Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Habt keine Angst! Fürchtet euch nicht!

Die Flüchtlingsbewegungen haben Europa, haben uns verändert. Die Rede ist vom Epochenwandel. Papst Franziskus bringt dies so zum Ausdruck: „Wir leben nicht in einer Ära des Wandels, sondern erleben den Wandel einer Ära.“ Umbrüche rufen starke Gefühle wach. Deren Skala ist breit. Sie reicht von Zuversicht bis Wut, von hilfsbereiter Solidarität bis destruktivem Hass. Dazwischen macht sich Besorgnis und Angst breit. Stimmungen sind Antriebsenergien für Werthaltungen. Wenn Ängste uns überwältigen und wir uns vor „Kontrollverlust“ fürchten, schließen wir uns ein. Wer Angst hat, verschließt sich. Wer verängstigt ist, baut Mauern. Ängste können entsolidarisieren.

Dabei gehören Ängste zum menschlichen Leben dazu. Auch in den biblischen Texten ist von Angst oft die Rede. „Mein Herz ist in Ängsten“ so der Psalm 61,3. Und Jesus im Evangelium nach Johannes: „In der Welt habt ihr Angst“ (Joh 16,33). Die biblische Tradition ermahnt aber, sich nicht von den Ängsten bestimmen und überwältigen zu lassen.  Ängste wollen ausgesprochen, sollen aber auch abgebaut und überwunden werden. „Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst!“ - so heißt es an vielen biblischen Stellen. Der Angst wird das Gottvertrauen gegenübergestellt. Aus der Gewissheit, dass Gott rettet, kann Furcht und Angst weichen: „Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott! (…) er selbst wird kommen und euch erretten“ (Jer 35,4). „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7).

Wird (diffuse) Angst kleiner, kann (liebende) Solidarität größer werden. Wer Vertrauen hat, ist fähig zu einer Liebe, die niemanden ausschließt. Die große Zumutung der heutigen Zeit heißt: „Entängstigt euch!“
 

Sich auf Unbekanntes und Fremdes einlassen

In „Zeiten des Umbruchs“ verlieren traditionelle Werte und Orientierungsmaßstäbe an Geltungskraft, weil sie nicht mehr in die Zeit passen. Ihre Orientierungskraft reicht nicht mehr aus, um die aktuellen Herausforderungen befriedigend zu meistern. Um neue Herausforderungen zu meistern, reicht es reicht nicht aus, auf das Gewohnte zu verweisen. Kreative und konfliktbeladene Suchprozesse setzen ein. In Konflikten steckt kraftvolle Energie. Biblische Traditionen, die das „Anfangen“, den Aufbruch in neues, unbekanntes Land (Abraham), den befreienden Exodus aus der Sklaverei und Unfreiheit sowie die Umkehr (metanoia) betonen, können uns Zuversicht geben.
 

Befreiung aus der Angst um sich selbst – wider die Globalisierung der Gleichgültigkeit

Werte eröffnen einen Horizont. Sich an Werte zu binden ist nichts Konservatives. Werte treiben dazu an, nicht mehr nur um die eignen Probleme zu kreisen. Der Blick öffnet sich für die Sorgen und Nöte der Anderen.

Papst Franziskus erinnert mit seinen Worten, Gesten und Taten an die Tugenden der Barmherzigkeit, Achtsamkeit und Solidarität. Wer barmherzig ist, für den werden Grenzen und Abgrenzungen „porös“. Der „Container“ des eigenen Ichs, des eigenen Volkes und der Kirche wird durchlässig für den Anderen, für sein Leid, seine Hoffnungen und seine Sorgen. Man lässt sich davon anrühren. Deswegen beklagt Papst Franziskus die Globalisierung der Gleichgültigkeit. Und deswegen wird er nicht müde dazu zu ermuntern, an die Ränder zu gehen.
 

Ohne Offenheit keine Entwicklung

Eine anderer, in den Texten von Papst Franziskus wiederkehrender Wert ist die Offenheit - und damit verbunden die Wertschätzung von Vielfalt. Diese „Einstellung“ hat auch aus soziologischer und philosophischer Sicht ihre Bedeutung. Werte entstehen durch Selbsttranszendenz (Hans Joas). Das heißt auch: Sie entstehen durch die Konfrontation mit Vielfalt und Differenz, mit der Unterschiedlichkeit, die uns Menschen und unsere Kulturen ausmacht. Durch den Austausch mit und das „Sich-Einlassen“ auf das Andere wird die Selbstreflexivität und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel gefördert. Die eigenen Überzeugungen werden in Frage gestellt und müssen neu begründet, angepasst, verändert oder verworfen werden. Die „Anerkennung des Anderen“ ist die Basis einer Bindung an Werte, die über das eigene Ich, über eigene Interesse und Bedürfnisse hinausweisen. Nur so entwickeln sich Lebensformen und Kulturen weiter. „Abgeschlossene“ Kulturen sind nicht lernfähig, und wenn sie nicht lernfähig sind, drohen sie zu stagnieren und nicht selten auch „unterzugehen“.
 

Angst heilen

Ängste entsolidarisieren. Gegen Ängste helfen aber keine moralischen Appelle. Es nützt nichts, jemandem, der von Angst besessen ist, zuzurufen: Sei solidarisch mit den Flüchtlingen, nimm welche auf, hilf uns beim ehrenamtlichen Einsatz! Er wird alle diese Zumutungen ablehnen, solange er von Angst besessen ist. Auch Paulus meint, dass der moralische Appell des Gesetzes nicht reicht, sondern nur Heilung. Dazu beizutragen ist eine spirituelle Hauptaufgabe der christlichen Kirchen in unserer Zeit. Paulus erhofft sich diese Heilung von der Gnade Gottes (Röm 7,15-25). Wer, so die Hoffnung, tief in das heilende und bergende Kraftfeld Gottes eintaucht, kann von jener Angst geheilt werden, die ihn zu Selbstverteidigungsstrategien verdammt, und kann mit  handfester solidarischer Liebe bei den Flüchtlingen auftauchen.

Aber vielleicht verläuft der Vorgang manchmal auch umgekehrt. Jemand wird gewonnen, zu einem Fest mit Flüchtlingen zu gehen. Er schaut dort Flüchtlingskindern in die Augen. Ihr Blick berührt sein Herz, wärmt, heilt und öffnet es. Er beginnt zu ahnen, dass die Begegnung mit Flüchtlingen eine Begegnung mit dem auferstandenen Christus ist. Und er verliert seine Angst. Die Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland (Würzburger Synode) formuliert dies in ihrem grandiosen Dokument „Unsere Hoffnung“ so: „Die Hoffnung auf die Auferweckung der Toten, der Glaube an die Durchbrechung der Schranke des Todes macht uns frei zu einem Leben gegen die reine Selbstbehauptung, deren Wahrheit der Tod ist. Diese Hoffnung stiftet uns dazu an, für andere da zu sein, das Leben anderer durch solidarisches und stellvertretendes Leiden zu verwandeln. Darin machen wir unsere Hoffnung anschaulich und lebendig, darin erfahren wir uns und teilen uns mit als österliche Menschen. „Wir wissen, daß wir vom Tod zum Leben hinübergeschritten sind, weil wir die Brüder lieben; wer nicht liebt, der bleibt im Tode“ (1 Joh 3,14).“
 
Literaturtipp: Zulehner, Paul M.: Entängstigt euch. Die Flüchtlinge und das christliche Abendland, Ostfildern 2016.
 
 
 
 

Praxistipps, Methoden und Informationen

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