Buch der Erinnerung

Ein Buch geht auf Wallfahrt

Tremmel Loayza Erinnerungsbuch
Ing. Max Loayza, Präsident des Nationalen Laienrats Ecuador und Prof. Dr. Hans Tremmel, Präsident des Diözesanrats München und Freising jeweils mit einem Exemplar des Buches der Erinnerung nach der Überreichung im Münchner Frauendom.

Im Zuge der Vorbereitung auf das Jubiläum 50 Jahre Partnerschaft entstand das "Buch der Erinnerungen". Personen aus Ecuador und der Erzdiözese München und Freising berichten darin über ihre eindrücklichsten Erlebnisse und Erfahrungen mit dem Partnerland. Im Pontifikalamt am 6. Mai 2012 im Münchner Dom mit Kardinal Marx und den ecuadorianischen Bischöfen ist jeweils ein Exemplar an Max Loayza, Präsident des Nationalen Laienrats und an Prof. Hans Tremmel, Präsident des Diözesanrats München und Freising übergeben worden. Damit nimmt das Buch den Weg durch die Pfarreien der Erzdiözese und Ecuadors und soll als Ringbuch mit weiteren selbst gestalteten Beiträgen angereichert werden. Eine liturgische Hilfe steht unten zum Download bereit, damit das Buch im Rahmen eines Gottesdienstes in einer Pfarrei eingeführt werden und ankommen kann.
Wenn Sie selbst auch eigene Erlebnisse dazu beitragen wollen, sind Sie herzlich dazu eingeladen. Der Beitrag sollte eine DinA4-Seite umfassen. Wenn möglich kann auch ein Bild digital im jpg-Format beigegeben werden. Bitte senden Sie den Beitrag an:
Herrn Klaus Nöscher an die E-Mail-Adresse: nnoescher@eomuc.de

Textbeispiel aus dem Buch der Erinnerung

Der geschenkte Tag

von Thomas Schlichting
Im August 1997 besuchte Kardinal Friedrich Wetter wieder einmal das Partnerland Ecuador, begleitet vom Referenten für Weltkirchliche Aufgaben Prälat Lothar Waldmüller und mir, seinem Sekretär. Als wir am Rückreisetag auf dem Flughafen in Quito ankamen lag eine dichte Zeit hinter uns.

Viele kluge Köpfe aus zwei Ländern mit zwei Mentalitäten waren beteiligt, um das Besuchsprogramm des Kardinals zu gestalten, und daher lagen viele Begegnungen, Treffen, Einweihungen und Gottesdienste hinter uns. Wir waren an den Pazifik geflogen und wieder zurück in die dünne Höhenluft Quitos, hatten Kurzbesuche in möglichst vielen Diözesen hinter uns und so viele Sozialstationen, Schulen, Seminarien und andere kirchliche Einrichtungen besucht, dass sich die genaue Zahl meiner Erinnerung entzieht. Die Zahl der Koffer hatte sich indes dramatisch vergrößert, da sich die jeweiligen Gastgeber in Originalität und Größe des Geschenks an den Kardinal gegenseitig übertreffen wollten, während unsere Gastgeschenke, bestehend aus den Bildchen seiner Eminenz und anderen Kleinigkeiten in einem in wörtlichem Sinne tragbaren Rahmen bewegten – ein ungleicher Tausch, zumindest aus der Perspektive eines Sekretärs, der sein Erblassen angesichts der Geschenkberge stets höflich in Quito mit der Höhenluft, am Pazifik mit der feuchten Tropenluft erklärte.

So standen wir nun da mit gepackten Koffern im Trubel des nicht großen aber sehr emsigen Flughafens der Hauptstadt Ecuadors, als der Stimmenpegel der Abflughalle sich um einiges steigerte, angefeuert von dem Gerücht, die Maschine nach Amsterdam würde gehörig Verspätung haben.

