Bibliothek des Metropolitankapitels München

Bestandsgeschichte
Die Neugründung des Erzbistums München und Freising im November 1821 konnte sich in München auf keine Traditionen stützen. Zunächst waren keine Gebäude vorhanden, die Raumnot blieb stets bestehen. So war auch der Aufbau einer Bibliothek nur in langsamen Schritten möglich. 1822 kam der erste Grundstock. Die Gebrüder Riezler, Erben des 1810 verstorbenen Benefiziaten und Kuraten bei Heilig Geist in München, Johann Evangelist Ruedorffer (*1761, Priester 1786), übereigneten dessen Bibliothek dem Erzbischof, der sie dem Metropolitankapitel übergab. Gut 2000 Werke, davon viele mehrbändig, sind in ihrem Katalog verzeichnet. Es ist die Bibliothek eines gelehrten Theologen des 18. Jh. mit weit gespannten Interessen, besonders auf geschichtlichem und politischem Gebiet. Die davon noch vorhandenen Bücher tragen ein Exlibris in Holzschnitt.

Gestützt auf diesen Anfang richtete das Kapitel am 21. Januar 1823 ein Gesuch an König Max I. Joseph um Dubletten aus der königlichen Hofbibliothek. Dieser gab am 1. Februar seine grundsätzliche Zustimmung. Es wurden aus einem gedruckten Dublettenkatalog 667 Werke in Folio und 430 in Quart ausgesucht und mit der Ruedorffer-Bibliothek vorerst im Erzbischofshof aufgestellt. Es waren - nach dem heutigen Stand zu schließen - vorwiegend theologische Standardwerke der Barockzeit und Editionen von Kirchenvätern.

Ebenfalls 1824 kam der noch nicht von der Hofbibliothek übernommene Rest der Bibliothek des erst 1817 aufgelösten kleinen Augustinerchorherrnstifts Höglwörth an das Metropolitankapitel. Der Historiker Ernest Geiß schrieb 1852, dass die Bibliothek "nebst einer Menge fast werthloser alter Prediger, Asceten, Moraltheologen und Dogmatiker auch manches schätzbare Werk aus den Fächern Exegese, Kirchengeschichte und Patristik erhielt". Ein überliefertes Verzeichnis nennt 624 Titel, von denen 35 fehlten und 17 der Hofbibliothek reserviert waren. Es handelt sich fast nur um theologische Werke des 17. und 18. Jh. Der Katalog enthält offenbar nicht alles. Im Bestand finden sich auch wertvolle Werke des 16. Jh. und solche anderer Sparten. 1830 wurden auch noch die Bibliotheksschränke aus Höglwörth nach München verbracht und im Dechanthof aufgestellt. 1826 erlaubte König Ludwig I. eine Auswahl aus den noch in Freising stehenden Resten der Dombibliothek. Es wurden vor allem kanonistische Werke ausgesucht. Die Zahl der Folianten wird mit über 550 angegeben. Eine Bitte um Abgabe weiterer Dubletten aus der Hofbibliothek wurde jedoch am 21. Dezember 1826 abgewiesen.

1826 starb der Historiker, Publizist und Domkapitular Lorenz von Westenrieder, 1830 der frühere Propst von Rottenbuch Herkulan Schwaiger und der Domherr Augustin Hacklinger, ehemals Propst von Gars. Alle hinterließen ihre Bibliotheken dem Kapitel. Westenrieders Bibliothek ist nur unscharf durch den alten Standortkatalog fassbar, der bei vielen Titeln die Provenienz (Sigel: We) angibt. Westenrieders Interesse war vor allem auf schöngeistige und volkspädagogische Literatur gerichtet. Herkulan Schwaiger hinterließ 573 Werke, unter denen sich ebenfalls viele poetische, aber auch naturwissenschaftliche Schriften befanden. Hacklingers Sammlung von 776 Werken hatte dagegen ein starkes Gewicht im politischen und juristischen Bereich, bedingt durch seine Tätigkeit als Archidiakon und Generalvikar.


1832 starb der Domdekan Joseph von Heckenstaller, der schon 1830 seine Bibliothek übergeben hatte. Seine Laufbahn in Freising begann im Geistlichen Rat des Bistums. Er führte nach dessen Säkularisation und dem Tod des letzten Bischofs die geistliche Verwaltung bis zur Neuerrichtung des Erzbistums in München. Er brachte die ca. 500 Bde starke Sammlung von Archivalien des Hochstifts Freising ein, die damals in die Bibliothek eingereiht wurde, heute aber zum Archiv des Erzbistums gehört. Seine eigentliche Bibliothek ist ebenfalls nur durch das Sigel He im alten Standortkatalog fassbar. 1835 wurde vom Staat angeboten, aus in Benediktbeuern stehenden Restbeständen Bücher auszuwählen. Es scheint aber nicht dazu gekommen zu sein.

