Staunen lernen
Warum ganzheitliche Angebote bei der Sinnsuche helfen

Mit der Sehnsucht der Menschen nach einem erfüllten Leben kennt sich Günther Lohr aus: Der Pastoralreferent leitet im Erzbischöflichen Ordinariat München die Abteilung Spiritualität und begleitet selbst seit Jahrzehnten Teilnehmer bei Exerzitien und anderen geistlichen Angeboten. Er erzählt der Münchner Kirchenzeitung, warum der Schlüssel zum Sinn des Lebens nur durch unseren eigenen Körper zu finden ist.
Mann blickt in Tal
(Bild: imago/All Canada Photos)
MK: Ob Yoga oder Jakobsweg: Angebote, die Körper und Seele gleichermaßen ansprechen, stehen derzeit hoch im Kurs. Warum haben die Menschen heute ein so starkes Bedürfnis danach?
Lohr: Grundsätzlich haben alle Menschen eine unvorstellbar riesige Sehnsucht nach Sinn. Alles, was wir tun – auch die verrücktesten Dinge – geschehen, um dieses Bedürfnis zu stillen. Und weil Körper und Seele untrennbar zusammengehören, ist der Körper ein wichtiges Tor, um Sinn zu erschließen. Das fängt schon beim Neugeborenen an, das beim Stillen den Körper der Mutter spürt und später über die Lippen versucht, Gegenstände wahrzunehmen. Im Christentum wurde dieses Bedürfnisnach Sinn lange nur über den Kopf angesprochen, aber der Kopf ist nicht das Wichtigste. Deshalb suchen heute viele nach einer körperlichen Erfahrung, nach anderen Zugängen zur Sinnfrage. Wenn man zum Beispiel auf dem Jakobsweg unterwegs ist, kommt nicht nur körperlich, sondern auch auf geistiger Ebene etwas in Bewegung. Und letztlich haben die Menschen in der heutigen hektischen Zeit den großen Wunsch, still zu werden. Viele kommen zu mir und sagen, sie kämen nicht mehr zurecht mit dem „ Affenzirkus“ in ihrem Kopf. Deshalb sind kontemplative Angebote so gefragt, bei denen über die Ruhe des Körpers auch der Geist zur Ruhe kommt und so langsam die Seele wieder atmen kann.

MK: Wie reagieren kirchliche Einrichtungen hier im Erzbistum auf diese veränderte Nachfrage?
Lohr: Ein Beispiel: Exerzitien wurden lange Zeit sehr kopflastig gestaltet. Heute werden damit Methoden wie die Eutonie oder Techniken aus dem östlichen Kulturkreis kombiniert, etwa Yoga oder Qigong. Auch alte christliche Wege der Schweigemeditation (Kontemplation) wurden neu entdeckt. Neuerdings entstanden nachgefragte Angebote wie meditatives Bogenschießen, zum Beispiel an der Katholischen Landvolkshochschule Petersberg. Auch die Natur wird heute mehr mit einbezogen: Draußen sein, die Umgebung über alle Sinne wahrnehmen und entdecken. Neue Pilgerangebote wurden kreiert, so haben wir die Jakobswege ausfindig gemacht, die durch unser Erzbistum laufen, und bieten jetzt begleitete Touren an. Meditationswege wurden eingerichtet, wie der Rasso-Weg im Landkreis Fürstenfeldbruck. Neue Formen wie Berg- und Wanderexerzitien sind ebenfalls sehr beliebt. Musik und Kunst bieten heute vielen Menschen einen neuen Zugang zu Spiritualität, sei es beim meditativen Singen, im Ikonenschreibkurs oder beim Bibliodrama. Und stark im Kommen ist auch die Achtsamkeitsbewegung. Sie stammt ursprünglich aus der Vipassana-Tradition des Buddhismus, wurde dann von Medizinern entdeckt, der religiösen Sprache entkleidet und in Übungen übersetzt, die die Aufmerksamkeit auf das Körperbewusstsein lenken.
Frau meditiert an See
(Bild: imago/Westend61)
MK: Hier kommen viele Einflüsse zusammen. Wie bewusst ist es den Nutzern noch, dass viele Angebote religiösen, oft sogar christlichen Ursprungs sind?
Lohr: Einen Weg kann man auf vielerlei Weise gehen: Wenn ein Pilgerweg nicht gerade als Wallfahrt deklariert ist, ist der religiöse Bezug nicht automatisch erkennbar. Fasten kann man heute ganz ohne religiösen Kontext und auch Yoga können. Sie rein sportlich praktizieren – das ist natürlich nicht der eigentliche Sinn dieser geistlichen Wege. Letztlich ist es aber nicht wichtig, wo der Ursprung eines Weges liegt. Die Frage lautet: Kann er für das Forschen nach dem Sinn, für das Lebendigwerden der Seele hilfreich sein? Wird diese Frage positiv beantwortet, ist die Brücke zum christlichen Glauben und zu Glaubenserfahrungen schon gebaut.

MK: Besteht nicht die Gefahr, dass kirchliche Angebote sich somit auf „spirituelle Wellness“ reduzieren?
Lohr: Ein Angebot, das primär auf Wissen basiert, wie es im Christentum lange der Fall war, schreckt ab. Die Menschen suchen Zugang zur Tiefe, zum Geheimnis des Lebens, ohne eine lange Litanei von Glaubenssätzen unterschreiben zu müssen. Es geht also um eine geistliche Grundhaltung: „Neige dein Ohr mir zu“, wie es schon beim Propheten Jesaja heißt. Wir verstehen unsere Angebote als „Schule des Hörens“ mit allen Sinnen, um das Staunen wieder zu lernen. Die Meditationswege aus Fernost sind dabei ein wertvolles Gut. Ihre Techniken helfen zum Beispiel dabei, wieder ins Staunen zu kommen über den eigenen Atem, die eigene Beweglichkeit, über das Erwachen der Natur im Frühling und das Leben überhaupt. Wenn man staunt, wächst auch die Dankbarkeit. Und was heißt Eucharistie, griechisch eucharistéo, anderes als „Dank sagen“.

Interview: Karin Basso-Ricci
Spiritualität
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Abteilungsleiter:
Günther Lohr, Pastoralreferent