Loslassen - Schritt für Schritt Die Kinder werden langsam selbstständig. Sie ziehen zu lassen, ist für Eltern eine Herausforderung.

Familie mit Teenagern macht Selfie im Garten.
Alle mal herschauen! Noch genießen Eltern und Kinder das gemeinsame Familienleben. Aber die Teenager gehen mehr und mehr ihre eigenen Wege. Das zuzulassen, fällt vielen Eltern nicht leicht. Foto: imago/Westend61
Loslassen und die Kinder ihren eigenen Weg gehen  zu lassen, ist für Eltern eine große Herausforderung. Wer sich das von Anfang immer wieder vor Augen führt, macht es sich und dem Nachwuchs leichter. Erfahrungen und Gedanken von Lisa Berens, Mutter von zwei Kindern im Teenageralter.
„Wieso beschäftigst du dich denn mit dem Ablösungsprozess deiner Kinder? Die sind doch noch lange nicht so weit, dass sie aus dem Haus gehen!“ Die Bekannte, der ich kürzlich meine Gedanken dazu mitgeteilt hatte, konnte das nicht verstehen. Ja, wieso eigentlich?
 
Ich beschäftige mich schon seit der Geburt meines ersten Kindes vor fast 17 Jahren damit. In den ersten Monaten hing unser Sohn wie eine Klette an mir und forderte ständigen Kontakt; nur so kam er zur Ruhe. Das war mir, ehrlich gesagt, deutlich zu viel. Mindestens einmal am Tag schoss mir der Gedanke durch den Kopf: „Wann löst er sich ein bisschen von mir? Wann kann ich ihn endlich mal abgeben?“ Das hatte nichts damit zu tun, dass ich ihn nicht heiß und innig geliebt hätte – das tue ich immer noch, ebenso wie meine drei Jahre jüngere Tochter. Doch etwas mehr Freiraum hätte mir gutgetan.
Mutter hält Säugling eng an sich gedrückt.
Am Anfang können Eltern sich kaum vorstellen, dass ihr Kind einmal selbstständig sein wird. Dabei beginnt das Loslassen eigentlich schon am ersten Tag. Foto: imago/Westend61
Bewusst machen ab dem ersten Lebenstag

Tatsächlich war mir vom ersten Lebenstag an sehr bewusst, dass ich loslassen und meine Kinder als autonome Persönlichkeiten ansehen muss, die schrittweise weniger auf mich angewiesen sein werden, damit sie ein eigenständiges, selbst verantwortetes Leben führen können. Andererseits war es mir genauso wichtig, eine Bindung so zu ihnen aufzubauen, dass ich hoffentlich immer ein Teil ihres Lebens bleiben werde. Ich hatte und habe schon den Anspruch, als Mutter nicht nur Versorgungsstation zu sein, sondern auch Ansprech- und Austauschpartnerin. Wobei mir selbstverständlich bewusst ist, dass dabei meine Kinder die Intensität und Häufigkeit bestimmen werden und nicht ich.
 
Im Rückblick auf die vergangenen 13 beziehungsweise 16 Lebensjahre meiner beiden habe ich insgesamt schon den Eindruck, dass wir miteinander auf dem richtigen Weg sind. Dass wir dabei die eine oder andere Hürde nehmen mussten und sicher in Zukunft noch müssen, gehört dazu. Wie hat es mir zum Beispiel an vielen Tagen schier das Herz zerrissen, meinen dreijährigen Sohn am Kindergarten abzugeben, obwohl ich jedes Mal aufs Neue seine verheulten Augen sah, wenn ich mich von ihm verabschiedete. Ich musste meine ganze Willenskraft aufbringen und mir vor Augen führen, dass es gut für seine Entwicklung ist, mit gleichaltrigen Kindern zusammenzukommen und zu spielen. Oder ein paar Jahre später bei meiner Tochter, als ich merkte, wie schwer ihr Mathe fiel und wie ungern sie deshalb in die Schule ging. Wie gerne hätte ich ihr das alles abgenommen!

