Wir sind füreinander da – schön wär`s
Theaterprojekt von und mit Jugendlichen

Montagabend im „Jump in“, dem Caritas Kulturtreff für Kinder und Jugendliche von sechs bis 21 Jahren in Ludwigsfeld, einem Stadtteil im Münchner Norden, der nach dem II. Weltkrieg aus einer Barackensiedlung für Flüchtlinge entstanden ist. Um 19 Uhr trifft sich die Jugend-Theatergruppe zur Generalprobe vor der großen Premiere von „Wir sind füreinander da – schön wär`s“. Seit Monaten proben die 16 Jugendlichen für das selbst geschriebene Theaterstück mit eigener Musik, raffinierten Medientricks, Poesie, witzigen Dialogen und einer heiter bis ernsthaften Sicht auf die heutige Jugend. „Über dieses Projekt sind wir sehr gut an die Gefühle und Themen der jungen Menschen herangekommen. Es ging viel um Schule, Zukunft, Drogen- und Handysucht, aber letztlich vor allem um die Sehnsucht aller Jugendlichen nach Akzeptanz, Zusammenhalt und Geborgenheit innerhalb der Familie“, erklärt Sybille Baumann, die mit viel Engagement zusammen mit ihrem Kollegen Mauricio Wells das Theaterprojekt begleitet. Bei dieser Probe kurz vor der Premiere sorgen die beiden dafür, dass jeder Einzelne innerhalb der bunten Truppe seine Aufgaben kennt.
Kinder bei Theaterprobe
(Üben, bis alles richtig passt... Bild: imago/ZUMA Press)
Weg vom Rollenmuster: Mädchen kümmern sich um die Technik
 
Sind die Kostüme okay oder müssen wir noch etwas besorgen? Ist der Maskenplan fertig? Wo ist die Souffleusen-Gruppe? Wer schreibt den Umbauplan und ist die Regiegruppe komplett? „Im Grunde machen die Kids alles alleine, ich versuche mich möglichst wenig einzumischen und nur ein klein wenig zu koordinieren“, sagt die 43-jährige Sozialpädagogin. Julia, Anna und Fiona kümmern sich um die Technik und das Licht. Sie haben selbst ein Video für die Bühne gedreht und einen Song für das Theaterstück komponiert. Die drei Mädels besuchen das „Jump in“ seit sie sechs Jahre alt sind und befinden einhellig, dass „sie keine Bühnenmenschen sind und lieber im Hintergrund arbeiten“. Fiona, die auf die Berufsschule für Fahrzeug- und Luftfahrttechnik geht, erklärt mit einem verschmitzten Grinsen: „Ich liebe Technik“.
 
Kunterbuntes Treiben beim Proben auf der Bühne
 
Kurz darauf ist auf der Bühne die Stimmung schon etwas angespannter. Ein lebhaftes und freudiges Durcheinander, bei dem sich dennoch jeder auf seine Aufgaben und Rollen konzentriert. Manche der Nachwuchs-Schauspieler/innen haben ihren Text vergessen, Sätze werden gekürzt oder verändert, nachdem die junge Regisseurin ihre Einwände gut begründet hat. Das Licht ist noch nicht ganz perfekt und der Balkon von Szene 2, in der die Nachbarschaft ausgiebig über die zerrüttete Familiensituation bei den Müllers ratscht und tratscht, braucht dringend noch einen Sonnenschirm. Melina soll lauter und deutlicher sprechen und Sophia ist hinter der Brüstung kaum zu sehen. „Es klingt noch ein bisschen abgelesen. Bitte versucht kurz inne zu halten und euch darauf zu konzentrieren, welche Rolle ihr spielt, wie alt ihr seid und wie man sich in diesem Alter bewegt und spricht“, appelliert Baumann an die drei jungen Mädchen, die aufmerksam ihre Texte studieren.
 
Kinder reagieren unterschiedlich auf Probleme
 
„Jetzt reicht es mir, hier braucht mich doch eh keiner mehr, ich gehe.“ Mit diesem Satz löst der Vater die große Gefühlslawine in der Familie Müller aus. Seine Frau ist nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die Zwillinge Lena und Nina reagieren völlig unterschiedlich auf die schwierige Familiensituation. Während Lena alles richtig machen und die Familie wieder versöhnen möchte und damit auch kreuzunglücklich wird, sorgt Rebellin Nina mit Aggression, Zorn, Wut, Handysuchtverhalten und einem Selbstmordversuch für mächtigen Aufruhr. „Wir haben versucht in unserer Theaterstück alles reinzupacken, was Jugendliche so beschäftigt“, sagt die 14-jährige Luise, die die Rolle der Nina spielt. „Sie ist ziemlich begabt“, finden Ana und Antonija, die in die Rollen der Schulfreundinnen geschlüpft sind. „Trotz der Spielfreude und des großen Spaßes“ können die Mädchen, die in Moosach die Realschule und das Gymnasium besuchen, „sich nicht vorstellen Schauspielerinnen zu werden“. Und auch der 14-jährige Jonas meint: „Wenn ich Schauspieler werden wollte, müsste ich noch sehr viel besser werden.“ Er spielt in einer Doppelrolle einen Professor und einen Obdachlosen auf der Bühne.
 
Glückliche Gesichter: Tolle Premiere in vollem Haus
 
„Die Kinder konnten ihre Wünsche, Träume, Hoffnungen, Ängste und familiäre Grenzsituationen in diesem Stück aufzeigen“, sagt eine glückliche Sybille Baumann nach der gelungenen Premiere. Die Jugendlichen lassen sich gerne vom begeisterten Publikum beklatschen. Gesellschaftliche Normen und Wertevorstellungen seien hier kritisch betrachtet und komödiantisch ins Absurde geführt worden. Ganz besonders durch das Element der Maskenspieler habe man Vieles hinterfragen können. Warum verzweifelt ein junger Mensch? Wie viel kann man in diesem Alter verkraften? Was hätte ich an Stelle von Nina gemacht? Halten es Jugendliche aus, wenn Eltern streiten? Alle diese Fragen hätten die Maskenspieler in den Raum geworfen und das Publikum dadurch intensiv miteinbezogen, resümiert Baumann.
 
Theaterprojekt bringt Aufmerksamkeit ins Viertel
 
„Durch unsere Theaterprojekte kommen auch andere Menschen, Stadträte oder Kulturbeauftragte in unseren Stadtteil, der doch sehr multikulti und gleichzeitig isoliert ist. Und unsere Jugendlichen haben das Gefühl, dass sie gesehen und gehört werden.“ Es sei gut, dass die Jugendlichen durch solche Theaterprojekte, die vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München und der Kinder- und Jugendstiftung der Stadtsparkasse München gefördert werden, „auch mal raus aus ihrem Viertel kommen“.

Marion Müller-Ranetsberger

  Mehr Informationen www.jump-in-ludwigsfeld.de