Motor dieser Bibliotheksentwicklung war der Domherr, spätere Generalvikar und schließlich Dompropst Dr. Martin von Deutinger. Er erhielt 1836 zusätzlich das Amt des Bibliothekars und legte schon 1838 den Katalog, der leider nicht erhalten ist, vor. Bis zu seinem Tode 1854 mehrte er die Bibliothek zielstrebig und kenntnisreich. Seine Absicht war nicht auf Sammlung von Zimelien gerichtet, sondern auf eine Arbeitsbibliothek, die für alle hier interessierenden Fragen gerüstet war. Die Theologie nahm dabei den breitesten Raum ein. Sowohl die wissenschaftliche Seite wie auch deren praktische Anwendung wurden gepflegt, nicht jedoch die Literatur für das Volk. So sind Gebet- und Andachtsbücher und auch die barocke Volksfrömmigkeit schwächer vertreten. Deutinger war hier Schüler seiner Landshuter Lehrer Sailer und Zimmer, die ein geläutertes katholisches Christentum verbreiteten.

Das persönliche Interesse Deutingers galt der Geschichte, nicht nur der Kirche und nicht nur des heimatlichen Bayern. So ist dieses Fach reich an seltenen Werken. Darüber hinaus galt ihm alles, was qualitätvolle Information bot, für bibliothekswürdig. So sind geographische, naturwissenschaftliche, ökonomische und belletristische Fächer eingerichtet worden. Wegen des Gesichtspunktes der praktischen Nutzung sind Schriften des 16. Jh. schwach, des 17. begrenzt vertreten, während das 18. und die erste Hälfte des 19. Jh. reich bestückt sind. Der von Deutinger bis zu seinem Tod geführte Standortkatalog zählt 17.441 Bde. (4367 Folianten, 3170 Quart- und 9914 Oktavbände). Handschriften und die Archivalienbände aus Heckenstallers Sammlung sind inbegriffen.

Nach dem Tod Deutingers kam seine Privatbibliothek hinzu, die 22.986 Bände umfasste. Leider ist kein Verzeichnis erhalten, der Bestand aber zeigt das gleiche Profil wie die Kapitelsbibliothek, wobei Deutinger neben Geschichte und Geographie besonders das Fach Literärgeschichte (Bibliographie, Gelehrtengeschichte, Buchkataloge) pflegte. Deutinger hinterließ einen Großteil seines Vermögens als Bibliotheksstiftung zur weiteren Betreuung und Mehrung der Kapitelsbibliothek. Diese Stiftung warf 1886 einen Betrag von 2260 Mark ab.



