St. Hildegard

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Jahre des Zusammenwachsens

Ja, es war ein sanfter, doch unüberhörbarer Paukenschlag. Da stand die Gemeinde 1961 in der Aula des Albertus- Magnus- Hauses im grossen Halbrund um den Altartisch. Irgendwie spürten alle Anwesenden, da bahnt sich ein Aufbruch an. Es war die Idee von Kurat Paul Groh, den Altar, das Sinnbild des Zentrums unseres Glaubens an die befreiende Erlösungstat Gottes in seinem Sohn, in die Mitte der neuen Gemeinde zu stellen. Endlich war das, was der Priester in der Liturgie der Gabenbereitung immer betete, auch an diesem Sonntag noch in lateinischer Sprache: ... et pro omnibus circumstantibus ... – ... ich bringe sie dar für alle Umstehenden ... auch im Kirchenraum sichtbar. Der Priester in Richtung zum Volk feiernd und am Horizont die Verwendung der deutschen Sprache in der Liturgie liess eine neue Innerlichkeit der Altargemeinschaft aufkommen. Dazu kam 1974 der persönliche Friedensgruß. Für die Mehrheit der katholischen Welt war dies der Beginn einer überfälligen Liturgiereform, verbunden mit der Hoffnung, die Kirchen könnten sich weiter öffnen und aufeinander zugehen.

Vom Konzil wurde bereits 1963 die Liturgiereform beschlossen. Pfarrer Groh besprach sie, auch die Ausführungsbestimmungen der Diözese, im Pfarrgemeinderat und hielt seit 1965 Referate in der Gemeinde ab, lud aber auch namhafte Theologen zu Referaten ein:
Liturgische Erneuerung, Landessprache im Gottesdienst, bei der Taufe, Einführung der Laiendienste als Lektoren und Kommunionhelfer, Gemeinsamkeiten in der Ökumene. Karl Rahner sagte in seinem Referat, das Konzil könne nur der Anfang des Anfangs sein.

Prof. Fries hoffte auf Fortschritte in der Ökumene, auch zu Juden und Orthodoxen und mehr Liebe der Kirche gegenüber Geschiedenen und Partner in gemischten Ehen. Welche Hoffnung keimte damals auf, auch bei manchem Ehepaar in der Pfarrei. Groh zeigte ein feines Gespür im Umgang mit diesen Christen.
Außer dass wir den evangelischen Christen für eine längere Zeit den Kirchenraum St. Hildegard für ihre Gottesdienste zur Verfügung stellten und wir im März 1968 dann bei ökumenischen Gottesdiensten erstmals den gemeinsam formulierten Text des Vaterunser und des Credo beten konnten, gab es kein sichtbares Zeichen e i n e r Kirche mehr. Und doch, 35 Jahre später, durften wir ein echtes Wirken des Geistes erfahren, als sich in Augsburg die Kirchen auf eine gemeinsame Interpretation über die Rechtfertigung im Glauben einigten. Wieviel Hoffnung müssen wir vierzig Jahre nach dem Konzil immer noch weiter tragen!

Die Pfarrei St. Hildegard war als Pfarr- und Studentengemeinde konzipiert. Die Studentenpfarrer Strieder und später Brandner bereicherten in dieser Zeit auch die Feier der Liturgie und die Glaubensverkündigung; so als dieser predigte über Bernanos‘: Die frohe Botschaft ist die wahre Freude in der Welt. Die Kirche muss diese Freude hüten. Was man gegen die Kirche tut, tut man gegen die Freude. Ich erinnere mich, sie alle predigten einen froh machenden Glauben, ebenso wie auch später der Studentenpfarrer und Synodale Peter Neuhauser, unter Mitwirkung aller an der gemeinsamen Eucharistiefeier und Teilnahme an der Freude. Pfarrer Grohs Primizspruch hieß ja auch: Dienet dem Herrn in Freude!

