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(Bild: imago/Steinach)
Dies ist ein Fall von vielen, bei denen wir als Lehrer gefragt sind. Und der Schüler fragt nicht: Sind sie darauf vorbereitet oder nicht? Sind sie dem Thema gewachsen, sind Sie pädagogisch oder psychologisch geschult? Der Schüler braucht beziehungsweise will meine Hilfe. Kann ich sie ihm geben? Habe ich das nötige Handwerkszeug dazu? 

Die Liste von Krisen, mit denen Schüler uns Lehrer konfrontieren, ist sehr lang. Diese Krisen beeinträchtigen uns als Lehrer, fordern uns zugleich auf, mit großer Achtsamkeit die Schüler zu beraten und zu betreuen. Aber oft stehen wir als Lehrkräfte ohnmächtig vor Schülerkrisen und wissen nicht mehr weiter. Auch ich habe solche Krisen immer wieder erlebt und mich hilflos gefühlt. Aber dann kam mir die Idee, einen Kurs in Krisenpädagogik für Lehrkräfte zu entwickeln; es sollte ein dreijähriges, berufsbegleitendes Fortbildungsmodell für Krisenintervention im Schulbereich werden, das Wege und Möglichkeiten der Begleitung und Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Notfallsituationen aufzeigt, ohne unsere eigenen Grenzen und Ohnmachtsgefühle zu missachten.
 
Lernen, wie man Jugendliche begleitet und stabilisiert
Im Jahr 2007 entstand in Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Werner Kassler die Konzeption zu einer Fortbildung in Krisenpädagogik für Lehrkräfte. In dieser Ausbildung ging es um Wege und Möglichkeiten der Begleitung und Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichsten Krisensituationen: psychische Störungen, Drogenmissbrauch, Gewalt und Mobbing, sexuelle Gewalt, Überschuldung, Prüfungsangst, traumatische Erlebnisse, Umgang mit schwerer Krankheit und Tod. 

Wir machten uns auf die Suche nach Kooperationspartnern in der Region, die Fortbildungsmodule übernehmen und auch nachfolgend vor Ort ansprechbar bleiben sollten. Zahlreiche Beratungsstellen und Institutionen waren zur Zusammenarbeit bereit. Deshalb müssen die in Krisenpädagogik ausgebildeten Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter im Landkreis Traunstein und Rosenheim keine »einsamen Helden« und »Verfolger« mehr sein, sondern können sich unkompliziert Rat bei zuständigen Stellen suchen und auch betroffenen Schüler an kompetente Berater und Therapeuten vermitteln. Weil Krisenpädagogen und Mitarbeiter von Beratungsstellen und anderen Institutionen sich während der Ausbildung persönlich kennengelernt haben, ist oft auf kurzem Wege ein Austausch und eine Intervention möglich, die für die betroffenen Lehrkräfte eine Erleichterung beim Tragen ihrer Verantwortung und der damit verbundenen psychischen Belastung sein kann. 

Denn es ist auch ein Zeichen von Professionalität, wenn man die eigenen Grenzen erkennen kann, sich Unterstützung und nicht zuletzt Entlastung in kollegialer Beratung und Supervision sucht, wo konkrete Fälle eingebracht und besprochen werden können. Aus der Arbeit entstand der Wunsch, auch vorbeugend etwas tun zu wollen und nicht immer erst, »wenn es brennt«.
 
Ressourcenorientierung: Nicht immer erst etwas tun, wenn es schon brennt 
Der ursprüngliche Ansatz wurde deshalb 2011 in einem dritten Kurs um die Perspektive der Ressourcenorientierung erweitert. Neben der Krisenintervention geht es nun auch darum, präventiv die Resilienz, d. h. die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, mit Veränderungen und Herausforderungen des Lebens zurecht zu kommen und sich nach schwierigen Zeiten wieder erholen zu können, zu fördern. Die damit verbundene Einstellung, dass Pädagogik Hindernisse nicht beseitigen, sondern nur überwindbar machen soll, entlastet Schüler, Eltern und Pädagogen. 

Ziel dieser ressourcenorientierten Arbeit ist es, Freude am Leben und der eigenen Leistungzu empfinden, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln sowie verschiedene Wege des Hilfesuchens kennenzulernen. 

Konkrete Ziele der Fortbildung in »Krisen- und Resilienzpädagogik«

  • Eweiterung der pädagogischen Fähigkeiten im Umgang mit Schülerinnen und Schülern in Krisensituationen an der eigenen Schule beziehungsweise in der Kinder- und Jugendarbeit 
  • Wege der Begleitung, Beratung und Stabilisierung von Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Krisensituationen (Krisenmanagement an der eigenen Schule) 
  • (theoretische) Auseinandersetzung mit Krisen in der Kindheit und im Jugendalter 
  • Kennenlernen von Interventionsmöglichkeiten durch Praxisbeispiele von professionellen Krisenhelfern 
  • Einführung in das nicht professionelle beratende Gespräch 
  • Entwicklung einer empathischen, achtsamen und wertschätzenden Grundhaltung 
  • Örtliche Vernetzung der Schule mit einzelnen Beratungsstellen und Institutionen 
  • Entwicklung einer »ressourcenorientierten Pädagogik« zur Förderung der Resilienz 
  • Förderung von Lebenskompetenzen der Schüler (Selbstwert, Resilienz u. Ä.) 
  • Das Ideal einer Schule als sicherer und gewaltfreier Ort Für das Erreichen des Zertifikats eines »Krisen- und Resilienzpädagogen« durch die Erzdiözese München und Freising wird die Teilnahme an allen Ausbildungsschritten verlangt.
Für die verschiedenen Bereiche stehen Referenten als Experten mit Praxiserfahrung aus dem jeweiligen Berufsfeld zur Verfügung, meist der örtlichen Nähe, so wird eine Vernetzung der Schulen mit den einzelnen Beratungsstellen und Institutionen erleichtert. Träger der Fortbildung sind das Schulpastorale Zentrum Traunstein sowie das Schüler und Studentenzentrum Rosenheim in Kooperation mit dem Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e. V./ Caritas Zentrum Traunstein. 

