Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Münchner Kirchenzeitung vom 17.04.2016

Gewinnwarnung 
 
Allianzarena, Länderspiel Deutschland-Italien. Viermaliger Weltmeister trifft auf viermaligen Weltmeister. „We call it a Klassiker”, würde der Kaiser sagen. Die Vorfreude ist groß. Scherze und Sticheleien mit italienischen Freunden gehören dazu wie Bierchen, Bockwurst und die Hymnen. Es ist angerichtet. Lebensfreude pur soll nun genossen werden.
Doch urplötzlich legt ein kleiner böser Zwerg einen imaginären Schalter im Kopf um. Fußball wird zwar auch noch gespielt, die Aufmerksamkeit aber liegt schlagartig ganz woanders. Denn der Kerl zwei Reihen hinter uns, ja der mit dem dichten schwarzen Vollbart, ist der lediglich etwas füllig um die Hüften oder hat er einen Sprengstoffgürtel um, mit dem er den Fanblock und unsere Lebensart zerfetzen will? Die Sicherheitskontrollen am Eingang und ums Stadion waren extrem – und sie waren nicht nur beruhigend, sondern auch furchteinflößend. Unversehens kommt man ins Grübeln. Daheim auf dem Sofa wäre es auch schön gewesen, gemütlicher und sicherer. Je länger man nachdenkt, umso beklemmender wird einem ums Herz. Und nun kriecht die Angst förmlich die Beine hoch, schnürt den Hals zu und lässt die Augen unstet umherstreifen im weiten Rund. Diese blöde neue Gesichtsmode der Männer, auf einmal wähnt man sich nur noch von Selbstmordattentätern umgeben. Soll ich einfach gehen? Aber was ist, wenn ich dann dem Amokschützen genau vor die Flinte laufe. Und wenn ich die falsche S-Bahn nehme, die mit der Bombe? Letzte Woche wurde ein Zug geräumt. War zwar falscher Alarm, aber der Rucksack hätte von einem Islamisten stammen können. Die Verspätung war ärgerlich, allerdings sind die Wahnsinnigen ja inzwischen überall: in Paris, Istanbul, Brüssel. Warum also nicht auch in München? Früher schien vielen Menschen hierzulande die Welt noch einigermaßen in Ordnung, als die Anschläge weit weg in Afghanistan, Pakistan, im Irak, im Libanon oder in Somalia stattfanden. Aber jetzt, jetzt haben wir den ganzen Schlamassel auch bei uns. Wir können nicht länger so tun, als ginge es uns nichts an.
Wie sollen wir reagieren? Diese Frage ist wahrlich nicht einfach zu beantworten. Eines aber ist klar: Wenn wir uns von der Angst lähmen und beherrschen lassen, wenn wir alles meiden, was uns als Menschen kollektiv Freude macht – Konzertbesuche, Katholikentag oder Fußball-EM – wenn wir einander und den Fremden angstbesetzt begegnen, dann haben die verblendeten Fanatiker tatsächlich gesiegt. Dann nistet sich der Terror dauerhaft in unseren Köpfen ein, dann hat die Todesangst über die Hoffnung, der Hass über die Liebe, der Karfreitag über den Ostersonntag triumphiert.
Lassen wir das nicht zu und bekämpfen wir den Terror an der Wurzel. Dazu müssen wir Europäer erneut viel Geld in die Hand nehmen. Nein, nicht für immer mehr und immer brutalere Waffen, nicht für die Beschleunigung der Gewaltspirale, sondern für Bildungsprogramme, für echte Entwicklungshilfe, für den Aufbau humanitärer Strukturen, für Schüler- und Studentenaustausche, für fairen Handel, für den Umweltschutz in rohstoffreichen Ländern und nicht zuletzt für Begegnungsmöglichkeiten der Religionen. Boko Haram, der IS, Al-Shabaab, die Taliban, Al-Quaida, die Hamas und andere wurden auch mit unseren Waffen groß gemacht. Es wird Zeit, dass wir sie nicht klein „kriegen“, sondern dass wir ihrem Hass durch Versöhnungsarbeit die Grundlage entziehen. Nur so lösen wir die Angstblockaden und lassen den Terror letztlich nicht gewinnen.
Tremmel
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