Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
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Münchner Kirchenzeitung vom 18. Dezember 2011

Holzweg

Holz war wohl das Material, mit dem jenes jüdische Kind, auf dessen erneute Ankunft wir uns seit zwei Jahrtausenden mehr schlecht als recht vorbereiten, zuerst in Berührung gekommen ist. Es wurde in eine hölzerne Krippe gelegt, weil für die Zugereisten anderswo bereits damals kein Platz war. Holz hat den Knaben weiter begleitet, war er doch in eine holzverarbeitende Handwerkerfamilie hineingeboren. Sicherlich hat er Bauklötzchen besessen und einfaches Holzspielzeug. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er seine ersten Buchstaben in Sägespäne schrieb. Aber bevor er überhaupt in der heimischen Werkstatt spielen konnte, mussten Josef und Maria mit ihm fliehen. In der Fremde erging es ihnen, wie es Flüchtlingen und Asylsuchenden so zu gehen pflegt. Sie wurden nur geduldet, mussten Repressalien erleiden und waren von der Gnade der Einheimischen abhängig. Die vielbeschworene Gastfreundschaft galt damals wie heute eher Ihresgleichen oder Höherstehenden. Jesus hat davon zunächst noch wenig mitbekommen. Er war zu klein. Die spezielle Flüchtlingserfahrung der Familie und die kollektive seines Volkes jedoch haben sich tief in sein Bewusstsein gegraben, haben sein soziales Denken maßgeblich geprägt.
Wir wissen es nicht, aber es ist anzunehmen, dass Jesus selber schon früh den professionellen Umgang mit Holz erlernt hat. Ein wunderbarer Beruf für den, der sich dazu berufen fühlt. In dem Jugendlichen aus dem unbedeutenden Dorf Nazaret allerdings steckte noch anderes, wenngleich er auch in seiner eigenen Heimat immer wieder auf seine schlichte Herkunft reduziert wurde. Im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums lesen wir die erstaunten Fragen: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Woher hat er diese Weisheit?“ Die nichtvorhandene Durchlässigkeit im Bildungssystem, die Schwierigkeiten des sozialen Aufstiegs von Menschen aus den sogenannten unteren Schichten oder von intelligenten Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind ebenso alt wie aktuell. Aufstiege gehen nicht selten einher mit der Erfahrung von Neid, Missgunst und Aggression. Milieustudien belegen dies.
Auch der besondere Holzweg Jesu hatte mit dem Zimmermannsberuf noch kein Ende gefunden. Holz ist nämlich auch das letzte Material, das Jesus in seinem Leben gespürt hat. In einem Gedicht von Kurt Marti heißt es: „Nicht Ägypten ist der Fluchtpunkt der Flucht. Das Kind wird gerettet für härtere Tage. Fluchtpunkt der Flucht ist das Kreuz.“ Ende und Anfang.
Während unsere Volksvertreter gerade beschämt und entsetzt die schrecklichen Taten des rechten Terrors beklagen, sollten auch wir, das Volk, fragen, wo wir den Nährboden für dieses menschenverachtende Gedankengut bereiten, das meint, manche Menschen seien allein aufgrund ihrer Geburt schlechter als andere. Der Advent ist dazu eine gute Zeit der Besinnung.
Tremmel
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