Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
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Impuls zum Konzil

Die Fenster der Kirche öffnenDer bleibende Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils

Als Papst Johannes XXIII. vor über 50 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil ankündigte, rief er dazu auch, die Fenster der Kirche zu öffnen und frischen Wind hereinzulassen. Frischer Wind durch die geöffneten Fenster – dieses Bild macht deutlich: Die Kirche darf sich nicht abgrenzen von der Welt. Sie darf sich nicht einigeln und um sich selber kreisen. Ihr Auftrag ist es, sich den Menschen zu öffnen, ihnen zuzuhören, ihre Fragen aufzugreifen und zu verstehen, woran sie leiden und worüber sie sich freuen.

Damit die Kirche diesen Auftrag erfüllen kann, kommt sie um das Risiko des Sich-Aussetzens nicht herum. Die Fenster zu öffnen ist das eine, die Türen der kirchlichen Festungen zu öffnen und in die pluralen Lebensräume der Menschen aufzubrechen, ist das andere. Die Kirche verliert sich dort nicht, sondern sie entdeckt sich dort, weil sie dort erkennt, wohin und wie weit der Glaube hier und heute trägt. Dies erfordert eine Kultur des Sich-Verstörens-Lassens durch die Wirklichkeit. Es erfordert die Bereitschaft, sich aufmerksam auf die Welt einzulassen, wie Jesus sich auf die Welt eingelassen hat; es erfordert, das Wagnis des Neuen einzugehen, wie es Jesus in Wort und Tat getan hat.
Die offenen Fenster sind ein treffendes Bild für die Programmatik des Zweiten Vatikanischen Konzils – für die Programmatik des öffnenden Sich-Aussetzens und des Sprungs nach vorn. Vier Öffnungen sind es, die den (viel und manchmal zu Unrecht oder ungenau zitieren) „Geist des Konzils“ erkennen lassen. Das Konzil weitete den Blick
  • von einer stark klerikal bestimmten Kirche hin zu allen Gläubigen (den „Laien“),
  • zu den anderen christlichen Konfessionen („Ökumene“),
  • zu den anderen Religionen (interreligiöser Dialog)
  • zu allen Menschen
Das Konzil zeichnete damit, ohne dass es dies ausdrücklich zum Thema machte, ein Bild von einem Gott, der in seiner unendlichen Liebe alle Menschen wirksam umfängt, sie von ihrer Angst um sich selbst befreit und Freude und Hoffnung schenkt. Weil wir als Christen an einen sich öffnenden, Liebe aus-strahlenden Gott glauben, ist es unser Auftrag, uns der Pluralität des heutigen Lebens auszusetzen, sich auf neue, noch unausgetretene Pfade einzulassen und den christlichen Glauben immer wieder neu zu vergegenwärtigen. Enge und ängstliche Verschlossenheit sollten keine Eigenschaften sein, die Christen und der Kirche zugeschrieben werden. Weil es der Kirche um die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ (Gaudium et spes Nr. 1) gehen muss, ist sie zu einem ständigen „Ortswechsel“ herausgefordert. Das heißt: Sie muss sich auf das Fremde einlassen, auf fremde Orte, fremde Milieus, fremde Lebensstile etc. Nur wenn die Bewegung des „Sich-den-anderen-Aussetzens“ vollzogen wird, ist die Einladung an den eigenen Ort glaubwürdig.


Dr. Martin Schneider
Theologischer Grundsatzreferent des Diözesanrates der Katholiken der Erzdiözese München und Freising
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