Aber auch in geselligen Veranstaltungen erlebten wir Freude, stille bis ausgelassene, in der Kegelbahn wie im Fasching, wo Helene und Dr. Theo Gerke ihre Moritaten unter dem Motto Ihr lieben, goldigen Mitmenschen! vortrugen. Als Peter Neuhauser in die Pfarrei kam, gab es am Fest Peter und Paul doppelten Grund zum feiern: Priesterweihe und Namenstage. Denn unser Paule und der Neuhauser Peter luden in den Pfarrgarten ein. In Freude und Einfalt des Herzens machten wir Brotzeit und tranken Bier miteinander. Und als sich am 26.8.1978 der neue Papst die beiden Vornamen unseres Pfarrers – Johannes Paul der Erste – gab, war gross Freud bei Pfarrer Groh und wir stießen nach der Pfarrgemeinderatssitzung auf unseren Johannes Paul den Einzigen an.

Bei all diesen Priestern leuchtete immer wieder diese Grundstimmung auf: Freude in und am Glauben. Dieser Funke sprang auf uns über, insbesondere in der Osternacht oder während der Einkehrtage in Bernried (eine Idee von Ursula Gaertner). Bei den Firmvorbereitungs-Wochenenden in der Wildschönau verband Pfarrer Groh die Jugendlichen schnell zu einer Gemeinschaft Gleichgesinnter und begeisterte sie mit seiner Auslegung der Apostelgeschichte 2,46 ...täglich verweilten sie einmütig im Tempel, brachen in den Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Es waren freudige Jahre des Zusammenwachsens.

Kurat Paul Johannes Groh, ab 1. Januar 1966 Stadtpfarrer, dem die Feier der Eucharistie wohl immer das innerste Herzens Anliegen blieb, veränderte die Liturgie im Sinne des Vaticanums II behutsam und nicht zu schnell; allerdings auch schon mal als Erster im Dekanat, wie mit der Fußwaschung am Gründonnerstag oder 1974 mit dem Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalten. Das Konzil stellte die Wortverkündigung und das gemeinsame Mahl besonders in den Mittelpunkt der Messe. Und es war offensichtlich, wie sich Groh als Zelebrant selbst zurücknahm. Seine große Statur trat in den Hintergrund. Es wirkten nur seine natürliche Stimme, seine behutsame Gestik.

Sicherlich hat die Aufbruchstimmung des Konzils das Entstehen eines echten Gemeindebewusstseins wesentlich gefördert, doch hat erst Pfarrer Grohs mutiges Einbeziehen verantwortungsbewusster Männer u n d Frauen in die eigenverantwortliche geistige und geistliche Mitgestaltung des gemeindlichen Lebens die Pfarrei St. Hildegard zu einer lebendigen Pfarrei gemacht. Der Pfarrgemeinderat, die Familien, Jugendliche, Alleinstehende, nicht zu vergessen unser Mesner, sie alle wirkten gerne mit bei der Gestaltung der Eucharistiefeier, des Bußgottesdienstes, an der Vorbereitung von Erstbeichte und Erstkommunion, sowie der Firmung, als Lektoren und Kommunionhelfer, bei den vielfältigsten Veranstaltungen. Pfarrer Groh sprach nicht nur von dem in der Schrift bezeugten königlichen Priestertum aller Getauften (wohlgemerkt auch der weiblichen Getauften), er wusste, dass der Geist in allen wirkt.

Zunächst im Pfarrausschuss, geleitet von Friedrich Fredmüller, später im Pfarrgemeinderat unter Vorsitz von Wilhelm Gaertner wurde ernsthaft und verantwortungsbewusst diskutiert. Dort kam es auch wiederholt zu kontroversem Meinungsaustausch. So als im März 1965 die Skulptur der Madonna mit dem Kind von Blasius Gerg in der Kirche aufgestellt wurde. Pfarrer Groh zeigte wieder seine große Integrationskraft, sowohl im Pfarrgemeinderat wie in seiner Predigt. Er erläuterte eine auf das Mysterium Mariens abgestellte Sichtweise, ihm falle zuerst das ausgeformte geistige Gesicht, die ausgeformten, das Kind tragenden Hände auf; der Leib als Sinnbild des Vergänglichen trete da in den Hintergrund.
Nach Beschluss des Konzils sollte in jeder Diözese durch Wahlen ein Priesterrat, Pastoralrat, Diözesanrat eingerichtet werden, in den auch Pfarrgemeinderäte zu delegieren seien. Es gab Hoffnung auf Lockerung der gordischen Knoten zwischen den Hierarchieebenen. Leider blieb es bei der Vorfreude. Eine echte Mitwirkung, ja erhoffte Mitbestimmung aller Glieder des mystischen Leibes Christi, auch der weiblichen, an der Gestaltung unserer Kirche ist nicht in Sicht. Dabei sind Frauen als Mütter befugt, den Glauben an die Kinder weiter zu sagen, vorzuleben ... Doch wir werden nicht aufgeben, weiter zu hoffen.

