Zur Geschichte des Archivs

Das Erzbistum München und Freising entstand 1817/1821 aus dem 739 gegründeten Bistum Freising (ausgenommen die Gebietsteile in Tirol und einige Berichtigungen der Grenzen zu den Bistümern Augsburg und Regensburg), den auf bayerischem Territorium gelegenen Teilen des Erzbistums Salzburg (ausgenommen die zu Passau gekommenen Dekanate) und des Bistums Chiemsee sowie der exemten Fürstpropstei Berchtesgaden.

Im Bistum Freising bestand ein Archiv des Fürstbischofs, dessen ältere Teile etwa seit dem 17. Jahrhundert in drei gewölbten Räumen des südlichen Domturms verwahrt wurden. (Der Archivraum des 14. Jahrhunderts ist im Erdgeschoss des Residenzturmes noch erhalten.) Die jüngeren Akten lagen in der Kabinettsregistratur zu Händen des Bischofs. Die bischöflichen Behörden (Geistlicher Rat, Hofrat, Hofkammer) führten eigene Registraturen. Davon ist besonders wichtig die Registratur des 1585 gegründeten Geistlichen Rates, der die geistlichen Rechte des Bischofs wahrnahm. Das Domkapitel hatte sein eigenes Archiv in einem 1732 bis 1734 erbauten und ausgestatteten, bis heute erhaltenen Saal mit zweigeschossigen Archivschränken zwischen Dombibliothek und Kapitelsaal am Kreuzgang.

Bei der Säkularisation 1802/1803 beschlagnahmte das Kurfürstentum Bayern als Rechtsnachfolger die Archive des Fürstbischofs und des Domkapitels sowie die Registraturen der weltlichen Regierung. Dokumente von ausschließlich historischem Wert wurden aussortiert und in das kurfürstliche Geheime Landesarchiv, einen Vorgänger des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, bzw. das Reichsarchiv-Conservatorium, das heutige Staatsarchiv München, gegeben. Unterlagen, die für Verwaltung und Rechtsprechung noch benötigt wurden, gelangten sofort nach der Säkularisation an die nunmehr zuständigen bayerischen Behörden. Durch Aktenabgaben dieser Behörden kamen sie ebenfalls in das Staatsarchiv München. Innerhalb der staatlichen Archive wurden die Archivbestände inzwischen nach ihrer ursprünglichen Herkunft neu geordnet. Die ehemaligen Freisinger Archivalien sind deshalb heute im Hauptstaatsarchiv wieder vereinigt.

Von der Säkularisation unberührt blieben dagegen die Akten der Freisinger Bistumsverwaltung, die als Bischöfliches Generalvikariat weiter amtierte. Bei der Verlegung des Bischofssitzes nach München wurden auch diese Unterlagen mitgenommen. Sie bildeten dort den Grundstock für das heutige Archiv des Erzbistums München und Freising. Hinzu kamen in größerem Umfang Unterlagen salzburgischer Provenienz. Schon bald nach der Säkularisation war der bayerische Staat bestrebt, die Diözesangrenzen den Staatsgrenzen anzupassen. Dem Bistum Freising bzw. ab 1817/21 dem Erzbistum München und Freising wurden die nunmehr im Königreich Bayern gelegenen Teile des Erzbistums Salzburg zugeschlagen. Infolgedessen gelangte auch die Überlieferung der ehemals salzburgischen Archidiakonate Chiemsee, Gars und Baumburg nach Freising. Das Salzburger Konsistorium gab zudem in großem Umfang Personalakten sowie Schriftgut, das die abgetretenen Pfarreien betraf, ab.

Mit der Verlegung des Bischofssitzes 1821 wurden auch größere Teile der Registratur nach München verbracht. Aufgrund der äußeren Situation musste aber ein Teil des Schriftguts in Freising bleiben. Erst mit dem Bezug des ehemaligen Karmeliterklosters in der Pfandhausstraße im Jahr 1840 gelang eine Zusammenführung sämtlicher Registraturteile. Unter der Anweisung von Generalvikar Martin von Deutinger wurde nun auch das immer noch getrennt verwahrte Schriftgut aus den alt- und den neudiözesanen Gebieten in einer neuen Ordnung, die sich aus den drei Hauptgruppen „Lokalia“, „Personalia“ und „Realia“ zusammensetzte, vereinigt.

Auf Deutinger gehen auch die Anfänge des Diözesanarchivs zurück. In den 1840er Jahren erstellte er ein Verzeichnis über sämtliche Urkunden, die sich noch im Besitz des Erzbistums befanden, und fasste sie in einem eigenen Archiv zusammen. In den Jahren ab ca. 1860 wurden erstmals ältere Bestände aus der laufenden Registratur abgegeben und wenig später die Zuständigkeit für das Archiv in die Hände des Bibliothekars gegeben. Dieser Vorrang der Bibliothek vor dem Archiv dauerte bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts an. Eine Aufwertung erfuhr das Archiv durch den CIC von 1917, der alle Diözesen zum Unterhalt eines Archivs verpflichtete. Die ständig steigenden fachlichen Anforderungen an die archivarische Arbeit sowie die stetig anwachsenden Benutzerzahlen, die spätestens seit den 1950er Jahren die Benutzerfrequenz in der Bibliothek deutlich übertrafen und die Kräfte zunehmend im Archiv banden, führten zu einer Umkehrung des Verhältnisses.

