Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 30. Januar 2011

Christliche Genet(h)ik

Die Botschaft des Erfolgsmotivators ist ebenso simpel wie vielversprechend: „Aktivieren Sie Ihr Gewinner-Gen!“ Im Sport wird das „Sieger-Gen“, bei einer Partei das „Gemeinschafts-Gen“ beschworen. Niemand käme bei diesen Aussagen jedoch ernsthaft auf die Idee, tatsächlich im menschlichen Erbgut nach den Garanten des Sieges- bzw. Einheitswillens zu forschen. Allzu offensichtlich ist dieses „Gen“ lediglich eine Umschreibung für den tief verwurzelten inneren Antrieb, zusammen zu stehen und an die eigenen Möglichkeiten zu glauben.
Andererseits ist uns tatsächlich viel mehr in die Wiege gelegt, als wir oft meinen. Die Forschung auf dem Gebiet der Gene wird noch viel Überraschendes und manch Hilfreiches zu Tage fördern. Was aber, wenn von genetischen Voraussetzungen auf menschliches Verhalten geschlossen wird, wenn Soziologie, Sozialphilosophie oder Politik vorschnell und geradezu naiv ihre Anleihen aus der Genetik nehmen? Werden Menschen dann nicht rasch in eine genetische Schublade geschoben, aus der sie bei bestem Willen und trotz individueller Anstrengung kaum mehr herauskommen? Wenn der Finanzexperte Thilo Sarrazin meint, er müsse ein ernstes Anliegen auf eine solch primitive Ebene bringen und gängige Vorurteile biologisch begründen, dann gibt es hierfür durchaus eine ethische Strategie als Antwort auf diesen Versuch: aktive Ignoranz aufgrund der Niveaulosigkeit der Behauptungen.
Zwar hat die Sozialforschung nachgewiesen, dass gläubige Menschen – vermutlich nicht zuletzt aufgrund religiöser Gebote – gebärfreudiger sind als nichtgläubige, diese Feststellung aber auch noch genetisch untermauern zu wollen, wäre blanker Unsinn. Andererseits können auch wir ein „Gen“ in die Diskussion einbringen. Nennen wir es das „Abbild-Gottes-Gen“. Es lässt sich zwar nur im Glauben und mit der jüdisch-christlichen Anthropologie begründen, ist aber seit mehreren tausend Jahren gut belegt. Das göttliche Gen verbindet keineswegs exklusiv nur uns Christen. Nach unserer Vorstellung besitzen dieses universale Abbild-Gottes-Gen alle Menschen. Vielleicht wäre es eine gute Basis für das Gespräch, wenn wir deutlich machen könnten, dass wir das Gemeinsame suchen und nicht das Trennende zementieren wollen. Überdies hätten wir damit einen der modernen Demokratie und den Menschenrechten adäquaten Ansatz gefunden.
Vorurteile genetisch Grund legen zu wollen, schafft nur Probleme. Wir aber brauchen Lösungen. Denn was in diesem Zusammenhang jenseits von Ironie und Polemik tatsächlich ernsthaft diskutiert werden muss, ist die Problematik, wie wir mit den Menschen und vor allem mit ihren Kindern umgehen, die bei uns aber nicht mit uns leben wollen. Zwar ist dies nur eine Minderheit, aber keine, die wir ignorieren können – die Vererbungslehre von Herrn Sarrazin schon.
Tremmel
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