1969 hat der Pfarrgemeinderat schon einmal gedacht, wie fortschrittlich er sei, als 1969 die dreijährige Schriftleseordnung vorab eingeführt wurde, mit der der Reichtum der Schrift wieder deutlich werden sollte. Trotz des Fortschritts ging es manchen zu zögerlich. So schlossen sich manche der Kirche von unten an.
1974 erhielten die ersten Männer aus der Pfarrei nach entsprechender Vorbereitung die Erlaubnis, bei der Spendung der Heiligen Kommunion mitzuhelfen. Da gab es bei nicht wenigen Gemeindemitgliedern offenes Protestverhalten. Erinnert sei an die Predigt von Pfarrer Groh, dass Hände wie Zunge zu Gutem wie Bösem gleichermaßen fähig sind. Die Neuerung, dass diese Männer auch Kranken den Leib des Herrn in die Wohnung bringen durften, wurde von manchen Angehörigen als befremdlich empfunden. Mutig forderte der Pfarrgemeinderat, weibliche Gemeinde- mitglieder dürften nicht von diesem Dienst an der Gemeinde ausgeschlossen werden. Als Pfarrer Groh, zwischenzeitlich zum Dekan gewählt, im Dezember 1975 die Pastoralassistentin, Frau Dietl, im Sonntagsgottesdienst predigen ließ, mischte sich das Ordinariat ein.

Dass ausgerechnet der erste Bußgottesdienst, ich glaube 1974, zu heftigen, kontroversen Diskussionen führte, sahen Pfarrer und die Laien, die ihn mit vorbereitet hatten, eher positiv; denn eine Vielfalt der Meinungen hilft weiter, wenn offen darüber gesprochen wird.

Es konnte nicht ausbleiben, dass auch die Jugend Forderungen stellte, so nach ihrem Taizé-Besuch. Konsequent verlangten sie im Pfarrgemeinderat Einfachheit und Armut von Gemeinde, Bischöfen und Priestern.

Ein besonderer Freudentag für die Pfarrei war die Primiz von Josef Koller am 11.7.1976, ein Ministrant aus unserer Gemeinde. In einem langen Autokorso holten wir ihn an der Dekanatsgrenze in Menzing ab und geleiteten ihn zur Kirche.

Ein guter Tag war auch, als sich im Juli 1985 Diakon Otmar Maier in den Dienst der Gemeinde stellte. Für seine Mithilfe in der Pfarrei und für seine fundierten Predigten sagen wir ihm von Herzen Vergelt’s Gott.

Doch auch nicht so freudenreiche Tage gab es. Pfarrer Groh litt bis zu seinem frühen Tod am 8. Juli 1987 zutiefst am Fehlen eines Jugendpfarrers und eines Priesters, die zur Kommunität des Pfarrhauses gehört hätten. Manche Gemeindemitglieder zogen sich mit dem Erwachsenwerden der Kinder zurück, suchten eine andere geistige Heimat, andere mussten wir zum Grab geleiten. Dafür gibt es Neuzugänge und darüber freuen wir uns. Und für sie, damit sie etwas über das Wachsen dieser Gemeinde erfahren, wurde dies geschrieben.

Wir können Gott zu unserem jungen Jubiläum nur danken, dass wir bisher immer treu sorgende Priester haben durften. Als Nachfolger von Paul Groh kam Pfarrer Rupert Frania, der den Neubau des Pfarrzentrums tatkräftig vorantrieb und 1997 unser Pfarrer Erwin Obermeier, ein Priester, der uns ein menschenfreundliches, lebenswertes Christentum aufzeigt.

Gehen wir gemeinsam diesen Weg hoffnungsvoll und in Freude weiter.

Emil Landesberger
Pasing, 2002