Schmaler Grat zwischen Interesse und Kontrolle

Seit beide sich mittlerweile immer wieder allein mit Freunden treffen und weggehen, gestaltet sich der Ablösungsprozess wieder ganz neu. Ich musste und muss damit klarkommen, dass ich nicht immer weiß, wo genau sie sind oder mit wem sie sich treffen. Ich habe auch keinen Einfluss darauf, wen sie zu ihrem Freundeskreis zählen. Deshalb bin ich schon sehr froh, wenn sowohl Elias als auch Leann mir ab und zu erzählen, was sie so erlebt haben. Das tun sie manchmal sofort nach der Heimkehr, manchmal auch erst Tage oder gar Wochen später. Aber ich freue mich darüber, dass sie manchmal sogar wissen wollen, wie ich eine bestimmte Situation oder ein bestimmtes Verhalten einschätze und beurteile. Es ist nur ein ganz schmaler Grat, der da zwischen den Polen Interesse und Kontrolle verläuft. Ich selbst hatte als Jugendliche die Kontrolle meiner Eltern so dick, dass ich ständig einen Reflexionsfilm in meinem Kopf ablaufen lasse, um nicht auf diese gehasste Schiene zu geraten. Manchmal gelingt mir das recht gut, manchmal aber empfinden meine Kinder die eine oder andere Frage eben doch als lästige, unangebrachte Kontrolle. Aber bei allem Respekt vor dem Autonomiestreben der Kinder: Es kann nicht Usus in einer Familie sein, dass keiner dem anderen mitteilt, dass er weggeht oder bis wann er ungefähr zurück sein wird. Auch mein Mann und ich geben uns gegenseitig, aber auch unseren Kindern Bescheid, wo wir uns aufhalten und wann wir zurückkommen wollen; das gehört für mich zu einer guten Familienkultur.
 
Vor vier oder fünf Jahren deutete Elias zum ersten Mal an, dass er es sich nicht vorstellen kann, immer bei uns und in unserer Umgebung zu leben. Seit er gemerkt hat, dass wir keineswegs derartige Erwartungen an ihn stellen, teilt er uns in regelmäßigen Abständen mit, welche Städte deutschland-, aber auch weltweit ihn reizen würden; dabei will er auch meine Sicht zu verschiedenen Orten und Ländern hören und abwägen. Beide Kinder wissen definitiv von mir und meinem Mann, dass wir nicht erwarten, dass sie uns im Alter pflegen, sondern dass wir für unseren letzten Lebensabschnitt selbst verantwortlich sind. Auch das gehört für mich zum Ablösungsprozess dazu: Druck abzubauen durch das offene Gespräch über mögliche Erwartungen. Natürlich habe ich meinen Kindern auch gesagt, dass wir uns beide immer freuen werden, wenn sie uns besuchen kommen, dass sie aber immer ehrlich auch ihre Bedürfnisse äußern und einplanen sollen. Auch wenn ich dann vielleicht schlucken werde – ich möchte, dass sie mir sagen, wenn sie einfach keine Lust auf einen Besuch haben.

Immer mehr Freiräume geben

So war und ist für mich die Ablösung meiner Kinder von mir und von ihrem Elternhaus ein ständig voranschreitender Prozess, der sicher nicht ohne Diskussionen und Auseinandersetzungen abgeht. Doch wenn beide Seiten sich ehrlich und offen austauschen und die Grenzen immer wieder neu stecken, kann es gelingen, Verletzungen und Fronten zu vermeiden. Dabei sind wir Eltern in der Bringschuld. Wir müssen unsere Kinder Schritt für Schritt loslassen, ihnen immer mehr Freiräume einräumen, aber auch Verantwortung portionsweise übertragen, damit sie irgendwann den Schritt in die Selbstständigkeit wagen können – so hoffe ich!

   
Lisa Berens arbeitet als Lehrerin in Lauingen an der Donau

Titel Zeitschrift neue gespräche 1_2017
Der Beitrag ist entnommen aus der Zeitschrift „neue gespräche - Partnerschaft.Ehe.Familie“, Ausgabe 1/2017 zum Thema "Zwischen Frühstart und Hotel Mama. Von Nesthockern und -flüchtern". Herausgeber ist die Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung. Das Magazin erscheint vier Mal im Jahr. Abonnement-Bestellung über die Ehe- und Familienpastoral

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