Tarik tanzt Musik und Kunst als Sprachrohre zur Welt für junge Flüchtlinge

Alles begann mit einem gespendeten Tuschkasten. Ein paar Jungs malten sich mit den Farben die Gesichter an. Wenige Wochen später hängen überall Bilder an den Wänden der Zimmer des Caritas-Clearinghauses für jugendliche Flüchtlinge im Münchner Stadtteil Schwabing. Eine Wand in ihrer Unterkunft haben die Jugendlichen mit Graffitis in ein Farbenmeer verwandelt. Wie man das macht, haben ihnen Münchner Künstler beigebracht. Und das kreative Arbeiten geht weiter: Einmal in der Woche treffen sich die 14- bis 16jährigen Jungen mit einer angehenden Kunsttherapeutin zum Malen und Gestalten. Die Kosten für das Material hat eine kleine private Stiftung übernommen.
Tarik tanzt
(Bild: Caritas München)
Mit großer Begeisterung ist auch Ahmad dabei. Er ist eigentlich ein Mathefreak und tut sich noch sehr schwer mit der deutschen Sprache. Auf seinem Gymnasium in Aleppo gehörte der 16-Jährige zu den besten Schülern. Der Krieg in Syrien hat sein Leben zerstört. Einige seiner Freunde wurden verhaftet und tauchten nie wieder auf. Manche kamen bei den ständigen Bombenangriffen ums Leben. Seit vier Monaten ist Ahmad in München, getrennt von seiner Familie, die immer noch in Syrien ist. Er lebt mit 30 anderen Jungen zwischen 13 und 17 Jahren im Caritas-Alveni-Clearinghaus. Der Leiter Bernd Kirchhoff und sein Team kümmern sich um die Jugendlichen, die allein aus ihrer Heimat geflohen sind und jetzt in einer völlig neuen Umgebung zurechtkommen müssen. Keine leichte Aufgabe für den Psychologen: „Viele haben schlimme und traumatisierende Erlebnisse hinter sich. Wir haben hier Jugendliche, die im Gefängnis gefoltert wurden oder bei denen ein Elternteil umgebracht wurde. Dazu noch die Flucht nach Europa.“
 
Eine große Hürde sieht Kirchhoff in der Sprachbarriere: „Die Jungs kommen hier alleine in eine für sie fremde Welt. Und sie können sich noch nicht einmal untereinander verständigen. Aber Kunst und Musik funktionieren auch ohne Sprache. Es ist für mich spannend zu beobachten, wie die Jugendlichen damit andere Kommunikationswege zur Welt entdecken und sich unter den Bewohnern neue Freundschaften entwickeln. Gerade der Umgang mit Farbe bietet sich dabei an, da damit auch ohne viel Üben kreative Erfolge erreicht werden können.“
 
Diese Erfahrung hat auch Tarik aus Afghanistan gemacht, einer der Jüngsten im Clearinghaus. Der 13-Jährige sprach so gut wie nie und war sehr in sich gekehrt. Die anderen beachteten ihn kaum. Bis vor einigen Wochen zwei Künstlerinnen mit den Jungen Musik machten. Tarik begann zu tanzen, und zwar so gut, dass er plötzlich im Mittelpunkt stand. „Das hat ihm neues Selbstbewusstsein gegeben“, freut sich Kirchhoff.
 
Und das künstlerische Engagement in der Einrichtung soll weitergehen. Im Februar hat der Münchner Künstler Phil Splash während eines fünftägigen Kurses mit den Jungs eine Wand im Treppenhaus gestaltet.
Klaus Schmidtke