Korbinian heute: Bistum Évry - Erzbistum München und Freising

Korbinian verbindet Bayern und Frankreich, auch heute noch!

Die neu erbaute Kathedrale des 1966 gegründeten Bistums Évry-Corbeil-Essonnes im Süden von Paris und die altehrwürdige Freisinger Domkirche scheinen von ihrem Äußeren her keine großen Gemeinsamkeiten aufzuweisen. Und doch verbindet sie der heilige Korbinian, dessen Gebeine im Dom seine letzte Ruhestätte fanden und der zum Patron der neuen Kathedrale in Évry auserkoren wurde.

Friedrich Kardinal Wetter, der Erzbischof von München und Freising, bringt diese Gemeinsamkeit bei seinem ersten Besuch in Arpajon, einem Ort, der zur heutigen Diözese Évry-Corbeil-Essonnes gehört, in seiner Predigt zum Ausdruck:

"Der heilige Korbinian gehört euch und uns: Euch, weil er ein Sohn eurer Gemeinde ist. Uns, weil er unser erster Bischof war. Das ist es, was uns verbindet."

Der hl. Korbinian, der das Bistum Freising gegründet hat, verbindet so bis zum heutigen Tag und hoffentlich auch noch lange darüber hinaus Menschen, die in unterschiedlicher Umgebung, anderen gesellschaftlichen und kirchlichen Gegebenheiten den christlichen Glauben in der katholischen Tradition leben und verkünden. Die Erfahrungen aus der Geschichte werden dabei lebendig und können hilfreich sein für die Bewältigung der Aufgaben der Christen in der Welt von heute. Da sind in den beiden Bistümern sicherlich immer wieder unterschiedliche Aspekte zum Tragen gekommen, und diese haben sich in verschiedenster Weise entwickelt. Die Kontakte aber und die Gemeinsamkeiten haben ihren Ausgangspunkt immer über die Person des Heiligen und dessen Verehrung genommen.

In Arpajon liegt der Ursprung

Am Anfang steht da also ein Mann, der in seiner Heimat Châtres (ursprgl. Name für Arpajon) versucht, in der Nachfolge Jesu zu leben und der es für die damalige Zeit für angebracht hielt, sich dazu zurückzuziehen, um in der Einfachheit und der Askese diesen Weg zu gehen. Er sammelte aber bereits im Jahre 700 n. Christus in seiner Behausung Menschen um sich, die seine Unterweisungen und Verkündi-gungen hören wollten, und die Spenden mitbrachten, die den Bedürftigen zugeteilt wurden. Das Evangelium zu verkündigen, ob gelegen oder ungelegen, mit den Armen zu teilen, diese beiden Intentionen und Überzeugungen hat er an den
verschiedenen Stationen seines Lebens niemals aufgegeben, ja er hat sie dann als Bischof von Freising schließlich noch weiterentwickelt und ausgebaut. So konnte er zum geistigen Vater eines ganzen Bistums werden.

In der rechten Verehrung wirkt er bis in unsere Zeit hinein fort und festigt so die Bande zwischen den Christen aus den beiden Bistümern über die Landesgrenzen hinweg. Im neuen Bistum Évry-Corbeil-Essonnes ist der hl. Korbinian durchaus wieder bekannt und die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit seiner Vita als Vorbild für das eigene Glaubensleben nimmt zu. Nachdem seine Verehrung das Band der Beziehung zwischen den Menschen, die an den Orten Freising und Arpajon leben, stark mitgeprägt hat und auf die Menschen übergegangen ist, die in den beiden Diözesen leben lässt das auf eine gute Zukunft hoffen.