Der Aufstellungsort der Bibliothek war für die Ruesdorffer- und Hofbibliotheksbestände zunächst ein Raum im Erzbischofshof, für die weiteren Zugänge vier Räume im Dechanthof, der unmittelbar vor der Westfassade der Frauenkirche stand. Ein Teil der Praktischen Theologie wurde in der Dombibliothek Freising untergebracht. Zu nicht näher bestimmbarer Zeit, jedenfalls vor Abbruch des Dechanthofes 1866 wurde die Bibliothek im Dienstgebäude des Ordinariates Pfandhausstraße 2 (heute Pacellistraße), dem so genannten Apothekenflügel des ehemaligen Karmeliterklosters, untergebracht. Dort wurde sie mit einer inzwischen angewachsenen Bibliothek des Ordinariates vereinigt. Über diese liegt ein Katalog vom Jahre 1837 vor, der von Martin von Deutinger bis 1854 fortgeführt wurde und 1336 Nummern und 24 Faszikel Miszellen aufweist. Es handelt sich um Bücher, die im Geschäftsgang des Ordinariats anfielen, also Kirchenrecht, weltliche Gesetze, Schematismen, Belegstücke wegen Druckerlaubnis u.a. Mit Deutingers Tod und der Transferierung war der Aufbau der Bibliothek im Wesentlichen abgeschlossen.
Die vereinigten Bestände wurden nach Fachgruppen neu aufgestellt und signiert. Es wurden jedoch kaum mehr Anschaffungen getätigt (1886: 22 Bde), und der Zuwachs kam vorwiegend aus gelegentlichen Nachlässen von Domherren, von denen nur der des Prälaten Sebastian Kirchberger (1846-1919) mit seiner Reise- und fremdsprachigen Literatur ein Profil zeigt. 1896 wurde die Bibliothek von Pfarrer Georg Westermayer erworben, die neben anderen barocken Büchern eine reiche Jakob-Balde-Sammlung enthielt. Ein Rest dieser Bibliothek gelangte 1990 an die Dombibliothek Freising.
Die Verwaltung der Bibliothek geschah nebenamtlich durch Ordinariatsregistratoren (Johann Baptist Grundler 1854-1878, Burchard Rabel 1885-1899). 1899 wurde der Historiker Dr. Max Fastlinger Bibliothekar, dessen Wirken aber kaum erkennbar ist. 1910 übernahm Prälat Dr. Michael Hartig, ein kenntnisreicher Kunsthistoriker, die Leitung, die er bis zu seinem Tod 1960 innehatte, aber bei seinen vielen Verpflichtungen nur nebenher erledigte. Unter ihm war von 1926 bis 1939 Dr. Heinrich Held tätig, der einen Schlagwortkatalog anlegte.
Hartigs Verdienst ist die Auslagerung des größten Teils der Bibliothek, bevor am 25. April 1944 das Ordinariatsgebäude niederbrannte. Was dabei zugrunde ging, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Verloren ging mit Sicherheit die Handbibliothek mit den wichtigsten Quellenwerken. Auch eine Mappe mittelalterlicher Handschriftenfragmente ist nicht mehr nachweisbar. An den Auslagerungsorten, Pfarrhöfen und Klöstern, entstand mancher Verlust. So sind die in der Pfarrhofkapelle von Buchbach gelagerten Bücher großenteils durch eindringendes Wasser vernichtet worden.
Die Rückführung der Bücher nach 1945 konnte nicht mehr in das alte Gebäude, das als Ruine abgebrochen wurde, erfolgen. Im Montgelas-Palais am Promenadeplatz wurde ein Ausweichquartier vom Staat bereitgestellt, in das auch die Bücherei und das Archiv einzogen. Dort bestand in den fünfziger Jahren auch wieder eine beschränkte Benutzungsmöglichkeit, die Dr. Jakob Mois betreute.
Ab 1955 entstand ein Neubau für das Ordinariat, in den auch die im Krieg schwer beschädigte Karmeliterkirche einbezogen wurde. Der Chorraum dieser Kirche wurde in sechs Geschosse unterteilt, in denen 1958 Archiv und Bibliothek untergebracht werden sollten. Da der Raum aber bei weitem nicht ausreichte, wurde die als Lesesaal gedachte ehemalige Sakristei ebenfalls als Magazin verwendet. Die Benutzer konnten nur durch das Magazin in ein Benutzerzimmer gelangen. Die Folge war ein nicht unbeträchtlicher Diebstahl wertvoller Bücher und Karten, von denen nur mehr ein geringer Teil sichergestellt werden konnte. Die stete Platznot hatte die unerfreuliche Auswirkung, dass in den Jahren 1965/66 ein großer Teil der wertvollen Altbestände, die durch den Krieg gerettet worden waren, an einen Antiquar abgegeben wurde. Außer einigen Randfächern erlitten vor allem die Fächer Geschichte, Bibliographie und Philologie schwere Verluste, auch wurden gezielt Zimelien den Beständen entnommen. Der Verlust lässt sich auf weit über 5000 Werke beziffern.

Erst 1976/77 konnte die bis dahin von einer Weinkellerei genutzte Kirchengruft für das Archiv eingerichtet werden, wodurch auch die Bibliothek Platz gewann und der Lesesaal frei wurde. Der 1980 renovierte, von Archiv und Bibliothek gemeinsam genutzte Lesesaal, die ehemaligen Sakristei der Karmeliterkirche, ist ein barocker Raum aus dem Jahr 1709, der von dem Stukkator Francesco Marazzo und dem Maler Johann Anton Gumpp ausgeschmückt wurde. Die Deckenfresken beziehen sich auf die Verehrung Mariens durch den Karmeliterorden, speziell auf das vom Orden als Heilszeichen verbreitete Skapulier. Vier Medaillons zeigen Maria vom Berge Karmel als Beschützerin der Träger des Skapuliers in den Gefahren, die von den vier Elementen (Feuer, Erde, Luft, Wasser) ausgehen. Ihnen ist jeweils eine kleine Darstellung aus dem Alten Testament zugeordnet.

Die Bibliothek arbeitet seit jeher in Personal- und Raumunion mit dem Archiv des Erzbistums. Sie sammelt grundlegende Literatur zu allen Fragen des kirchlichen Lebens, sie dokumentiert insbesondere Geschichte und aktuelles Leben im Bereich des Erzbistums und pflegt das archivwissenschaftliche Schrifttum. Im Zuge der fortschreitenden Öffnung von Archivbeständen aus dem 20. Jh. (u.a. des Nachlasses von Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber und der Akten von Erzbischof Julius Kardinal Döpfner zum Zweiten Vatikanischen Konzil) wird in jüngster Zeit vor allem die Literatur zur kirchlichen Zeitgeschichte verstärkt gesammelt.