Kein Held, kein Retter, kein Verfolger -
Möglichkeiten und Grenzen von Vertrauenspersonen

Oft sind es »Vertrauenspersonen«, Lehrkräfte, mit »Blick« für Krisensituationen, die zur Hilfe gerufen werden. Wie kann man als Vertrauensperson in so einer Situation angemessen reagieren? Wie kann man den Eindruck verhindern, man sei Held, Retter für alle Krisen? Wie handelt man mit Augenmaß? Krisenintervention kann und muss (!) man systematisch lernen, dann kann Schule auch Krisen erkennen und bewältigen.
trauriges Mädchen an Wand
Kinder brauchen Vertrauenspersonen (Bild: imago/Emil Umdorf)
Es ist Freitag 15.30 Uhr, noch eine Viertelstunde Unterricht und dann raus aus der Schule. Die Woche war sehr anstrengend, und die nächste Woche wird auch nicht viel besser. Das Wetter ist schön, also werde ich mich an dem Wochenende erholen: viel schlafen, gut essen, Radfahren und im See schwimmen ... also meiner Seele etwas Gutes tun. 

15.45 Uhr, es gongt, die Schüler verlassen das Klassenzimmer, ich trage ins Klassenbuch ein und gehe auf den Gang. Dort steht Paula (Name geändert) und bittet mich um ein Gespräch. Ich will sie auf Montag vertrösten, das Wetter ist schön, der See und meine Familie warten doch auf mich ... Doch Paula will jetzt mit mir sprechen - ich gehe mit ihr in mein Büro - und frage, was ich für sie tun könne. 

In den nächsten 30 Minuten bekomme ich in »Kurzfassung« eine sehr traurige Lebensgeschichte, geradezu ein »Drama«, erzählt. Paula kann mir das gesamte Gespräch über nicht einmal in die Augen schauen. Sie ist 19 Jahre und erzählt, dass sie massive Essstörungen hat, sich zeitweise ritzen muss, und dass ihr immer wieder die Gedanken kommen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wie oft sei sie am Bahnhof oder an den Gleisen gesessen, nur der letzte Schritt in den Tod habe noch gefehlt. Menschen, die ihr helfen, habe sie keine. Die Mutter sei schwer krank und der Stiefvater habe ihr Gewalt angetan, - so sehr, dass sie sich zu Hause nicht sicher fühle. Zeitweise übernachte sie bei einer älteren Frau, im Sommer im Park oder im Bahnhof auf einer Bank oder sie laufe einfach so durch die Stadt ohne Ziel. 

Paula gehört zu jenen Jugendlichen, die die ihnen angetane Gewalt nicht (nach außen) gegen andere richten, sondern gegen sich selbst. 

Sie leiden z. B. unter Essstörungen, verletzen sich selbst oder haben Suizidgedanken. Sie sind geplagt von Ängsten, massiven Hemmungen, depressiven Verstimmungen und psychosomatischen Beschwerden. Diese Jugendlichen beeinträchtigen und gefährden also weniger das Leben ihrer Mitmenschen, sondern vorrangig ihre eigene Existenz. 

Am Ende des Gesprächs ermuntere ich Paula, möglichst umgehend ärztliche beziehungsweise therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich will ihr helfen auf der Suche nach einem geeigneten Psychologen beziehungsweise Psychiater. Sie lehnt ab und meint, sie komme gut allein damit klar. 

Bei der Verabschiedung sagt sie: »Wenn der Druck zu groß ist, schneide ich mich wieder, oder wenn der Druck gar nicht mehr nachlässt, dann mache ich einfach Schluss ... « Sie öffnet die Tür und verlässt den Raum. »Tschüs Paula -!« - Schweigen.

Draußen scheint die Sonne, es ist 17.15 Uhr. Ich setze mich ins Auto mit Paula und ihrer Lebensgeschichte im Kopf und fahre nach Hause. An diesem Wochenende kann ich Paula nicht mehr vergessen. Sitzt sie jetzt an den Gleisen? Steht sie auf einer Brücke und will springen? Und, und ... Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.
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