Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 03.11.2012

Mehrwert-Steuer

Zuerst kommt das Geschenk des Lebens. Zeitnah folgt in Deutschland für viele Kinder ein weiteres Geschenk, nämlich die Taufe. Etwa 61% sind hierzulande Christen. Egal, was im Leben so passiert, ob die Beziehung zu dem dreieinigen Gott nun innig, lau oder sogar abweisend ist, das Urgeschenk der Taufe bleibt. Die Taufe lässt sich nicht abwaschen. Sie geht nicht verloren. Und selbst wenn man der Gemeinschaft der Getauften offiziell den Rücken kehrt, das christliche Siegel der Gottesbeziehung bleibt.

Es bleibt auch für den, der mit der katholischen Kirche bricht und die Konsequenzen dieses Bruches meint in Kauf nehmen zu wollen. Nicht wenige tun es, weil ihnen die Kirche keine Heimat mehr ist, weil sie manche Entscheidungen kirchlicher Verantwortungsträger nicht akzeptieren können oder schlichtweg, weil sie Steuern sparen möchten. Gerade in einer Zeit des Zweifelns am Sinn der Institution und ihrer Finanzierung gilt es daher, den Mehrwert unseres sozialen, spirituellen, geistigen, eben des christlichen Engagements deutlich zu machen.

Wenn in einem staatlichen Altenheim oder in einem Krankenhaus gut betreut und gepflegt wird, dann ist das eine Wohltat für alle Beteiligten. Meistens gibt es dort aber noch mehr, nämlich die seelsorgliche Begleitung für die, denen das etwas bedeutet. Im normalen Leistungsbetrieb wird zusätzliche Zeit für ein tiefes Gespräch zu einem wertvollen Luxusgut, das nicht über Versicherungen abgedeckt werden muss, weil es zur Kernaufgabe und Kernkompetenz der Kirche gehört. Wenn Menschen in einem Hospiz würdevoll auf ihrem letzten Weg begleitet werden, dann ist das ein Glück. Wenn diesen Menschen darüber hinaus auch noch glaubwürdig und mit ehrlicher Überzeugung erfahrbar gemacht werden kann, dass jemand auf sie wartet, wenn sie aus diesem Leben scheiden, dann ist das Segen und Gnade.

Als Einheit von Leib und Seele benötigt der Mensch eine ganzheitliche Zuwendung. In Deutschland lassen wir uns diesen Mehrwert nicht nur für Kranke und Pflegebedürftige etwas kosten. Die Vermittlung von ethischen Grundhaltungen durch Bildungsangebote oder die Mithilfe beim Hineinwachsen in eine verantwortungsvolle Gemeinschaft durch eine Pfarrei sind nicht zum Nulltarif zu haben. Um Menschen am Rande der Gesellschaft zeigen zu können, dass sie nicht abgeschrieben sind, ihnen Halt und Sinn zu geben, dazu braucht es geschulte Ehrenamtliche und Profis, gut ausgestattete Einrichtungen und effektive Institutionen.

Natürlich sind Nächstenliebe, spirituelle Erfahrung und christliche Gemeinschaft nicht allein mit Geld zu erkaufen. Aber die Finanzausstattung hilft der Kirche, sinnvolle Rahmenbedingungen für den Mehrwert der christlichen Heilsbotschaft zu schaffen und zu sichern. In diesem Sinne kann man sagen: Kirchensteuer ist Mehrwert-Steuer.
Tremmel
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