Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 10.03.2013

Traditionen sind kein Selbstzweck

Noch ganz frisch sind meine Eindrücke von der bewegenden letzten Generalaudienz von Papst Benedikt XVI. Dass ich in der sehr kleinen Delegation von Kardinal Marx die Laien der Erzdiözese vertreten durfte, ist ein sehr starkes Zeichen, dass wir in unserem Erzbistum tatsächlich gemeinsam als Kirche unterwegs sein wollen. Gerade im Vatikan sind solche symbolischen Gesten wichtig.

Ganz ohne Sentimentalität aber verbinde ich mit dem starken Abgang dieses für uns natürlich ganz besonderen Papstes auch noch eine andere Botschaft. Benedikt ist nicht aus dem Amt geflohen, als der Sturm der Krisen und Skandale am stärksten wütete, sondern als sich die Wogen etwas gelegt hatten, verkündete er ruhig und leise, das Ruder nun aus der Hand zu geben. Wenn ein Papst aus Altersgründen zurücktritt, ist das nicht nur ein fast beispielloses historisches Ereignis. Die Bedeutung des Petrus-amtes für die Kirche wird dadurch keinesfalls relativiert, aber der übermenschliche Nimbus des Stellvertreters Christi auf Erden verliert durch die Erkenntnis, dass es sich bei dem Amtsinhaber tatsächlich um einen Menschen mit all seinen Begrenzungen handelt, seine dogmatische Überhöhung. Ein Amt auf Zeit – und sei es noch so bedeutend – kann beendet werden, wenn ein Mensch autonom entscheidet, dass für ihn die Zeit gekommen ist. Damit ist aus meiner Sicht auch eine weitere Botschaft verbunden, nämlich dass Traditionen keinem Selbstzweck dienen dürfen. Ausflüchte gegen dringend notwendige Reformen und Neuerungen in der Kirche werden sich künftig schwertun, wenn sie mit folgenden Floskeln eingeleitet werden: Das hat es noch nie gegeben. Das kann und darf es in der Kirche nicht geben. Das widerspricht unserer über Jahrhunderte bewährten und gepflegten Tradition. Vernünftige Argumente in Freiheit vorgetragen statt starren Beharrens auf vermeintlich sakrosankten Traditionen – auch diese Botschaft verbinde ich mit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. Dies gibt mir Hoffnung auch für unsere momentan schwierige innerkirchliche Situation. Und für diese Hoffnung danke ich dem emeritierten Bischof von Rom und wünsche ihm nun Gottes Segen für seinen mehr als verdienten Ruhestand. Bleiben wir im Gebet mit ihm verbunden und beten wir für einen guten Nachfolger.

Anders als noch vor einigen Jahrzehnten hat Kirche ihre Selbstverständlichkeit verloren und Konkurrenz durch andere Angebote beziehungsweise Sinnvermittlungsinstanzen bekommen. Das kann man bedauern, ist aber eine Tatsache, die durchaus auch positiv zu bewerten ist, weil die Notwendigkeit einer bewussten Entscheidung eher unserer Vorstellung von der Freiheit der Kinder Gottes entspricht. Vergessen wir nicht, es ist die Kirche Jesu Christi. Er braucht uns, denn wer, wenn nicht wir, könnte authentisch den Glauben an unsere Kinder, Enkel, an Freunde und Bekannte oder auch an Fremde und Fernstehende weitergeben. Glaubenszeugnis und -verkündigung sind kein Privileg der Kleriker oder der kirchlichen Hierarchie. Paulus fordert im Römerbrief, im Herzen zu glauben und im Mund zu bekennen (Römer 10,10). Gemeinsam sind wir Volk Gottes und gemeinsam haben wir die Heilsbotschaft Jesu Christi zu leben und zu verkünden.
Tremmel

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