Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 5. Juni 2011

Alles andere als einfach


Wer von uns hat nicht schon einmal spontan etwas gesagt, das ihm hinterher leid getan hat, das er gerne zurückgenommen oder lieber differenzierter ausgedrückt hätte? Wer schon einmal ein Statement von jetzt auf gleich in ein Mikrophon hat sagen müssen, der weiß, so einfach ist das nicht. Freilich, Routine ist hilfreich, aber auch nicht immer ein Garant für Fehlerlosigkeit. Es war ein nachvollziehbarer, ein verzeihlicher, aber dennoch ein Fehler, dass unsere Bundeskanzlerin jenen Satz in die Kamera gesprochen hat, sie freue sich, dass es gelungen sei, Osama bin Laden zu töten.
Unverhohlen Freude über das gewaltsame Ableben des meistgesuchten Terroristen zu zeigen, ist sehr verständlich für die Menschen, die durch einen Tötungsbefehl des fanatischen Terrorchefs ihr Kind, ihre Frau, ihren Mann oder sonst einen lieben Menschen verloren haben – in Amerika genauso wie andernorts. Wir dürfen dabei nicht übersehen, auch viele Menschen islamischen Glaubens sind erleichtert, denn der Al-Quaida-Führer hat zwar die Religion für seine Zwecke instrumentalisiert, er hat aber auch und gerade in der islamischen Welt Angst und Schrecken verbreitet. Auch dort ist er für den grausamen Tod von vielen Menschen mitverantwortlich.
Der Einzelne darf Rachegefühle hegen, der Rechtsstaat nicht. Für die öffentliche Beurteilung hierzulande muss deshalb ein anderer Maßstab gelten. Freude von staatlichen Repräsentanten über die Tötung eines Menschen ist nicht angebracht. Nicht nur für eine christliche Politikerin ist dies unangemessen, denn selbst der schlimmste Feind verdient Achtung und Respekt und verliert auch durch noch so schreckliche Taten nicht seine Würde als Mensch. Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß das und hat ihre umstrittenen Äußerungen daher zeitnah relativiert, indem sie erklärte, wir könnten und dürften darüber erleichtert sein, dass Bin Laden Menschen kein Leid mehr zufügen könne. Fehler eingesehen – Fehler korrigiert! Damit soll es auch genügen.
Weitaus schwieriger ist die ethische Beurteilung der Angelegenheit selber. Bei aller Erleichterung, ein fader Beigeschmack bleibt. Gab es Alternativen zur sofortigen Tötung? War es eine Art Notwehr oder eine völkerrechtswidrige Hinrichtung auf dem Gebiet eines fremden, souveränen Staates ohne Gerichtsverfahren und ohne Urteil? Der Friedensnobelpreisträger Barack Obama hat sein Wahlversprechen gehalten. Er hat den Staatsfeind Nr. 1 tatsächlich zur Strecke gebracht. Aber um welchen Preis? Sein moralisches Dilemma zeigt, dass Politik gelegentlich ohne Schuld und ohne die Inkaufnahme des kleineren Übels schwer möglich ist. Die christliche Feindesliebe gebietet uns, die Würde auch eines noch so schrecklichen Menschen zu achten, auch über den Tod hinaus. Dies ist offensichtlich alles andere als einfach.

Tremmel
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