Das war nicht immer so. Die Verehrung des hl. Korbinian hat in seiner Heimat eine wechselvolle Geschichte erfahren. So ist der hl. Korbinian bis ins 18. Jahrhundert in Frankreich völlig in Vergessenheit geraten. Der erste Kontakt in diesem Sinne und seiner Zeit entsprechend wurde durch den Pfarrer der Gemeinde St. Germain, Jacques Lesguillon, gesucht. Er wandte sich im Jahre 1711 an den 55. Nachfolger Korbinians auf dem Bischofsstuhl von Freising, Johann Franz Eckher von Kapfing und Liechteneck, mit der Bitte, Reliquien des hl. Korbinian für seine Gemeinde zu bekommen. Am 6. November 1712 konnten dann in Anwesenheit vieler Geistlicher die Reliquien in einem Schrein in der Kirche St. Germain beigesetzt werden. Um die Verehrung in der rechten Weise zu fördern, wurde am 4. August 1713 auch eine Bruderschaft des hl. Korbinian ins Leben gerufen. Die Mitglieder sahen es als ihre Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass der Schrein 1777 restauriert werden konnte. Vor den Wirren der Revolution, die auch die Auflösung der Bruderschaft zur Folge hatte, konnte der Schrein mit den Reliquien durch den Mesner gerettet werden. Er erhielt seinen Platz in der Kirche wieder am 8. September 1795, dem Todestag des Heiligen. Seit dieser Zeit wurde seiner in einem festlichen Gottesdienst an
diesem Tag gedacht. Dies geschah, obwohl die kirchlichen Autoritäten den hl. Korbinian niemals als ersten oder zweiten Patron der Kirche offiziell bestätigten. Diese Verehrung von den Bewohnern setzte sich aber durch, und es wurde von ihnen als selbstverständlich vorausgesetzt, dass er einer der Schutzpatrone ihrer Kirche war. So wurde zu seinen Ehren auch immer wieder der Patroziniums-gottesdienst gefeiert. Dies erklärt auch, dass die am Ende des 19. Jahrhunderts von einem Mitglied der Gemeinde gestifteten Kirchenfenster neben dem guten Hirten auch St. Germain und Sankt Korbinian darstellten. Das Fenster und der Schrein dokumentieren, dass der hl. Korbinian am Ursprung seines Wirkens weit über die Zeit hinaus einen festen Platz im Glaubensleben der Gemeinde erhalten hatte.

Leider zog nach dieser Zeit der Festigung auch wieder eine Zeit herauf, die diese Kirche immer mehr in Vergessenheit geraten ließ, und so musste 1962 eine Gruppe Münchner Pilger den schlechten Zustand der Kirche feststellen. Zurückgekehrt in ihre Heimat wollten sie sich aber damit nicht abfinden, und so wurde eine Sammlung abgehalten, die der Restaurierung der Kirche St. Germain les Arpajon dienen sollte. Damals gehörte der Ort noch zur Diözese Versailles. So konnten die Fenster, die nicht mehr zu reparieren waren, unter der Aufnahme der alten Motive neu geschaffen werden. Anläßlich des Besuchs des damaligen Erzbischofs von
München und Freising, Julius Kardinal Döpfner, im Jahre 1965 wurden die neuen Fenster eingesetzt. Außerdem wurde eine Wandteppich, der 7 Szenen aus dem Leben des hl. Korbinian darstellt, in der Kirche aufgehängt. Ein Jahr später, am 29. Juli 1966, besuchten 250 Pilger die Kirche von St.-Germain les Arpajon: "C´est la première fois que St. Germain accueille un pèlerinage aussi important."

Darauf folgte wieder ein dunkleres Kapitel, denn die Kirche, deren Eigentümer der Staat ist, wurde vom ausführenden Organ, der Kommune, nicht sonderlich gut unterhalten. Das Dach war in sehr schlechtem Zustand und die Aufstände vom Mai 1968 führten zur Schließung der Kirche. Schrein und Wandteppich wurden ins
Pfarrhaus gebracht. So war die Kirche von 1968 bis 1979 geschlossen und verlassen. Der hl. Korbinian geriet dadurch wieder in Vergessenheit.
Im Mai 1979 begann eine neue Seite der Geschichte des hl. Korbinian für die Gemeinde St. Germain und auch für das ganze, inzwischen seit 13 Jahren neu gegründete Bistum. Zwei deutsche Seminaristen baten den neu ernannten Pfarrer von St. Germain, Père Bagnol, die Kirche des hl. Korbinian in Arpajon zu besichtigen. Dieser wusste über die Existenz zunächst nichts und war schließlich bestürzt, als er erkennen musste, in welch ruinösem Zustand sie sich befand. Drei Wochen später wollten auch zwei Priester der Diözese München und Freising die Kirche besuchen, und auch sie mussten mit Bedauern den schlechten Zustand feststellen. Sie wandten sich an den damaligen Erzbischof von München und Freising, Joseph Kardinal Ratzinger, mit der Bitte, er möge doch die Angelegenheit mit seinem Mitbruder im bischöflichen Amt besprechen und nach Lösungsmöglichkeiten suchen, die Würde für das Gotteshaus und das Andenken an den hl. Korbinian in seiner Heimat wieder herzustellen.

