Integration ist eine Kunst und Kunst kann integrieren Ein Projekt mit Flüchtlingen am Rande eines kleinen oberbayerischen Dorfes

Weißblaue Postkartenidylle, eine schöne Dorfkirche mit Zwiebelturm und ein perfektes Alpenpanorama. Höslwang hält, was jede Tourismuswerbung für Oberbayern verspricht. Und der Fanclub des FC Bayern ist rekordverdächtig: 3.600 Mitglieder bei nur 1.200 Einwohnern – da kommt auch schon mal Arjen Robben zur Weihnachtsfeier.
Out of Höslwang_Kunstprojekt Integration
(Bild: Judith Haeusler)
Ein Freitagnachmittag im Herbst. Acht junge Leute gehen mit der Fotografin Judith Haeusler durch Höslwang. Sie lernen mit den großen Profikameras umzugehen, fotografieren sich und die Umgebung. Für die Dorfbewohner ein ungewohnter Anblick. Zumal die Gruppe ein wirklich bunter Haufen ist: Die Schwestern Heba und Israa aus Syrien, Haya, ebenfalls Syrien, der Pakistaner Amir, Felix und Jabbi aus Sierra Leone, Mohammed aus Jordanien und der Iraner Zetouni. Eine Mischung aus leichter Scheu und großer Neugier liegt in der Luft. Hier stoßen Welten aufeinander, die bisher nicht viel miteinander zu tun hatten.

Out of Höslwang

Was auch daran liegt, dass die Asylbewerber größtenteils drei Kilometer außerhalb des Ortes in einem ehemaligen Hotel an einem Golfplatz untergebracht sind. Die Deutschkurse finden allerdings in Rosenheim statt. Mit Fahrrad und Bus gefühlt eine kleine Weltreise und auf jeden Fall zeitraubend. Weit weg – nicht nur von Höslwang. Das spürt auch Michael Krüger, Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatik mit Praxis im Dorf, als er die Einrichtung besucht. Nicht weit von seinem Ziel sieht er am Straßenrand einen Schwarzafrikaner. Michael Krüger nimmt ihn mit. Während der kurzen Fahrt wird schnell klar, was das Problem ist. Der junge Mann hat die Orientierung verloren und irrt ziellos umher. Ihm ist die Landschaft so fremd, dass er keinerlei Orientierungspunkte hat. Alles sieht gleich aus. So wird schon ein kleiner Spaziergang zum Abenteuer.

„Die Schwierigkeiten sind oft sehr fundamental“. Da ist sich Michael Krüger sicher. Und zwar besonders, wenn auch noch belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit hinzukommen. Er denkt an Benjamin (Name geändert) aus einer christlichen Familie im Sudan, der in einem religiös gemischten Dorf aufgewachsen ist. Dort geriet er in Konflikte. Dann wurden Benjamins Eltern überfallen – die Mutter schwer verletzt, sein Vater getötet. Auch er selbst wurde massiv bedroht. Zu alledem gab ihm seine Familie die Schuld an dem Drama und entzog ihm den Rückhalt. Benjamin floh nach Europa. Trotzdem wurde er die Schatten der Vergangenheit nicht los und hat zwei Selbstmordversuche hinter sich.
„Vieles, was Identität und Stolz in der Heimat ausgemacht hat, zählt hier nicht. Dabei ist die Sicherung der Identität aber entscheidend wichtig, damit man nicht aus dem Gleichgewicht gerät“, weiß Michael Krüger. „Wenn ich im Sudan stolz sein konnte, jedes Auto zu reparieren, nützt mir das hier überhaupt nichts.“ Genau an diesem Punkt setzt die Fotografin Judith Haeusler mit ihrem Kunstprojekt in Höslwang an: „Natürlich glaubt erst einmal jeder, dass er fotografieren kann. Wenn ich aber merke, was alles mit einer professionellen Kamera möglich ist, tut sich eine neue Welt auf. Und das tut richtig gut.“

Fotokunst von und mit jungen Flüchtlingen

In einem ersten Schritt lernen die Teilnehmer die Möglichkeiten der Kamera kennen, indem sie sich gegenseitig porträtieren. Alle lassen ihrer Phantasie freien Lauf und bringen ihre Erfahrungen ein. Jabby hat in Sierra Leone schon als Künstler gearbeitet. Zetouni ist Maler und kennt sich hervorragend mit Farben aus. Ganz nebenbei macht Judith Haeusler auch noch professionelle Bewerbungsfotos, die alle später nutzen können. Dann geht es raus in die Straßen von Höslwang. Was und wie sehen sie ihre Umgebung? Heba und Israa, die beiden Schwestern aus Syrien, fotografieren Bäume. Judith Haeusler zeigt ihnen, was sie aus der Kamera herausholen können. Amir, Felix und Mohammed experimentieren mit Bewegung und fotografieren sich dabei gegenseitig. Diskutiert wird in vier Sprachen. Mohammed spricht sehr gut Italienisch. Genau wie Judith Haeusler. Also übersetzt er für die syrischen Schwestern, die nicht so gut Englisch können, italienisch - arabisch. Ansonsten geht es auf Englisch und teilweise auch schon auf Deutsch hin und her.
Im nächsten Schritt werden ausgewählte Bilder an Wände projiziert und die Umrisse vorgemalt. So entstehen große Gemälde vom Dorf, der Landschaft und sich selbst. Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Heba, Israa, Felix und alle anderen verorten sich damit in ihrer neuen Umgebung. Die künstlerische Arbeit wird zum gemeinsamen Erfolgserlebnis.

Brücken bauen

Und die Höslwanger? Im Januar erfolgt der Brückenschlag. Die besten Fotos werden auf Leinwände gedruckt und zusammen mit den gemalten Bildern präsentiert. Eine Vernissage ist geplant, die Ausstellung im alten Feuerwehrhaus soll zur Begegnisstätte für Einheimische und Asylbewerber werden. Die Chancen dafür stehen gut. Schon jetzt sind viele Dorfbewohner gespannt, wie die Flüchtlinge ihr Höslwang wahrnehmen. Judith Haeusler: “Es wird spannend, wie sich die Höslwanger in den Bildern wiederfinden. Genug Stoff für Begegnungen und anregende Diskussionen.“
Caritas ermöglicht das Projekt
Die Idee zum Kunstprojekt überzeugte auch die Caritas. Asylsozialberaterin Melanie Bumberger hatte sich mit dem örtlichen Helferkreis schon lange den Kopf zerbrochen, wie sie die Asylbewerber und die Höslwanger einander näher bringen können. Dann kam der Kontakt mit Judith Haeusler zustande, die in einem Nachbardorf wohnt und bereits ein Foto-Kunstprojekt mit Flüchtlingen sehr erfolgreich durchgeführt hatte. Die Caritas übernahm schnell und unbürokratisch die Finanzierung des Höslwang-Projekts, weil es „ganz im Zeichen der Integration steht“.
Nähere Informationen zur kunsttherapeutischen Arbeit von Judith Haeusler:
http://www.fotokunsttherapie.de

Text: Klaus Schmidtke