„Der Alkohol ist und bleibt mein Feind“ Kunsttherapie stärkt das Selbstwertgefühl von Suchtkranken

Renate Conrad fing mit 16 Jahren an zu trinken, immer wieder, immer mehr. „Erst in meiner Schwangerschaft habe ich abrupt aufgehört und zwei Tage nach der Entbindung wieder angefangen zu trinken.“ Die heute 55-jährige Ur-Bayerin erzählt in der Caritas-Reportage mit schonungsloser Offenheit von ihrer Alkoholkrankheit und wie die Kunst ihr bei der Aufarbeitung ihrer Probleme geholfen hat.
Renate Conrad bei der Ausstellung im Sozialbürgerhaus Pasing neben ihrem Kunstwerk „Hundertwasser“.
Renate Conrad bei der Ausstellung im Sozialbürgerhaus Pasing neben ihrem „Hundertwasser“. (Bild: Schlaf / Caritas)
„Es gibt so gewisse Tage, da denkst du wieder, ach, so ein Schluckerl, das schadet nicht. Aber eigentlich weißt Du genau, dass es nicht bei einem Schluckerl bleibt.“ Renate Conrad trägt ihr Herz auf der Zunge. Im Alter von 16 Jahren habe sie „angefangen zu saufen und dann 25 Jahre lang beinahe täglich“. „Sechs bis sieben Flaschen Wein am Tag, um lustig zu sein, besser schlafen zu können oder Trauer und Schmerz zu betäuben.“ Vor dem ersten Glas in der Früh habe sie am ganzen Körper gezittert und dennoch nicht wahrhaben wollen, dass „der Alkohol sie im Griff hat und nicht umgekehrt“.
 
„Erst in meiner Schwangerschaft habe ich abrupt aufgehört und zwei Tage nach der Entbindung wieder angefangen zu trinken.“ Die 55-jährige Ur-Bayerin erzählt in schonungsloser Offenheit von ihrer Alkoholkrankheit und dem ersten Entzug als ihre Tochter sechs Jahre alt war. Neun Jahre lang war sie trocken. Schwere Schicksalsschläge brachten sie immer wieder in Versuchung. Zuletzt war es der Tod des geliebten jüngeren Bruders, der sie Ende 2015 wieder zur Flasche greifen ließ. Wenn die resolut wirkende Frau davon erzählt, kommen ihr immer noch die Tränen. „Er war auch Alkoholiker und obdachlos. Das wollte ich nie werden. Ich habe eine Tochter und da brauche ich eine Arbeit und ein Dach über dem Kopf.“

Renate Conrad lebt mit ihrer 16-jährigen Tochter und einem kleinen Hund in einer kleinen Zweizimmer-Sozialwohnung im Münchner Osten. „Man hat mir nie angemerkt, dass ich betrunken bin. Ich habe mich normal artikuliert und bin nicht gewankt, auch nach zwei Flaschen Wein nicht“, erzählt sie von ihrem Alltag. Auch, wenn es finanziell immer knapp gewesen sei, habe sie mit ihrem Job in einem Supermarkt stets ihre Miete bezahlen und ihr Kind versorgen können.
Ultimatum vom Arbeitgeber
„Entweder Sie werden gekündigt oder Sie machen eine Therapie“. Dieses Ultimatum ihres Arbeitgebers habe sie völlig unvermittelt und „wie der Blitz getroffen“. Zuerst sei sie zutiefst verärgert und trotzig gewesen: „Das ist mein Leben, ich kann doch trinken, wann und wieviel ich will.“ Im Nachhinein sei sie sehr dankbar, dass ihr Chef Druck gemacht habe. Nach einer Entgiftung in der Nußbaumklinik in München hat die 55-Jährige sofort eine Therapie in der Caritas-Tagesklinik für Suchtkranke angefangen. Dort können von Alkohol, Cannabis oder Medikamenten abhängige Menschen an einer ganztägig ambulanten Rehabilitation teilnehmen.

