Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 14.02.2016

Europa

Die Wiege der Menschheit liegt bekanntlich in Afrika. Als Wiege der abendländischen Philosophie und der Aufklärung gilt der Erdteil, in dem wir seit Jahrzehnten mehrheitlich sehr gut leben. Denken wir an Europa, so denken wir heute in erster Linie an die Europäische Union. Trotz mancher Skepsis ist sie ein erstaunliches Erfolgsmodell, das sich mit folgenden Begriffen umschreiben lässt: Frieden, Toleranz, Freiheit, auf Grund- und Menschenrechten basierende Rechtsstaatlichkeit, soziale Sicherheit, politische Stabilität und nicht zuletzt wirtschaftlicher Erfolg. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der EU-Binnenmarkt der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt, mit immensen ökonomischen Vorteilen für die Mitgliedsländer. 2012 erhielt die EU den Friedensnobelpreis, weil sie 60 Jahre lang dazu beigetragen hat, Frieden und Demokratie voranzubringen. Dieses Europa ist eine Vision, ein Versprechen an seine mehr als eine halbe Milliarde Einwohner und letztlich auch eine Verheißung für viele Menschen in der Welt. 
 
Dennoch verlief der Einigungsprozess keinesfalls reibungslos und er ist längst nicht abgeschlossen. Momentan kommt einem die EU vor wie ein überforderter Erstmarathonläufer, der erschöpft bei Kilometer 28 an der Strecke hockt und bockig anmerkt: „Boh, das hat mir echt niemand gesagt, dass das so weit und anstrengend ist.“ Aber Aufgeben gilt nicht! Es wäre auch aus Eigennutz das Dümmste und Verantwortungsloseste, was die EU jetzt machen könnte. Dennoch sehen wir, wie sehr die so gepriesene Musterinstitution mit Makeln behaftet ist. Der Riss, der nach zwei Weltkriegen mitten durch Europa ging und der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Wiedervereinigung Deutschlands überwunden schien, ist wieder spürbar. Das enorme Prosperitätsgefälle zwischen den Staaten ist nicht wegzudiskutieren. Die Jugendarbeitslosigkeit in der Union führt zu einer Perspektivlosigkeit von Millionen, so dass bereits der Begriff der „verlorenen Generation“ die Runde macht. Der Friede zwischen den Nationen, Religionen und Ethnien bleibt ein fragiles Gebilde. Die Aufarbeitung des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien wird noch Generationen beanspruchen. Der wahrlich besorgniserregende Ukrainekonflikt kann nach wie vor zu einem Flächenbrand ausarten. 
 
Und jetzt auch noch die Flüchtlinge! Ein erschreckendes Maß an Entsolidarisierung und ein ungeahnter Rückfall in nationale Egoismen können das Projekt Europa ernsthaft gefährden. Die Zentrifugalkräfte sind ebenso unübersehbar wie die Blockadehaltung mancher Regierungen. Was mit Ach und Krach bei der Banken- und der Finanzkrise gelungen war, erweist sich als schier unmöglich, wenn es um das Überleben von Menschen geht. Dass Europa nicht nur Teil der Lösung, sondern ebenso Teil des Problems ist, wird deutlich, wenn man die Fluchtursachen betrachtet. In dieser historischen Stunde sind gewaltige Kraftanstrengungen nötig, um die Welt zu befrieden, Versöhnung zu leisten, das Chaos zu beseitigen und zu möglichst vielen Menschen wenigstens einen bescheidenen Wohlstand zu bringen. Dazu brauchen wir eine starke EU, die bereit ist, die Lasten gerecht und subsidiär zu verteilen und die sich nicht verbal oder gar mit Todesstreifen gegen die Not der Menschen abschottet.
Als Christen sollten wir die politischen Verantwortungsträger in ihrem proeuropäischen Kurs redlich unterstützen und alles daran setzen, damit heute im 21. Jahrhundert Europa zur Wiege der Menschlichkeit wird.
Tremmel
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