Msgr. Guy Herbulot, seit 16. Mai 1978 der neue Bischof der Diözese Évry-Corbeil-Essonnes, nahm sich zusammen mit Père Bagnol der Sache an. Und so hatte die Kommune die zur Wiederherstellung notwendigen Arbeiten in Auftrag gegeben, und die Gottesdienste konnten wieder gefeiert werden. Der Wandteppich kam an
seinen Platz zurück, auch der Schrein wurde wieder in die Kirche gebracht.

Von diesem Zeitpunkt an rückte in der Erzdiözese München und Freising mehr und mehr die Tatsache in den Blick, dass in der Heimat des hl. Korbinian ein neues Bistum, südlich von Paris, sich auf der Suche nach einer neuen Identität und einer neuen Kathedrale entwickelte. So ergriff der Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter
1986 die Initiative, den Bischof von Évry-Corbeil-Essonnes zum Korbiniansfest nach Freising einzuladen.

Dieser hatte sich mittlerweile in Évry, dem neuen Zentrum des Departement Essonnes, niedergelassen. Wegen terminlicher Schwierigkeiten bat er Père Bagnol, den Pfarrer von St. Germain les Arpajon, mit einer Gruppe nach Freising zu fahren, und es entwickelte sich daraus bis heute eine gute Tradition.

Begegnungen und Gedanken um die neue Kathedrale von Évry

1987 nahm Bischof Guy Herbulot am Korbiniansfest teil und erzählte am Rande der Feierlichkeiten von seinem Wunsch, dem neuen Zentrum auch in Form einer Kathedrale eine geistige Mitte zu geben. Sie musste den modernen Entwicklungen der Städteplanung und den Bedürfnissen der Menschen, die hier leben, Rechnung
tragen; sie sollten in ihr einen würdigen Ort für die Feier der Liturgie finden, ein Haus Gottes und ein Haus der Menschen. In den folgenden Jahren nahmen diese Pläne bereits konkrete Gestalt an, und so konnte der Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, bei seinem Besuch 1989 bereits das Modell
besichtigen. Vorausgegangen waren natürlich umfangreiche Planungen und Verhandlungen. 1992 wurde unter dem Schweizer Architekten Mario Botta schließlich mit dem Bau begonnen, und rechtzeitig konnte er 1995 zur ersten Feier für das Bistum, der Missa Chrismatis, abgeschlossen werden. Mit den Reliquien des hl. Korbinian, die dabei in den Altar eingesetzt wurden, wurde die Verbindung in der gemeinsamen Verehrung grundgelegt. Es läuteten zu diesem Anlass bereits die fünf Glocken, von denen eine den Namen Corbiniana trägt.

"Il est temps de pendre la crémaillère": mit diesen Worten lädt der Bischof Guy Herbulot seine Diözese und den Erzbischof von München und Freising zur Eröffnung der Kathedrale an Ostern 1996 ein. In Vertretung des Erzbischofs nahm Weihbischof Engelbert Siebler an der eindrucksvollen Feier der Eröffnung des neuen Mittelpunktes der Diözese Évry, der Kathedrale "De la Ressurection et de St. Corbinien" teil. Es zeigte sich dabei, dass der Bischof und seine Verantwortlichen gut gehandelt haben, in dem Sinn, dass der Bischof und die Kathedrale dort ihren Platz finden müssen, wo die Menschen sind.

30 Jahre nach der Gründung des Bistums konnte die junge Diözese Évry in verschiedenen Foren im Anschluß an den feierlichen Gottesdienst zeigen, wie sie gewachsen ist, wie sie erwachsen wurde und so gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen für die Verkündigung des Evangeliums in diesem Teil der "Île-de-France".

Wichtige öffentliche große Ereignisse, wie 1983 das "Rassemblement du Peuple de Dieu" und 1990 die Eröffnung der Diözesansynode wiesen auf diese Aufgaben hin und haben das Verständnis für die Suche der Menschen nach dem Sinn ihres Lebens erweitert. Die Diözese hat in den 30 Jahren ein Gesicht bekommen: es
zeigt sich in den "Équipes animatrices", die Verantwortung tragen in den Pfarreien, es zeigt sich in der guten Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien, in dem hohen Anteil junger Menschen, die hier leben, im Miteinander der Menschen verschiedener Herkunft, in der Auseinandersetzung mit Wissenschaftlern und
Technikern, die hier arbeiten, in der Fähigkeit, Kranken in ihrer Not beizustehen, im dem Anspruch, die Gefangenen in Fleury nicht sich selbst zu überlassen.

