Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.

Migration - Chancen und Herausforderungen

HBF München

Einwanderungsland Deutschland

Migration stellt Deutschland nicht erst seit dem Jahr 2015, ab dato aber verstärkt vor eine doppelte Herausforderung. Bereits jetzt hat ca. 20% der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund, bei Kindern beläuft sich dieser inzwischen auf fast 30%. Deutschland ist somit ein Land, das seit mehreren Jahrzehnten von Migration und migrationsbedingten Veränderungen der Sozialstruktur geprägt wird. Dennoch war in der Bundesrepublik lange Zeit die Zuwanderung von Menschen nach Deutschland politisch nicht gewollt: Das Modell einer Migrationsgesellschaft wurde abgelehnt.
 
Ab dem Jahr 2015 ist Deutschland faktisch das Land mit der zweithöchsten Zuwanderung weltweit geworden: Im Jahr 2015 sind über eine Millionen Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.
Um die Dimension dieser Zuwanderung zu verstehen, soll hier zum Vergleich exemplarisch das Jahr 2009 herangezogen werden: Die Zahl der Asylbewerber/-innen in der EU betrug damals insgesamt 261.000, rund 27.700 Asylanträge wurden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gestellt (vgl. BAMF 2009, 8). Noch deutlicher wird die Herausforderung für die Bundesrepublik, wenn man annimmt, dass von den Flüchtlingen des Jahres 2015 ca. 800.000 in Deutschland bleiben werden. In das Schulsystem müssen dann bis zu 350.000 Kinder und Jugendliche integriert werden.

Die aktuelle Diskussion erfolgt sehr emotional, teilweise ist sie von Furcht- und Angstsymptomen begleitet. Oft fehlt Hintergrundwissen im Hinblick auf das Migrationsgeschehen.
 

Jeder Flüchtling ist anders

Erste Analysen deuten auf eine große Heterogenität in Bezug auf Schulabschlüsse, Qualifikationen und Arbeitserfahrungen hin (vgl. BAMF 2016, 4-8). Für die Arbeitsmarktintegration werden in vielen Fällen daher umfangreiche fachliche und sprachliche (Nach-)Qualifizierungsmaßnahmen notwendig sein. Die sehr schnell gehegte Hoffnung, der Fachkräftemangel in Deutschland würde durch die hierher Geflüchteten beseitigt werden können, wurde durch eine realistischere Sichtweise abgelöst.
  • Im Schul- und Hochschulsystem sowie auf dem Ausbildungsmarkt müssen entsprechende Strukturen und Unterstützungsmöglichkeiten erst aus- bzw. aufgebaut werden.
  • In den Schulen fehlen Lehrkräfte und Kapazitäten für Klassen ohne Deutschkenntnisse, entsprechende Stellen sind in allen Bundesländern ausgeschrieben und werden zurzeit besetzt (Sachverständigenrat 2016, 4).
So kann Integration schwerlich gelingen, denn Integration ist als Teil einer umfassenden, auf gleiche Teilhabechancen ausgerichteten Gesellschaftspolitik zu verstehen. Sie bedeutet die möglichst chancengleiche Partizipation aller Menschen an der Gesellschaft  –  dazu gehört zentral auch der Zugang zu Bildung.
 

Asyl und Migration - eine gemeinsame europäische Herausforderung

Spätestens seit Mitte August 2015 ist die Asyl- und Migrationspolitik zudem auch zentrales Thema der EU geworden - allerdings die Debatte ist nicht neu, denn „die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten wissen keine Antwort auf die Frage, wie die mit der Massenmigration nach Europa entstehenden Probleme zu lösen sind“. Diese Aussage stammt jedoch nicht aus dem Jahre 2015, sondern aus dem Vorwort einer Publikation aus dem Jahr 1994 (Weidenfeld 1994, S. 5). Wir haben also sowohl auf der Ebene der EU als auch in Deutschland Zeit für eine vorausschauende Migrationspolitik verloren. Die  Herausforderungen der Migrationsgesellschaft wurden im gesellschaftlichen, politischen und bildungspolitischen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte weder immer rechtzeitig noch adäquat reflektiert wurden, obwohl die deutsche Gesellschaft zunehmend durch Migration geprägt werde. Jetzt müssen wir in kurzer Zeit eine „nachholende“ Migrationspolitik umsetzen, erst recht vor dem Hintergrund einer großen Anzahl von Flüchtlingen.
 

Inklusive Integrationspolitik

Zum Selbstverständnis einer pluralen (Einwanderungs-)Gesellschaft gehört die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Heterogenität der Normalfall ist. Die wachsende Vielfalt bringt jedoch auch Unübersichtlichkeit, Angst- und Furchtgefühle sowie Probleme mit sich.
Eine Integrationspolitik ist notwendig, die Politik mit Migrant/innen, nicht für diese gestaltet, denn die sozialen Folgekosten unzureichender Integration sind bei weitem höher als die Kosten rechtzeitig gewährter Integrationshilfen. Gelungene Integration sichert dagegen dauerhaft den sozialen Frieden innerhalb einer Gesellschaft. Ein wesentlicher Faktor für eine gelingende Integration stellt eine Bildung dar, die nicht an den Defiziten, sondern an den Potenzialen der Migrant/innen ansetze. Dies gilt auch für Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen.
 
Besondere Aufmerksamkeit wird in der öffentlichen Diskussion der Zuwanderung von Muslimen und Musliminnen gewidmet. Hier gilt es, muslimische Vielfalt und Diversität darzustellen, um ein geschlossenes Islambild aufzubrechen und Fehlwahrnehmungen insbesondere in der Mehrheitsgesellschaft entgegenzutreten. Die politisch-missionarische Ausprägung des Salafismus jedoch stellt in der Tat eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft dar und muss entsprechend thematisiert werden. Hier gibt es definitiv Grenzen der Migration.
  
Integrationspolitik ist keine Zuwanderer-, sondern Gesellschaftspolitik. Sowohl die Mehrheitsbevölkerung als auch die Zugewanderten müssen die gesellschaftlichen Herausforderungen als ihre eigene Angelegenheit wahrnehmen, die nur gemeinsam zu bewältigen sind. Beide müssen sich dafür öffnen und verändern sich dabei.   
Integration bedeutet Investition in die Zukunft. Über die Perspektiven der Integration wird nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch in Zivilgesellschaft und Politik entschieden. Hier fällt der Katholischen Kirche eine große Aufgabe zu.
 

Literatur

  • Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (Hrsg.) (2016): Fakten zur Asylpolitik.
  • Weidenfeld, Werner (1994) (Hrsg.): Das Europäische Einwanderungskonzept. Strategien und Optionen für Europa. Gütersloh.
 
 
 
 

Praxistipps, Methoden und Informationen

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