Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 22.11.2015

Heilsame Krankheit
 
Was für uns alltägliche Begebenheiten sind, wird zum Medienereignis, wenn berühmte Menschen es tun. Einer, der von Anfang an amüsante Geschichten geliefert hat, ist Papst Franziskus. Ein Heiliger Vater, der seine Hotelrechnung nach dem Konklave selber bezahlt, die Stornierung seines Abos beim Zeitungshändler in Buenos Aires nicht andern überlässt oder der gemeinsam mit seinen Kardinälen im Bus fährt, ist durchaus ungewöhnlich. Fast wie die Einleitung zu einem Witz mutet es an, wenn von unvermittelten Anrufen oder Emails berichtet wird, die von ihm höchstpersönlich stammen. 
 
Seine Sprache, seine Gesten und seine Symbolhandlungen sind erfrischend anders und meist äußerst passend. Nur gelegentlich schießt er in seiner südamerikanischen Spontaneität etwas übers Ziel hinaus. Dass seine Berater das nicht so toll finden, davon können wir ausgehen. Dennoch lässt Franziskus es sich nicht nehmen, weiterhin Zeichen zu setzen. Die US-Amerikaner, die an dicke Schlitten gewöhnt sind, waren jedenfalls begeistert von der authentischen Bescheidenheit ihres Staatsgastes im Fiat 500. 
 
Auch wenn Franziskus offensichtlich kein Asket ist, pflegt er im Rahmen seiner Möglichkeiten den genügsamen Lebensstil, den er predigt. Dass der Papst sich von seinen gut eingelaufenen schwarzen Gesundheitsschuhen nicht trennen will, stößt sicherlich auf das Verständnis von Millionen Gleichgesinnter. Gerade Männern fällt es schwer, sich von so manchen Dingen zu trennen, die ihnen lieb und vertraut geworden sind. „Das tut es doch noch“, ist die gängige maskuline Ausrede. Frauen denken hier vielfach anders. 
 
Auf weibliche Typberatung muss der bekanntlich zölibatär lebende Papst verzichten. Und so dachte Franziskus überhaupt nicht daran, sein altes Brillengestell durch ein neueres Modell zu ersetzen, als er jüngst eine weitere Schmunzelgeschichte lieferte. Anstatt einen Experten in den Vatikan zu bestellen, setzte er sich selbst schnell ins Auto und fuhr in die römische Altstadt zu einem Brillengeschäft. Er wolle nur neue Gläser, für die er auch anständig bezahlen werde, aber er möchte kein unnützes Geld ausgeben, erklärte er dem verdutzten Optiker. 
 
Trotz aller Diskretion und versuchter Geheimhaltung wurde die Aktion schnell bekannt und von verschiedenen Zeitungen aufgegriffen. Besonders angesprochen hat mich ein Satz im Artikel von Constanze Reuscher in der WELT. Sie schreibt: „Franziskus leidet unter Altersweitsicht und muss seine Optik regelmäßig anpassen.“ Wenn das keine Meldung wert ist! Wie sehr würde ich mir wünschen, dass dieses Leiden ansteckend ist. Wäre doch toll, wenn Franziskus all die in die Jahre gekommenen Männer infiziert hätte, die jetzt drei Wochen in Rom zu einer Synode dichtgedrängt zusammensaßen. Wäre doch super, wenn sie alle nun plötzlich an Altersweitsicht leiden würden und wenn sie regelmäßig ihre Optik anpassen müssten. 
 
Würde die Inkubationszeit maximal bis zum 8. Dezember dauern, jenem Datum, das an den 50 jährigen Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils erinnert und an dem das Heilige Jahr der Barmherzigkeit beginnt, dann könnte auch in den Ortsbistümern die Altersweitsicht wie eine Epidemie rasch um sich greifen und der Weltkirche insgesamt zu einem besseren, realistischeren Blick auf die Welt und die Zeichen der Zeit verhelfen. Wie bei der Franziskusbrille muss aber in der Kirche nicht alles erneuert werden, selbst wenn manche sich das wünschen, denn das alte „Gestell“ tut es noch.
Tremmel
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