Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 12. Dezember 2010

Die Hand Gottes

Da war sie wieder, jene bisweilen merkwürdige Verbindung von Fußball und Religion. Bei der WM in Südafrika konnte man sehen, wie Fußballspieler, Trainer und Zuschauer ihren Glauben, gelegentlich aber auch ihren Aberglauben vor den Augen der Weltöffentlichkeit demonstrativ zelebrierten. Haben Sie mitgezählt, wie oft sich der argentinische Trainer am Spielfeldrand bekreuzigte? Dieses Ritual vor laufenden Kameras war selbst für Christen befremdlich. Von Erfolg war die Aktion Maradonas freilich nicht gekrönt. Im Viertelfinale war Schluss, bekanntlich gegen Deutschland. Dennoch scheint jener begnadete Weltfußballer seit jeher einen besonderen Draht nach oben zu haben. Hat er doch sein irreguläres Tor bei der WM 1986 in Mexiko gegen England später mit der „Hand Gottes“ gerechtfertigt.
Auch in Südafrika waren so manche Hände Spiel entscheidend. Kaum ein Handspiel war jedoch für den Gegner so tragisch wie das des Uruguayers Luis Suárez – eine grobe Unsportlichkeit, für die er sich in seiner Heimat als Held feiern ließ, während Ghana traurig ausschied. Selbstredend, dass auch Suárez seine Aktion mit der „Hand Gottes“ entschuldigte.
Auf welcher Seite soll er denn nun stehen, der vielbeschworene Fußballgott, wenn ihn doch gleichzeitig so viele um den Erfolg anflehen? Vielleicht hält Gott sich weise raus aus der Sache und überlässt die Angelegenheit dem Tintenfisch Paul bzw. seinem Nachfolger.
Wo aber hat Gott tatsächlich seine Hand im Spiel? Bei der Silvesterpredigt 2004 sagte Friedrich Kardinal Wetter im Hinblick auf den Tsunami in Südostasien: „Die größte Naturkatastrophe der jüngsten Geschichte wirft Fragen nach dem Warum auf. Wer könnte sie beantworten? In dieser Welt gibt es keine letzte Absicherung. Die gibt es nur an der Hand Gottes.“ Das Bild von der Hand Gottes wurde in diesem Jahr auch von einer anderen Theologin verwendet. Im Februar erklärte Margot Käßmann bei ihrer Rücktrittserklärung: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand."
Bei beiden Theologen ist die Hand Gottes eine Metapher für ein tiefes und echtes Gottvertrauen und keine billige Exkulpierung von offensichtlichem Fehlverhalten. Die Hand Gottes ist bei ihnen ein Bild für den gläubigen Menschen, der weiß, dass er an dieser Hand des Vaters nicht zu verzweifeln braucht, weil sie uns als seine Kinder hält. Wir bleiben Kinder Gottes vor jeder Leistung und trotz aller Schuld. Jeder Mensch darf sicher sein: Mein Name ist in seine Handfläche geschrieben. Ich ganz persönlich bin für Gott wertvoll. Im Vertrauen darauf können wir mit dem Psalmisten bekennen: „Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich fest.“ (Ps 63,9)
Dieser Glaube lässt uns freudig die Menschwerdung Gottes feiern und er lässt uns hoffnungsfroh in ein neues, in ein gutes, in ein gesegnetes Jahr gehen.
Tremmel
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