Pfarrverband Isarvorstadt

Der Pfarrverband Isarvorstadt besteht aus den beiden Pfarreien St. Anton und St. Andreas in München

Auf Stoff gebannt - Bilder zur Passion Ausstellung von Elisabeth Binsack im März 2016 in der Andreaskirche

Unter den Hufen des jungen Esels beim Einzug in Jerusalem: die Kleider der Begeisterten.
Bei der Fußwaschung in Christi Händen: das Tuch, das ihn umgürtete.
In den Händen des Judas zur Bezahlung des Verrats: ein Beutel mit Silbermünzen.
Um Jesu Schultern, von den römischen Soldaten zum Spott dort hingelegt: ein roter Umhang.
Und später auf seinem Gesicht: das Schweißtuch der Veronika.

Es sind alltägliche Stoffe, die den Text der Passion Christi begleiten, sie durchweben. Warum also nicht die Szenen der Leidensgeschichte auf Stoffen festhalten? Aus dieser Idee entstanden 2010 sechs Collagen für eine Ausstellung in Mariä Himmelfahrt in Dachau. Während der Fastenzeit 2016 waren diese Bilder von 11. bis 28. März wieder zu sehen: bei uns in der Isarvorstadt, in der Andreaskirche.

Die Künstlerin, Elisabeth Binsack, 1983 in München geboren, aufgewachsen in Dachau, hat in Augsburg Kunstpädagogik studiert und arbeitet seit einigen Jahren an einer Münchner Realschule. Mit unserem Pfarrverband verbinden sie die Wurzeln der Familie: Ihre Eltern wuchsen im Wiesenviertel auf und ihre Großeltern hatten einen Laden in der Zenettistraße.

Hier die Gedanken der Künstlerin zu ihren Bildern:

Elisabeth Binsack:<br/>Einzug in Jerusalem<br/>Foto D. Reinke

Einzug in Jerusalem

Der Einzug Jesu Christi in Jerusalem ist auf ein helles T-Shirt gemalt. Ein gewöhnliches Kleidungsstück, ein kurzärmliges Oberteil, wie es Menschen heute überall tragen. Das T-Shirt mit seiner typischen Form taucht auch in Klein im Bild mehrfach wieder auf. Es steht für die Kleider, die die Jerusalemer Bürger dem einreitenden Retter zu Füßen legen.

Ihre ganz gewöhnlichen Sachen legen sie vor ihn hin. Sie breiten nicht Festgewänder vor ihm aus, sondern ihre Alltagsklamotten, in denen sie sich durchs Leben plagen. Mit den geringsten verfügbaren Mitteln wollen sie diesen König ehren, legen symbolisch ihr ganz alltägliches Leben in seine Hand.

Noch jubelt die Menge (rechts oben hinter dem Stadttor) ihm zu: "Retter! Erlöser!" Ich frage mich, wie Jesus selbst sich dabei gefühlt haben mag. War er von der Begeisterung der Menge angesteckt? Oder war er von den Wünschen und Forderungen, die die Menschen – unausgesprochen – an ihn stellten, überfordert? Sicher war ihm bewusst, dass sie etwas anderes von ihm erwarteten, als er ihnen geben konnte. Sie wollten die Befreiung von den römischen Besatzern.

Aber Jesus kommt nicht als Kriegsheld. Er reitet (links unten) auf einem Esel.

Elisabeth Binsack:<br/>Fußwaschung<br/>Foto: D. Reinke

Fußwaschung

Jeden Gründonnerstag das gleiche Spiel: Der Pfarrer wäscht im Gottesdienst ein paar ausgewählten Gemeindemitgliedern die Füße – und was machen die? Sie waschen sich die Füße vorher. Das Paradoxe dieser Tatsache hat mich als Kind schon gewundert.

Meine Fußwaschung habe ich auf einen Putzlumpen gemalt. Denn so eine Fußwaschung ist nichts Sauberes, nichts Staubfreies. Man macht sich dabei die Hände schmutzig. Doch davor hat sich Jesus nie gescheut: Er hat sich mit Kranken und „Sündern“ abgegeben, hat mit ihnen gegessen, sie geheilt und ermutigt. Und nun kniet er sich also vor seine Jünger in den Staub und wäscht ihnen die von den staubigen Straßen und Wegen dreckigen Füße. Diese Szene sehen wir auf dem zweiten Bild der Passionsausstellung.

Auf den zweiten Blick ist das Bild voll mit Füßen. Man muss nur etwas genauer hinsehen, um die Zeichnungen im Hintergrund zu erkennen. Füße sind meistens nicht auf den ersten Blick sichtbar. Wir verstecken sie in Schuhen und Socken, wir zeigen sie nicht gern in der Öffentlichkeit. Der Fuß gilt nicht als ein edler Körperteil.

