, das Verweilen auf Friedhöfen vertrage sich nicht mit der vielbeschworenen Zukunftsfähigkeit? Es wäre jedenfalls zu kurz gegriffen, dem moralisch begegnen zu wollen, worin sich vermutlich ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel abzeichnet.

Man kann, sagen manche, der lieben Angehörigen gedenken, ohne am Grab zu stehen. Man muss nicht an diesem einen Tag das Grab mit Blumen überhäufen. Man muss nicht Kerzen anzünden und Weihwasser versprengen. Gewiss, man kann, man muss nicht. Es gibt auch das stille, an keinen Ort gebundene Gedenken. Aber man darf doch die Frage stellen, ob hier nicht häufig eine fromme Lebenslüge das Abhandenkommen der persönlichen und gesellschaftlichen Erinnerungsfähigkeit bemäntelt. Die meisten von uns brauchen Orte, Zeiten und Zeichen des Gedenkens. Aufgelassene Gräber und verwitterte Namen sind nicht notwendigerweise, aber wohl nicht selten Zeichen getilgter Erinnerung und vielleicht auch der Unfähigkeit zu verstehen, dass die eigene Lebensgeschichte mit der Geschichte anderer, die uns vorausgegangen sind, aufs tiefste verwoben ist.

Man muss nicht am Grab stehen. Das Verweilen am Grab wäre aber eine Chance, die eigene Herkunft und Zukunft nüchtern zu bedenken. Es wäre eine Chance, sich selbst und sein Leben besser zu verstehen.