Am 30. April 1996 hielt der hl. Korbinian in Form einer Bronzeplastik Einzug in die Kathedrale. Und rechtzeitig zur feierlichen Konsekration der Kathedrale am Fest Christ Himmelfahrt 1998 konnte Schwester Marie-Dominique (Anm.: sie gehört zur Benediktinerinnen-Abtei Limon in der Diözese Évry) nach dem Vorbild des
Wandteppichs in der Kirche von St. Germain les Arpajon einen neuen Zyklus mit sieben Bildern, der an der Orgelempore angebracht wurde, fertig stellen. Am Ende der Feier, an der auch, in Vertretung des Erzbischofs der Erzdiözese München und Freising, Weihbischof Engelbert Siebler teilnahm, bedankten sich die Gläubigen
mit einem großen Applaus für die bildhafte Darstellung der Szenen aus dem Leben des hl. Korbinian in ihrer Kathedrale. So führte der hl. Korbinian immer wieder verschiedene Gruppen der beiden Diözesen zu den unterschiedlichen Feiern und zum Austausch über die Möglichkeiten, den Glauben zu leben, zusammen.

Ein ganz besonderes Ereignis, das die gemeinsamen Wurzeln sichtbar machen konnte, war der Weltjugendtag 1997. 200 Jugendliche aus der Erzdiözese München und Freising waren zusammen mit Weihbischof Engelbert Siebler zu Gast in der Diözese Évry, die neben dem Papstbesuch in ihrer Kathedrale auch noch Tausende von Gästen aus anderen Ländern zu beherbergen hatte. Die Kathedrale wurde während dieser Tage zu einem Ort des Gebetes und der Verkündigung für die Jugendlichen. Die Verkündigung des hl. Korbinian wurde hier in einer anderen Form, aber mit der selben Intention durchgeführt. Und schließlich erhält auch der hl. Vater bei seinem Besuch in der Kathedrale, bei dem er die Beziehungen der beiden Diözesen Évry und München und Freising besonders hervorhebt, eine Plastik des hl. Korbinian mit dem Bären. Diese wurde von dem jungen Künstler Paul
Gosset aus Ulmenholz geschaffen. Die Begegnungen weiteten sich zu einem weltkirchlichen Ereignis, und sie wurde für alle Beteiligten zu einem großen Fest des Glaubens über die Grenzen von Ländern, Rassen und ethnischer Abstammung hinweg. Es gingen von hier auch Impulse aus, die erlebte Gemeinschaft unter den
Jugendlichen in einem regelmäßigen Austausch bei den jeweiligen Jugendveranstaltungen der Diözesen zu pflegen.

Perspektiven für die Zukunft

Bei dem ersten Besuch der neuen Kathedrale von Évry durch den Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, anlässlich des Korbiniansfestes im September 1998 wurden weitere Voraussetzungen geschaffen für den Austausch zwischen den verschiedenen Gruppen der beiden Diözesen. So haben die Diakone
bereits damit begonnen, sich in ihrer Berufsgruppe gegenseitig zu besuchen. So wird der Diözesanrat der Erzdiözese München und Freising mit dem gewählten Gremium der Diözese Évry einen Austausch anstreben, und so hat sich bereits auch der Bayerische Klerusverband verpflichtet, ein Altenheim für Priester in dem
französischen Bistum zu unterstützen. Dies sind einige Initiativen, die das verbindende Element aufzeigen, das im hl. Korbinian grundgelegt ist.

Auch wenn die Diözesen von ihrer Geschichte, ihren Strukturen und ihren Bauwerken sehr unterschiedlich geprägt sind, so können die Menschen in ihnen aneinander und miteinander lernen, wie Verkündigung und Weitergabe des Glaubens in ihrem Alltag, in der Welt von heue möglich ist. So können sie im geeinten Europa im Sinne des hl. Korbinian und der Nachfolge Jesu Christi wirken. Eine gemeinsame Perspektive, die Hoffnung schenkt und Mut macht für das Bistum Évry und die Erzdiözese München und Freising.

Wolfgang Huber