Dabei sind die Füße für uns lebenswichtig. Sie geben uns Standfestigkeit, einen Standpunkt. Mit ihnen stehen wir fest auf der Erde. Und andererseits können wir uns mit ihnen fortbewegen. Sie tragen uns durch unser ganzes Leben. So gesehen ist es unsere ganz alltägliche Seite, der Jesus hier seine Aufmerksamkeit widmet. Er wendet sich uns ganz zu, uns und unseren menschlichen Bedürfnissen. Ohne Angst, dass er sich dabei die Hände schmutzig macht...

Elisabeth Binsack:<br/>Judas<br/>Foto: D. Reinke

Judas

Im dritten Bild dieses Kreuzwegs stehen sich zwei Menschen gegenüber. Sie stehen sich sehr nahe. Sie sind Freunde. Aber in diesem Moment findet etwas zwischen ihnen statt. Es ist von außen kaum sichtbar: Zwei Männer begrüßen sich, herzlich. Aber in ihrem Inneren zerbricht etwas. In ihnen, in ihrer Beziehung zueinander. 

Judas ist in einem hellen Gelbgrün gemalt. Giftgrün? Hoffnungsgrün? Vielleicht ist es das Grün der enttäuschten Hoffnung, die Judas Herz vergiftet. Die enttäuschte Hoffnung auf Christus als den ersehnten Retter und Befreier von der römischen Besatzung.  

Aber hat Judas seinen Freund wirklich deswegen verraten? Oder doch einzig wegen des Geldes, das er von den Hohepriestern dafür bekommen hat? Er trägt den Beutel noch mit sich herum, wie einen Ballast. Die Schuld zieht ihn hinunter, wird ihn immer weiter herunterziehen, bis er es nicht mehr aushält und sich das Leben nimmt.  

Aber noch steht er Jesus gegenüber. Sieht er ihm in die Augen? Kann er ihm in die Augen sehen? Jesus kann es bestimmt. Er steht ganz ruhig da in dem dunklen Violett der Trauer um den Freund. Für ihn ist der Verrat keine Enttäuschung, er hat es ja vorher schon gewusst, hatte es schon seinen Freunden gegenüber angedeutet. 

Für Jesus ist es keine Überraschung. Jesus weiß um die Fehlbarkeit der Menschen. Und jetzt, als Mensch, kann er sie auch verstehen.

Elisabeth Binsack:<br/>Verhöhnung<br/>Foto: D. Reinke

Verhöhnung

Das bekannte Motiv von Jesus, wie er von den römischen Soldaten verspottet wird, habe ich auf ein rotes Tuch gemalt. Das Tuch erinnert an den roten Mantel, den die Soldaten Jesus umgehängt haben.

Dies ist eigentlich alles andere als eine schöne Szene: Ein Mensch, ein Unschuldiger noch dazu, wird wehrlos in die Mitte gestellt. Man macht sich über ihn lustig. Er wird geschlagen und gequält. Paradox sind daher die „schönen“ Elemente, die in diesem Bild auftauchen. Der rote Mantel, ein Symbol für Macht und Ehre, Rot als die Farbe der Schönheit, die Farbe der Edlen und Mächtigen. Und dann die Rose, die „Königin der Blumen“. Sie wird zur Krone gewunden, also zu einem der wertvollsten und symbolträchtigsten Schmuckstücke überhaupt.

Die Soldaten nutzen die vermeintliche Schönheit und Machtsymbolik dieser Dinge zum Spott über Jesus. Sie verkleiden ihn als König, um sich über ihn lustig zu machen. Sie kehren die Wirkung der Dinge um, so dass die Krone aus Rosen eine Dornenkrone wird, die den Menschen verletzt.

Genauso verletzend ist der Spott, den sie über ihn ausschütten. Wir Menschen leiden unter Spott und Verachtung oft viel mehr als unter körperlichen Schmerzen. Die Verletzung geht hier tiefer. Sie betrifft, sie trifft die Seele des Menschen. Jesus leidet hier wie jeder von uns, er leidet mit jedem von uns, der diese so besonders menschliche Qual kennen lernen muss. 

Elisabeth Binsack:<br/>Kreuzweg<br/>Foto: D. Reinke

Kreuzweg

Die Via Dolorosa (lat. der Leidensweg, der schmerzhafte Weg – der Kreuzweg also) ist heute noch eine Straße in Jerusalem. Sie soll einst vom Amtssitz des römischen Statthalters Pontius Pilatus durch die Altstadt an jenen Ort geführt haben, wo Jesus ins Grab gelegt worden sein soll. Eine ältere Bibelversion hat es uns so überliefert: „...und Jesus ging, indem er sein Kreuz selber trug, hinaus zum Ort, der Ort des Schädels genannt wurde, was auf Hebräisch Golgotha genannt wird.“

In dem Bild „Kreuzweg“ trägt Jesus nun den Querbalken für seine eigene Hinrichtung den Berg hinauf. Es ist eine schwere Last. Ein „schweres“, erdiges Braun-Violett bringt dies zum Ausdruck. Jesus geht gebeugt, er leidet unter der Bürde.

