Pfarrverband Haar

St. Konrad, St. Bonifatius, St. Martin

Predigt von Pfarrer Krist zum Patrozinium des Hl. Bruder Konrad am 25. April 1993

Am 20. Mai, dem Pfingstfest des Jahres 1934, wurde Bruder Konrad von Parzham vierzig Jahre nach seinem Tod von Papst Pius XI. heiliggesprochen. In einem Bericht über den Festgottesdienst in Rom, in dem Bruder Konrad zur Ehre der Altäre erhoben wurde, heißt es, daß das Innere der Peterskirche damals in einem Lichtermeer aus dreißigtausend Lampen erstrahlte.
Kardinal Faulhaber, der im Jahr zuvor, am 30. April 1933, die Haarer Konradkirche geweiht hatte, war zum Pfingstfest 1934 mit fünftausend deutschen Pilgern und dreizehn Bischöfen nach Rom gekommen. Es herrschte eine unbeschreibliche Freude unter den Gläubigen - so wird berichtet - als Papst Pius XI. in den Petersdom einzog und dann unter Jubel der anwesenden Pilger erklärte, daß fortan Bruder Konrad auf dem ganzen Erdkreis als Heiliger verehrt und um seine Fürbitte angerufen werden soll.
Dieses Ereignis stand im deutlichen Gegensatz zu dem, was gerade in dieser Zeit in Deutschland und auch in manch anderen Ländern vor sich ging. Der Zeitgeist, der damals eben auch in der Heimat das Bruder Konrad aufkam, dieser Ungeist hatte eher nur ein müdes Lächeln für einen Menschen wie Bruder Konrad übrig. Denn man hatte sich ja der Größe verschrieben und sang bei verschiedenen Anlässen z. B. den bekannten Refrain »Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt«.
Und die Welt, die da im Blick der Nazis war, die sollte keinen Platz bieten für so einfache und bescheidene Ordensleute vom Schlag eines Bruder Konrad. Denn man rechnete die Zukunft in Jahrtausenden und war verliebt in alles, was gigantische Ausmaße besaß oder versprach. Es war darum beileibe kein Zufall, sondern zeichenhaft, daß der Christenheit gerade im Jahr 1934 dieser Mensch in seiner Schlichtheit und Demut vor Augen gestellt wurde. Dem Ungeist des »Herrenmenschentums« und der Verderben bringenden »Großmannssucht« wurde in der Gestalt des einfach treuen, unkompliziert hilfsbereiten und innerlich ganz geraden Pförtners von Altötting das befreiende Maß des Evangeliums gezeigt.
Doch Bruder Konrad scheint in einer ganz gewissen Weise zu allen Zeiten so wenig zeit-gemäß zu sein. Ein »großer Staat« im herkömmlichen Sinn ist mit ihm gewiß nicht zu machen. Und trotzdem: das ganze Leben des Heiligen, von seinen Jugendjahren an im heimatlichen Rottal (als er noch der Birndorfer Hansl war) über die 41 Jahre Pfortendienst im Altöttinger Kapuzinerkloster bis hin zu seinem Tod am 21. April 1894 legt immer wieder aufs neue das Evangelium aus, das den Weisen und Klugen verborgen bleibt, den Unmündigen und Kleinen dagegen offenbart wird. (Mt 11,25)
Wer aber sind denn die Weisen und Klugen, von denen da im Evangelium die Rede ist? Und warum sollte nicht gerade der hl. Bruder Konrad zu ihnen gehören?
Sicher will das Evangelium nicht eine bestimmte Bildungsschicht abwerten, will nicht gegen eine vernünftige Ausbildung, sondern gegen eine bestimmte Haltung angehen. Es trifft nicht die Gebildeten, was ja keine Frage der höheren Schule oder Universität ist, sondern die Eingebildeten! Es meint die Leute, die ihre eigene Klugheit als der Weisheit letzten Schluß ausgeben. Menschen, die sich selber für so klug halten, daß sie meinen, über die Welt genau Bescheid zu wissen. Und in ihrer vermeintlichen Klugheit lassen sie sich sogar dazu verführen, mit Gott fertig zu sein. Die Weisen und Klugen des Evangeliums sind also Menschen, die sich ein fertiges Bild von Gott gemacht haben. Solche allzu klugen Leute finden sich sowohl außerhalb wie auch innerhalb der Kirche. Ihnen allen bleibt in Wahrheit die Botschaft Christi verborgen
Das Evangelium wird vielmehr den Unmündigen offenbart. Auch dies steht in krassem Widerspruch zur gängigen Meinung in unserer Zeit. Alle Welt redet ja heute von Mündigkeit und Eigenverantwortung. Auch wir in der Kirche tun dies. Unmündigkeit gilt heute nirgendwo als Vorzug, sondern als Übel, dem so schnell wie möglich abgeholfen werden muß. Und da wird im Evangelium ganz eindeutig die Unmündigkeit gepriesen. Diese Unmündigen sind im Grunde die Armen, die Letzten und die Kleinen, von denen das Evangelium auch sonst wiederholt spricht. Menschen also, die mehr als alle anderen spüren, wie sehr sie in ihrem Leben auf Gott angewiesen sind. Menschen, die nicht ständig ihren Mund so voll nehmen, als hätten sie die Geheimnisse des Lebens schon enträtselt. Menschen, die mit Gott nicht fertig sind, sondern von ihm noch etwas erwarten, ja letztlich alles von Ihm erhoffen und erbitten. Menschen, die ahnen, daß Gottes Gedanken größer sind als unsere, daß seine Wege über unsere Wege ins Unendliche hinausgehen. Und da sie selber klein sind, können sie Gott groß sein lassen.
Dies macht doch in Wahrheit die Heiligkeit und zeitlose Gültigkeit eines Bruder Konrad aus: daß Gott »groß herauskommen« kann bei ihm. Bruder Konrad wählt freiwillig, aus Liebe und im tiefen Vertrauen den letzten Platz für sich. - Er ist so frei, das zu tun! - Und genau dieser letzte Platz wird zum Treffpunkt Gottes in unserer Welt.
Der scheinbar so unbedeutende Platz an der Altöttinger Klosterpforte - fernab von den Schlagzeilen der Welt, übersehen vielleicht auch von vielen in der Kirche - genau dieser Platz wurde in Wahrheit zum »Umschlagplatz« des Evangeliums Jesu Christi. Mit jedem Stück Brot, das den Armen, den Hungernden und Notleidenden von Bruder Konrad gereicht wurde, kam Gott in Umlauf, war die Liebe des Gekreuzigt-Auferstandenen mit Händen greifbar. Wir alle sind zu solcher Heiligkeit berufen. Das Beispiel und die Fürsprache des hl. Bruders Konrad von Parzham möge uns dazu verhelfen!