Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.
Waging

„…und weil in der Herberge kein Platz für sie war…“- ... kamen sie zur Familie Riedl

Flüchtlingshilfe Waging
Ende Juni lasen wir in der Tageszeitung, dass aufgrund der Flüchtlingswelle die Landratsämter Bereitschaftspflegefamilien suchen, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufnehmen.

Im Familienrat besprachen wir die derzeitige Weltsituation und kamen alle zum Entschluss, im Sinne der christlichen Nächstenliebe und Gastfreundschaft in unserer Familie diesen Schritt zu wagen. Zunächst erkundigten wir uns bei Familie Korbacher, die für staatliche Behörden seit geraumer Zeit Kinder in gleicher Weise in Obhut nehmen und sich vorbildlich darum kümmern. Außerdem meldeten wir unsere Bereitschaft beim Landratsamt an und durchliefen die normalen bürokratischen Vorgänge zur Eignung. Das heißt:
Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses, Gesundheitscheck beim Arzt, Stellungnahmen und ein vor Ort Besuch. Während der etwa vierwöchige Prozedur stellten wir uns mental, praktisch (Kauf eines Langenscheidts ohne Worte) und durch wohnraumtechnische Umbaumaßnahmen auf unsere neuen Mitbewohner ein.
 
Natürlich wussten wir nicht:
Wer wird kommen? Woher? Was haben die Menschen erlebt? Wie lange waren sie unterwegs? Sind sie traumatisiert?
Wir wussten nur, dass wir Kinder aufnehmen werden, die illegal nach Deutschland eingereist waren, lange und lebensgefährliche Wege auf sich nahmen und schließlich von der Polizei aufgegriffen wurden. Das Amt für Kinder und Jugend am Landratsamt hat danach dafür zu sorgen, dass es den Minderjährigen in der sogenannten „Clearingphase“ gut geht. Genau für diese Zeit stellen wir uns zur Verfügung, d.h. zunächst für Mahlzeiten zu sorgen, ein Bett zum Schlafen und die Möglichkeit für eine ausreichende hygienische Versorgung anzubieten.
In dieser Zeit wird geklärt, wie es weitergeht:
Sind Angehörige in Deutschland? Was ist der Grund der Flucht? Wie geht es weiter?
Flüchtlingshilfe Waging
Anfang September war es soweit. Wir bekamen vom Landratsamt einen Anruf, dass im Amt ein zwölfjähriger afghanischer Junge sitzt, der nach Deutschland allein eingereist ist und keinerlei deutsche Sprachkenntnisse besitzt. Meine Frau holte ihn dort ab. Zuhause völlig erschöpft angekommen aß und trank er, danach legte er sich zum Schlafen hin und war bis zum nächsten Morgen nicht mehr zu sehen.  Das erste war, ihn mit neuen Klamotten auszustatten und ihm das Gefühl zu geben, dass er keine Angst zu haben braucht. Natürlich gewann er durch unsere Kinder „sorgenfrei spielend“ schnell Vertrauen und wir erfuhren, dass er aus einer Nomaden- Schäfer- Familie stammte und dass die Taliban seine Familie und Sippe bedrohte. Irgendwie gelang ihm die Flucht und landete im „gelobten Land“. Wir stellten allerdings fest, selbst die einfachsten Dinge, wie z. B. die Benutzung einer Toilette oder das Essen mit Messer und Gabel fielen unserem jungen Gast schwer, weil er es einfach nicht kannte! Bewegt haben mich jedoch auch die gemeinsamen Zeiten zu Tisch. Vor jeder Mahlzeit sprach jeder in seiner Sprache sein Gebet!
Nach zehn Tagen konnten wir ihn getrost in ein Caritas Kinderheim weitergeben. Bei der Verabschiedung versprach er mir, dass er bis Weihnachten Deutsch lernt und dass wir zum Jahresende herum telefonieren.
Doch das kam früher:
Anfang Oktober rief er völlig überraschend an und erzählte uns auf Deutsch, dass er jetzt in die Schule und zu einem Fußballclub gehe und dass er sich wohl fühle. Dieser sprachliche Fortschritt innerhalb von vier Wochen hat uns alle aus den Socken gehauen.
 
Unser zweiter Gast war ein eritreischer Junge. Wir erfuhren bei der Übergabe im Landratsamt, dass er über Italien nach Deutschland 8 Monate unterwegs war, nicht zum Militär wollte und endlich die Chance haben möchte, eine Schule zu besuchen um ein besseres Leben zu haben. Auch ihm boten wir bei uns einfach einen Platz zum Stärken und Ausruhen an. Wir erfuhren über einen Übersetzer, der uns stets zur Verfügung steht, dass er einen Bruder hat und sich zunächst nichts Sehnlicheres wünsche, als seinen Bruder zu sehen.  Bereits nach vier Tagen konnten wir zur „Bruderumarmung“ beitragen.
Flüchtlingshilfe Waging
Derzeit sind bei uns in der Familie drei eritreische Mädchen untergebracht. So wie es aussieht, werden sie für längere Zeit, weil in den Herbergen unseres Staates keine Plätze mehr vorhanden sind, bei uns sein. 
 
Ja, es gibt Sprachbarrieren, es gibt unterschiedliche Auffassungen z.B. auch in der Esskultur (Tabasco- Soße ohne Ende!) und in den gesellschaftlichen Normen (Pünktlichkeit und Sauberkeit).
 
Ja, es ist eine zusätzliche kümmernde familiäre Herausforderung (Organisation der Arztbesuche, Fahrt zur Sprachschule) aber auch bereichernd, horizonterweiternd und manchmal „saukomisch“ zugleich.
 
Ja, das Ganze ist „lebens- not- wendig! Ich kann sagen, dass es nicht schadet, wenn die Türen und Herzen geöffnet werden.
 
An dieser Stelle ist es mir auch ein Anliegen meinen Dank auszusprechen an meinen Arbeitgeber, dem Erzbischöflichen Ordinariat in München, dem Pastoralteam und den vielen Menschen im Pfarrverband Waging, die durch Wort und Tat immer wieder unterstützend zur Seite stehen.
 
Mein ganz besonderer Dank gilt unserer Nachbarschaft, die solidarisch, wohlgesonnen, aufgeschlossen, ja schon selbstverständlich ihre jungen farbigen Nachbarn aufnehmen.
 
Gerade mit den negativen Bildern aus den „Massenunterkünften“ im Kopf möchte ich es hier nicht versäumen auch ein Kompliment an alle Behörden aussprechen, die versuchen schlicht die Menschlichkeit in diesem Flüchtlingschaos zu wahren.
 
Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nicht sagen, wer bei uns in der Familie noch unterm Christbaum sitzt. Ich gebe zu, von Herzen hätte ich es unseren Gästen gegönnt, dass Sie mit ihren Lieben zuhause in Frieden Weihnachten feiern könnten….
 
„So wie es ist, so ist es nun einmal!“ Ich weiß, dass es in unserer Familie ein wahrhaftiges und gutes Christfest werden wird.
Ja, fast wie jedes Jahr, nur mit dem Beigeschmack, dass es heuer die Weißwürste an Heiligabend mit Tabasco- Soße gibt!   

In diesem Sinne wünsche ich, dass uns allen die weihnachtliche Freude über unseren Retter und Erlöser Jesus Christus nicht abhandenkommt.  Darum allseits eine innige Adventszeit, gute Feiertage, frohmachende und gesegnete Weihnachten.
 
Gemeindereferent Martin Riedl mit Familie
Gemeindereferent im Pfarrverband Waging
Tel: 08681/4715942, mriedl@ebmuc.de