Sichtbares Kennzeichen für den zunehmenden Bedeutungsgewinns des Archivs ist die Übernahme der mehrere hundert Bände umfassenden so genannten Heckenstaller-Sammlung aus der Bibliothek. Kern dieser Sammlung bildeten Akten und Schriftstücke, die von den staatlichen Stellen bei der Säkularisation in Freising zurückgelassen wurden und von Joseph Jakob von Heckenstaller und Martin von Deutinger gerettet und durch gezielte Sammlungstätigkeit ergänzt worden waren. Dieses Schriftgut war von Deutinger unter dem Namen „Heckenstaller-Sammlung“ zusammengefasst, thematisch geordnet und gebunden und anschließend der Bibliothek des Metropolitankapitels zugeordnet worden.

Erster wissenschaftlich ausgebildeter Archivar war Heinrich Held (1926-39). In seiner Amtszeit begann die systematische Erschließung der Heckenstaller-Sammlung und anderer zentraler Bestände. Unter Held wurde auch erstmals eine Tektonik geschaffen. Die einzelnen Bestände wurden dabei nach Archivalientypen in Urkunden, Amtsbücher und Akten unterteilt. Seine Arbeit wurde nach dem Krieg durch Peter von Bomhard und dessen Mitarbeitern fortgesetzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die älteren Bestände des Archivs weitgehend, die jüngeren zu einem größeren Teil ausgelagert. Alles, was im Ordinariatsgebäude an der Pfandhausstraße zurückgeblieben war, verbrannte beim Bombenangriff am 25. April 1944 restlos. Auch die Registratur des Ordinariats ging fast vollständig verloren.

Nach 1945 wurden die Bestände in das vorläufige Ordinariatsgebäude, das Montgelas-Palais am Promenadeplatz, zurückgeführt. An den Bergungsorten waren jedoch durch Feuchtigkeit Verluste eingetreten, die heute nicht mehr benennbar sind. 1958 wurde der Chor- und Sakristeiteil der frühbarocken, im Krieg schwer beschädigten Karmeliterkirche für das Archiv eingerichtet. 1976/77 konnte noch der größere Teil der Kirchengruft hinzugewonnen und in der ehemaligen Sakristei ein zweckmäßiger Benutzerraum geschaffen werden. Die Magazine in der früheren Kirchengruft wurden zuletzt 1999-2002 hinsichtlich Brandschutz und Klimatechnik modernisiert.

1984 wurde wegen des Raummangels in München am Domplatz zu Freising ein Archivdepot eingerichtet, das weniger benutzte Bestände und deponierte Pfarrarchive aufnimmt. Das Gebäude an der Südseite des Domplatzes diente bis zur Säkularisation im Erdgeschoss als fürstbischöflicher Marstall und im ersten Stock als Gemäldegalerie. Der 1825 erwogene Plan der bayerischen Archivverwaltung, hier ein Depot des Allgemeinen Reichsarchivs einzurichten, kam nicht zur Ausführung. Stattdessen wurde das Gebäude 1834 dem neu gegründeten staatlichen Lyzeum übergeben, das als Philosophisch-Theologische Hochschule bis 1968 bestand. Zugleich beherbergte der Trakt bis 1980 das Domgymnasium. 1877/78 war er aufgestockt worden. 1981 durch das Erzbistum vom Staat erworben, wurde das Gebäude in zwei Bauabschnitten umgebaut und 1994 feierlich wieder eröffnet. In den Obergeschossen ist die Dombibliothek untergebracht. Im Erdgeschoss befindet sich das Depot des Archivs des Erzbistums.

Das Archiv des Erzbistums ist seit 2014 gemeinsam mit der Diözesanbibliothek dem Geschäftsbereich des Kanzlers des Erzbischöflichen Ordinariats zugeordnet. Die rechtliche Grundlage der Tätigkeit des Archivs bildet die „Anordnung über die Sicherung und Nutzung der Archive der katholischen Kirche“ (Amtsblatt 31. März 2014, Nr. 5). Grundsätzliche Leitlinien enthält ferner das von der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche herausgegebene Schreiben „Die Pastorale Funktion der kirchlichen Archive“ vom 31. Juli 1998 (Arbeitshilfen 142, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz).

Aktuelle Schwerpunkte der Tätigkeit sind Erschließung und Zugänglichmachung von Beständen des 20. Jahrhunderts (Nachlässe der Erzbischöfe Michael Kardinal von Faulhaber und Julius Kardinal Döpfner) sowie die Öffentlichkeitsarbeit mit Publikationen, Ausstellungen, Führungen und archivpädagogischen Projekten. Durch die Einführung eines elektronischen Dokumentenmanagementsystems wird die Schriftgutverwaltung im Erzbischöflichen Ordinariat zunehmend elektronisch; auch das Archiv beschäftigt sich deshalb derzeit mit der Etablierung eines Digitalen Archivs, da auch elektronisches Schriftgut übernommen und dauerhaft erhalten werden muss.