In der Regel dauert die Therapie bis zu 12 Wochen und soll die Klienten soweit stabilisieren, dass sie wieder weitgehend normal leben und arbeiten können. „Ich wollte keine stationäre Therapie, weil ich dann mein Kind hätte alleine lassen müssen“, sagt Conrad. „Nachdem meine Tochter unter der angespannten Situation mehr als gelitten hat, wurde sie mittherapiert. Die Probleme in der Schule und bei der Ausbildung wurden immer größer. Sie hat immer noch Angst um mich und kontrolliert ständig, ob irgendwo wieder Flaschen versteckt sind“, berichtet Conrad mit einer Mischung aus Empörung und Verständnis für ihr Kind. „Sie hatte nach meinem Rückfall das Vertrauen verloren und es war für mich die größte Herausforderung, es meiner Tochter und meinem Arbeitsgeber zu beweisen, dass ich es schaffe.“
Kunst hilft bei der Aufarbeitung der Probleme
Eine große Hilfe war ihr dabei die Kunsttherapie in der Tagesklinik des Caritas Therapieverbunds Sucht. „Die Therapie soll das Selbstwertgefühl stärken und zum Heilungsprozess beitragen. Mit Hilfe von Farben und Formen kann man lernen, Gefühle auszudrücken. Man muss nicht malen können“, erklärt Klinikleiterin und Ärztin Sabine Bußello-Spieß. Conrad amüsiert sich köstlich: „Zuerst habe ich mich darüber lustig gemacht, dass ausgerechnet ich jetzt einen Hundertwasser malen sollte. Beim Thema Luft habe ich einfach ein leeres Blattl abgegeben, so albern fand ich das am Anfang mit der Kunst. Letztlich hat es mir aber total viel Spaß gemacht und ich konnte Vieles aus der Vergangenheit aufarbeiten.“ Unter dem Titel „ I´ll do it my way…“ waren die bunten und bewegenden Kunstwerke der Teilnehmer/innen der Therapie, auch das von Frau Conrad, im vergangenen Jahr bei einer Ausstellung in Kooperation mit dem Jobcenter im Sozialbürgerhaus in Pasing zu sehen.
Wieder „trocken“ im Alltag angekommen
Inzwischen sitzt die 55-Jährige wieder 30 Stunden in der Woche an der Kasse im Supermarkt oder füllt die Regale auf. „Ich fühle mich schon beobachtet von den Kolleginnen und von meinem Chef. Das fühlt sich manchmal auch ein bisserl blöd an. Ein Alkoholiker ist niemals geheilt. Der Alkohol ist und bleibt mein Feind“, sagt die große, schlanke Frau mit ernstem Blick. Auch die Angst vor einem Rückfall werde sie ein Leben lang begleiten. „Kann das sein, dass Sie wieder anfangen zu trinken?“, habe ihr Chef sie neulich gefragt. „Wenn Sie mich jetzt weiter aufregen, dann schon!“, hat sie ihm in ihrer direkten Wesensart entgegnet. Ihre Zukunft sieht Renate Conrad positiv: „Ich bin zuversichtlich, dass ich trocken bleibe. Schließlich will ich meine Enkelkinder noch erleben und deshalb passe ich gut auf mich auf.“

Text: Marion Müller-Ranetsberger

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Infos zum Therapieverbund Sucht der Caritas


Der Therapieverbund Sucht des Diözesan-Caritasverbands hat mit seinen Fachambulanzen in München und Oberbayern ein vielfältiges Therapie- und Beratungsangebot in Fragen von Alkohol-, Medikamenten-, Drogen-, Nikotin- und Spielsucht sowie bei Essstörungen.

Unter dem Motto „Lebensmut ist stärker als Sucht“ stehen Fachkräfte betroffenen Menschen mit Rat und Tat zur Seite. Die Fachambulanzen bieten neben Beratung, Vermittlung, Clearing und Behandlung in Suchtfragen weitere fachspezifische Angebote wie ambulante Rehabilitation, ambulante Behandlung von Essstörungen, Substitutionsbegleitung, MPU-Vorbereitung, Betreutes Einzelwohnen bzw. Intensiv-Betreutes Einzelwohnen, HaLt (Präventionsprojekt Hart am Limit), FreD (Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten), Candis (Modulare Therapie von Cannabisstörungen), 60+ und vieles mehr an.

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