Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 17.05.2015

Subsidiarität
 
„Hilf mir, es selbst zu tun.“ Dieser Kernsatz aus der Pädagogik von Maria Montessori ist wohl eine der gelungensten Umschreibungen des Subsidiaritätsprinzips. Jenes Sozialprinzips, das seit der Enzyklika „Quadragesimo anno“ von 1931 einen regelrechten Siegeszug auch in staatliche Rechtsordnungen genommen hat. Eigentlich steckt das Wesentliche bereits im ersten Wort des Zitats – nämlich Hilfe. Hilfe ist die deutsche Übersetzung des lateinischen „Subsidium“. Hilfe soll dem gewährt werden, der sie tatsächlich braucht. Jesus konnte im Gleichnis vom Samariter sehr anschaulich zeigen, was dies konkret bedeutet. Manche vergessen das Hilfegebot allzu gerne, wenn sie an die Eigenverantwortung des Menschen appellieren: Selber schuld, wenn man unter die Räuber fällt, weil man alleine in einer unsicheren Gegend unterwegs ist. Selber schuld, wenn man keine Arbeit findet, weil man nichts Anständiges gelernt hat. Selber schuld, wenn man im Mittelmeer in Seenot gerät, weil man an der lybischen Küste in eine Nussschale eingestiegen ist. Selber schuld, wenn man in einen Bürgerkrieg gerät, weil man keine vernünftige Regierung zustande bringt. Selber schuld, wenn man am Verhungern und Verdursten ist, weil man die Flüsse und Böden mit Pestiziden verseucht hat, um Gewinne zu maximieren.
Ja, im Zusammenhang mit Hilfe und Hilfeverweigerung darf gerne auch die Schuldfrage gestellt werden. Aber diese Frage kann schnell zum Bumerang werden. Denn wer ist wirklich woran schuld? Sind es die Hilfebedürftigen selber oder die Rahmenbedingungen? Sind es die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung oder die profitgierigen Reichen? Sind es böse Menschen oder böse Strukturen? Wie weit tragen auch wir Mitschuld am schlimmen Zustand von Menschen hier und anderswo?
Wir sehen, die Schuldzuweisungen sind alles andere als simpel. Einfach aber ist die Antwort Jesu auf die Frage des Gesetzeslehrers, wer sein Nächster sei. „Jeder, der meine Hilfe braucht, ist mein Nächster.“
Eigenverantwortung gehört zweifellos in den Grundbestand der freien Entfaltung des Menschen. Gerade wirtschaftsliberal denkenden Politiker kommt das sehr gelegen, weil es Kosten spart, wenn jeder sich um sich selber kümmern muss. Eigenverantwortung ist dann die Zauberformel gegen Faule, Schmarotzer, Unnütze – kurz gegen Leute, die der Allgemeinheit auf der Tasche liegen. Soziale Marktwirtschaft geht freilich anders. Hier handelt es sich nicht um Almosen, sondern um Rechtsansprüche aus dem Gedanken der Menschenwürde heraus. Auch dauerhaft Hilfebedürftige sind in ihrem Selbstbestimmungsrecht zu achten. Das Subsidiaritätsprinzip sollte deshalb immer zusammen mit den Schwesterprinzipien der Personalität und der Solidarität gedacht werden. Schließlich hat der Hilfebedarf häufig überhaupt nichts mit Schuld zu tun, sondern schlicht mit einer gerechten Aufgaben- und Lastenverteilung.
Bei der „Hilfe zur Selbsthilfe“ unterstützt die größere Ebene die kleinere, solange sie Hilfe braucht. Das Ziel ist, kein bevormundendes Abhängigkeitsverhältnis entstehen zu lassen oder es nach Möglichkeit rasch wieder zu beenden. Das gilt für das Arzt-Patienten-Verhältnis genauso wie für das Verhältnis der EU zu Griechenland. Subsidiarität bedeutet auch, dass jede Form der Einflussnahme auf die kleinere Einheit und jede Tendenz zur Zentralisierung mit guten Argumenten gerechtfertigt werden muss, gleichgültig ob es sich um Pfarreizusammenlegungen oder Freihandelsabkommen handelt.
Tremmel
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