Aber er weiß auch in dieser schweren Zeit, dass sein Vater bei ihm ist. Er hat kurz zuvor noch mit ihm gesprochen, hat mit ihm gerungen, hat gebeten, dass „der Kelch“ an ihm vorübergehen möge. Das ist nicht passiert. Aber Jesus weiß immerhin, dass er nicht allein ist.

Vielleicht kann man so auch die kleinen menschlichen Zeichen und Gesten deuten, die ihn auf diesem Weg begleiten: Simon, der ihm das Kreuz ein Stück weit tragen hilft. Die Frauen, die um ihn weinen. Und Veronika, die ihm ein Tuch gereicht haben soll, mit dem er sich den Schweiß abwischen konnte. Sie alle lassen ihn spüren, dass er nicht völlig im Stich gelassen ist. Mit diesem Beistand kann ihm auch die Allgegenwart der Spötter nichts anhaben, die immer noch da sind, ob in der Realität oder in seiner Erinnerung.

Im Bild wird die Nähe des Vaters durch das helle Blau sichtbar gemacht, das sich den Weg durch die Dunkelheit bis hin zu der Gestalt des Tragenden bricht. Es scheint am Balken zu enden, aber es taucht dann doch weiter unten, in Jesu Kopf und Körper, wieder auf.

Könnte dieses Blau mit seiner Leichtigkeit und seiner Bedeutung von Unendlichkeit auch schon ein früher Hinweis auf die Auferstehung sein? Es ist mir wichtig, dass das hier schon aufscheint. Die Situation ist nicht hoffnungslos.

Elisabeth Binsack:<br/>Auferstehung<br/>Foto: D. Reinke

Auferstehung

Am Ende der Passionsreihe steht ein Bild, das eigentlich gar nicht mehr richtig zur Passion gehört. Und doch ist es so untrennbar mit der Passionsgeschichte verbunden, dass es in dieser Bilderreihe nicht fehlen kann. Es zeigt – bis Ostern noch verdeckt mit einem durchscheinenden Tuch – den vorläufigen Endpunkt, der zugleich der Anfang von etwas ganz Neuem ist: Das leere Grab, die Schrecksekunde, die alles durcheinanderbringt und das Erwartete auf den Kopf stellt.

Die drei Frauen am linken Bildrand erwarten, ein Grab mit einem Leichnam vorzufinden. Sie haben wohlriechende Öle dabei, um den Leichengeruch zu vertreiben. Sie wollen ihre Trauer ausleben, sich damit auseinandersetzen. Sie wollen ihre Trauer „aufarbeiten“, würde man heute sagen.

Aber sie finden nicht das, was sie erwartet haben: Der Stein ist weggerollt, das Grab ist leer, und im Grab sitzt ein Engel, der ihnen aufträgt, allen von der Auferstehung zu berichten.

Diese Szene ist anders als all die vorhergehenden. Bisher war alles ganz logisch, nachvollziehbar. Ein Mann wird zum Tod verurteilt und hingerichtet. Bei uns heutzutage glücklicherweise etwas Unvorstellbares, damals eine Alltäglichkeit.

In dieser Szene aber passiert nun plötzlich etwas völlig Unerwartetes, etwas, das eigentlich nach menschlichem Ermessen überhaupt nicht passieren kann. Ein schwerer Felsbrocken ist wie von Geisterhand weggerollt, ein Leichnam ist verschwunden, und den Frauen begegnet ein Engel.

Die Szene ist auf durchscheinende Seide gemalt, sie scheint unwirklich. Ich habe sie deshalb auch viel einfacher gehalten als die anderen Bilder. Diese Szene hat noch keine Struktur, sie ist noch nicht durch viele Farben und Formen festgelegt. Sie schwebt gewissermaßen noch, ist noch unfertig. Man merkt es auch an der Reaktion der Frauen: Sie erschrecken, sie trauen ihren Augen nicht, und entgegen der Weisung des Engels erzählen sie niemandem davon. So unwirklich, so unglaublich erscheint ihnen das, was sie gesehen haben. Vielleicht sind sie sich im Nachhinein nicht einmal mehr sicher, ob sie es wirklich gesehen haben.

Und doch ist es geschehen. Nur ein zarter gelber Streifen deutet im Bild einen neuen Anfang an. Es ist der Anfang einer neuen Geschichte, denn die Kunde von der Auferstehung verbreitet sich trotz der anfänglichen Zweifel wie ein Lauffeuer.

Fotos: D. Reinke