Die Ausbildung erfolgt in einer Reihe von Fortbildungsmodulen sowie durch Gruppensupervision und in Form von spezifischen Zusatzangeboten
 
Einer Krise mit Sachverstand begegnen
Wie bewährt sich eine solche Ausbildung im praktischen Schulalltag?
Welche Wirkungen zeigt und welche Möglichkeiten bietet sie (nicht)? Der folgende Fall ereignete sich in einem kleinen Dorf in Oberbayern. 

Die neunjährige Hanna (Name geändert) kommt am Dienstagmittag nach der Schule nach Hause und findet ihren Vater, der seit einem schweren Verkehrsunfall vor elf Monaten im Rollstuhl sitzt, erschossen im Wohnzimmer vor. Die Leiche ist entsetzlich entstellt, der Raum an vielen Stellen blutverschmiert es fehlen große Teile der Schädeldecke. Hannas Mutter ist noch bei der Arbeit. Sie kommt erst gegen halb acht Uhr aus dem nahe gelegenen Supermarkt, wo sie an der Kasse sitzt. Am kommenden Mittwochmorgen ruft eine besorgte Nachbarin, die von dem Suizid erfahren hatte und selbst eine Tochter in der zweiten Klasse hat, die Grundschule an und informiert die über den Vorfall. Hanna wird am Donnerstag wieder zum Unterricht kommen. 

Die Reaktionen, die ein solches Geschehen an einer Schule hervorrufen kann, liegen zwischen einer lähmenden Ohnmacht auf der einen und einem konzeptlosen Aktionismus auf der anderen Seite. Doch wie kann man der Situation mit Sachverstand und einer nicht nur gut gemeinten, sondern spürbaren Hilfe begegnen?

Lehrer sind keine Therapeuten, doch sind sie es, die an diesem Mittwoch in der Klasse stehen, mit den Klassenkameradinnen und -kameraden Hannas zusammen sind, mit ihnen schweigen, mit ihnen sprechen, sie begleiten. Unsicherheit steht im Raum, eigene Betroffenheit, doch auch der Wille, den Kindern Beistand zu sein. Und dann auch noch die Information, dass Hanna am folgenden Tag wieder in den Unterricht kommen wird. Für viele Lehrkräfte ein beklemmendes Gefühl, vor dem Mädchen zu stehen, im festen Glauben, etwas Hilfreiches sagen oder tun zu müssen. Und so sehen sich viele in der Gefahr, unter Umständen auch etwas »Falsches«, ja Schädliches zu bewirken. So kann aus dem anfänglichen guten Willen eine lähmende Ohnmacht werden, Mathematikunterricht wird begonnen, ohne der eigenen Empathie Folge zu leisten und Hanna wirklich in ihrer Not und Trauer auch im Lebensraum Schule zu begleiten.
 
Mut machen, Sicherheit aufbauen, erste Schritte aufzeigen
Krisen- und Resilienzpädagogen wollen Anwälte der Kinder und Jugendlichen sein, sie in ihrer Schutzlosigkeit nicht allein lassen, sie abschirmen vor den neugierigen Fragen übereifriger Journalisten, ihnen zur Seite stehen, wenn sie mit allzu guten Ratschlägen bombardiert werden oder man ihnen Vorwürfe macht. Krisen- und Resilienzpädagogik möchte an dieser Stelle Mut machen, Sicherheit aufbauen, erste Schritte aufzeigen, damit wieder Bewegung möglich wird und Erstarrung vermieden werden kann, die unter Umständen tiefe seelische Narben bei allen Beteiligten hinterlassen kann.

Die Grundschule, in die Hanna zur Schule ging, ließ ihre betroffene Klassenlehrerin nicht alleine. Es gab ein internes Krisenteam, das zusammentrat und die richtigen Fragen stellte: Wer ist von dieser Situation in welcher Weise betroffen? Welche »Kreise der Betroffenheit« lassen sich erkennen? Was ist mit den Betroffenen in welcher Reihenfolge zu tun? (Prioritäten, zeitliche Reihenfolge, Möglichkeiten der Intervention) Wer kann was im Krisenteam leisten? (Aufgabenverteilung) Welche Hilfen von außen stehen uns zur Verfügung?

Gerade hier zeigte sich die positive Wirkung der Krisen- und Resilienzpädagogik: Erste Schritte waren nun denkbar, keine »Heilung«, aber doch Linderung der großen Not, in der sich Hanna und viele ihrer Freundinnen und Freunde sahen. Die Situation war nicht plötzlich wieder gut, aber erträglich. So sorgten sich die Lehrkräfte um ihre Schüler, sie achteten einander, waren füreinander da, hörten einander zu, schenkten sich gegenseitig Sicherheit, verwiesen auf neue Perspektiven, wurden gemeinsam aktiv, schwiegen aber manchmal auch nur miteinander. Und das Wichtigste: Niemand brach unter der Last der Krise zusammen.
 
Anmerkung
Martin Berwanger. Der Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Werner Kassler, Finsterwalder-Gymnasium Rosenheim