Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Migration - Chancen und Herausforderungen

Das sichere Europa ist das Ziel vieler Menschen, die sich in den letzten Jahren auf den Weg gemacht haben. Dabei ist es noch keine 70 Jahre her, dass Menschen von dort in andere Länder flohen, um dem Krieg zu entkommen.

Die Realität sah schon früher anders aus, doch mit dem Jahr 2015 ist Deutschland faktisch das Land mit der zweithöchsten Zuwanderung weltweit geworden: Über eine Million Menschen sind als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.

Die große Zahl der Flüchtlinge, die derzeit nach Europa drängen, stellt uns vor Herausforderungen: Viele Probleme der Versorgung, Unterbringung und Betreuung sowie rechtliche Fragen sind nicht oder nur unzureichend gelöst, durch fremde Kulturen entstehen Irritationen und Ängste bei der einheimischen Bevölkerung. Daher erfolgt auch die aktuelle Diskussion oft sehr emotional und ist häufig von fehlendem Hintergrundwissen über das Migrationsgeschehen geprägt - beginnend mit einer unzureichenden Unterscheidung verschiedener Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund oder einer mangelnden Kenntnis der geschichtlichen Selbstverständlichkeit von Migration.  
HBF München

Einwanderungsland Deutschland

Migration stellt Deutschland nicht erst seit dem Jahr 2015, ab dato aber verstärkt vor eine doppelte Herausforderung. Bereits jetzt haben ca. 20% der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund, bei Kindern beläuft sich dieser inzwischen auf fast 30%. Deutschland ist somit ein Land, das seit mehreren Jahrzehnten von Migration und migrationsbedingten Veränderungen der Sozialstruktur geprägt wird. Dennoch war in der Bundesrepublik lange Zeit die Zuwanderung von Menschen nach Deutschland politisch nicht gewollt: Das Modell einer Migrationsgesellschaft wurde abgelehnt.
 
Ab dem Jahr 2015 ist Deutschland faktisch das Land mit der zweithöchsten Zuwanderung weltweit geworden: Im Jahr 2015 sind über eine Millionen Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.

Um die Dimension dieser Zuwanderung zu verstehen, soll hier zum Vergleich exemplarisch das Jahr 2009 herangezogen werden: Die Zahl der Asylbewerber/-innen in der EU betrug damals insgesamt 261.000, rund 27.700 Asylanträge wurden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gestellt (vgl. BAMF 2009, 8). Noch deutlicher wird die Herausforderung für die Bundesrepublik, wenn man annimmt, dass von den Flüchtlingen des Jahres 2015 ca. 800.000 in Deutschland bleiben werden. In das Schulsystem müssen dann bis zu 350.000 Kinder und Jugendliche integriert werden.
  

Jeder Flüchtling ist anders

Erste Analysen deuten auf eine große Heterogenität in Bezug auf Schulabschlüsse, Qualifikationen und Arbeitserfahrungen hin (vgl. BAMF 2016, 4-8). Für die Arbeitsmarktintegration werden in vielen Fällen daher umfangreiche fachliche und sprachliche (Nach-)Qualifizierungsmaßnahmen notwendig sein. Die sehr schnell gehegte Hoffnung, der Fachkräftemangel in Deutschland würde durch die hierher Geflüchteten beseitigt werden können, wurde durch eine realistischere Sichtweise abgelöst.
  • Im Schul- und Hochschulsystem sowie auf dem Ausbildungsmarkt müssen entsprechende Strukturen und Unterstützungsmöglichkeiten erst aus- bzw. aufgebaut werden.
  • In den Schulen fehlen Lehrkräfte und Kapazitäten für Klassen ohne Deutschkenntnisse, entsprechende Stellen sind in allen Bundesländern ausgeschrieben und werden zurzeit besetzt (Sachverständigenrat 2016, 4).
So kann Integration schwerlich gelingen, denn Integration ist als Teil einer umfassenden, auf gleiche Teilhabechancen ausgerichteten Gesellschaftspolitik zu verstehen. Sie bedeutet die möglichst chancengleiche Partizipation aller Menschen an der Gesellschaft  –  dazu gehört zentral auch der Zugang zu Bildung.
 

Asyl und Migration - eine gemeinsame europäische Herausforderung

Spätestens seit Mitte August 2015 ist die Asyl- und Migrationspolitik zudem auch zentrales Thema der EU geworden - allerdings die Debatte ist nicht neu, denn „die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten wissen keine Antwort auf die Frage, wie die mit der Massenmigration nach Europa entstehenden Probleme zu lösen sind“. Diese Aussage stammt jedoch nicht aus dem Jahre 2015, sondern aus dem Vorwort einer Publikation aus dem Jahr 1994 (Weidenfeld 1994, S. 5). Wir haben also sowohl auf der Ebene der EU als auch in Deutschland Zeit für eine vorausschauende Migrationspolitik verloren. Die  Herausforderungen der Migrationsgesellschaft wurden im gesellschaftlichen, politischen und bildungspolitischen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte weder immer rechtzeitig noch adäquat reflektiert wurden, obwohl die deutsche Gesellschaft zunehmend durch Migration geprägt werde. Jetzt müssen wir in kurzer Zeit eine „nachholende“ Migrationspolitik umsetzen, erst recht vor dem Hintergrund einer großen Anzahl von Flüchtlingen.
 

Literatur

  • Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (Hrsg.) (2016): Fakten zur Asylpolitik.
  • Weidenfeld, Werner (1994) (Hrsg.): Das Europäische Einwanderungskonzept. Strategien und Optionen für Europa. Gütersloh.
 
 
 
 

Praxistipps, Methoden und Informationen

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