Gerd Schäfer, der Koordinator der Münchener Bruderhilfe versuchte sofort, Näheres in Erfahrung zu bringen und nach einer Zeit der Ungewissheit stand fest: Unser Flugzeug stand auf einer karibischen Insel, brauche dort ein neues Rad, das umgehend von Amsterdam eingeflogen werden sollte. Fazit: 24 Stunden Verspätung. Wenigstens eine klare Auskunft! 24 Stunden, ein ganzer Tag, mit dem könnte man doch etwas anfangen. Es war nur zu verständlich, dass Kardinal Wetter nebst Prälat Waldmüller nach einem anstrengenden Besuchsprogramm nicht nach großen Unternehmungen zu Mute war. Familie Schäfer bot ihnen an, einen Tag auf der Finca der Familie zu verbringen. Mit einem Lächeln quittierte der Kardinal diesen Vorschlag und sah sich im Geiste schon lesend auf der Terrasse im Grünen.
Für den Sekretär vermittelte Herr Schäfer ein ganz besonderes Schmankerl. Mir war nach den ganzen Besuchen, Empfängen und Festessen eher nach Bewegung zu Mute. Und da traf es sich, dass ein Angestellter der Ecuadorianischen Bischofskonferenz mit seiner Familie einen Ausflug zum Cotopaxi dem beeindruckenden Vulkan unweit Quitos plante. Das wäre doch etwas für den jungen Priester aus den Bayerischen Bergen, so dachte man. Eine Stunde später saß ich mit der quitener Familie im VW-Bus und fuhr in Richtung Vulkan. Frau Schäfer hatte aus ihrem großen Kleider-Fundus, mit dem Sie bedürftige Familien unterstützt, schnell ein Paar passable Bergschuhe aufgetrieben und so konnte das spontane Bergvergnügen seinen Lauf nehmen. Ein paar schnelle Tipps waren mir noch auf den Weg gegeben worden, wie man im alle eines Falles mit der Höhenkrankheit umzugehen hat.

Kaum hatten wir Quito verlassen, ging es auch schon langsam bergauf. Quito liegt schon auf 3000 Meter über dem Meer. Nun ging es höher und höher. Im Nationalpark Cotopaxi in der gleichnamigen Provinz wies die Beschilderung bereits auf den Vulkankegel hin, der mit seinen knapp 5900 Metern zu den höchsten noch tätigen Vulkanen der Erde zählt. Den Gipfel würde man an diesem Tag zwar nicht besteigen können, dafür müsste man sich mehr Zeit nehmen und eine geführte Tour buchen, aber bis zur Schutzhütte „Refugio Josè Ribas“ in knapp 4800m Höhe würde man es schon schaffen können, vor allem weil man auf wenige hundert Höhenmeter unterhalb der Hütte mit dem Auto fahren kann.

Zuvor ging es aber durch eine außerirdisch anmutende Landschaft mit einem See und roten Gräsern. Pflanzen, wie ich sie noch nie gesehen habe zierten eine Hochebene, die wie die Mischung aus Lüneburger Heide und Marslandschaft aussah und überdies in das eigenartige Licht am Äquator getaucht war. Von der senkrecht über uns stehenden Sonne hatten wir – vielleicht glücklicherweise – nicht viel, denn je höher wir kamen, desto dichter war der Nebel.

Vom Parkplatz ging es dann zu Fuß weiter. Probleme mit der Höhenluft hatte ich nicht, aber irgendwie fühlte ich doch, meine Wahrnehmungsfähigkeit nicht zu 100% nutzen zu können. Ein bisschen unwirklich erschien das alles. Dabei war der Weg zunächst fast eben ehe er sich in einem relativ steilen Hang komplett verlor. Pechschwarz lag der Hang vor uns. Das lag an dem Vulkangestein, das von der Natur zu Kieselgröße gemahlen die Oberfläche des Hangs bildete. Meine Begleiter, die den Aufstieg kannten begannen zu schmunzeln, denn jetzt begann ein Wegstück, das es in sich hat. Die lockere Oberfläche des Vulkangesteins macht aus einem Schritt zwei. Mit jedem Schritt vorwärts rutscht man nämlich einen halben Schritt nach unten. Mit Balance und geschickter Gewichtsverlagerung kann man versuchen, diesen Effekt zu verringern, verhindern kann man ihn nicht, weshalb dieser Aufstieg anstrengender ist, als man es vermuten möchte. Langsam tauchte aus dem Nebel das Refugio auf. In der Schutzhütte ging es dafür sehr alpin zu. Eine Gruppe Schweizer Bergsteiger bereitete sich auf den Aufstieg zum Gipfel vor, und einige Nordamerikaner waren wie wir nur zu einem Kurzbesuch in der Hütte. Auch äußerlich glich das Refugio einer Hütte in den Alpen. Ich spürte im Gespräch mit den Schweizern, dass es schon reizvoll wäre, weiter zu gehen in Richtung Gipfel. Ein bisschen sind wir dann auch noch nach einer ecuadorianischen „Brotzeit“ nach oben gestiegen, ehe uns die Zeit zum Abstieg mahnte, der weit weniger mühsam war, konnte man doch auf dem flockigen Gestein abwärts gut gleiten, fast ein wenig wie Skifahren ohne Ski. Doch statt durch die weiße Winterlandschaft ging es durch schwarze Vulkanwelten. Im Wagen zogen dann noch einmal die in der Dämmerung
gespenstischen roten Gräser und Bäume vorüber, ehe uns die Großstadt wieder hatte und für eine letzte Nacht beherbergte.

Auch Kardinal Wetter und Prälat Waldmüller hatten sich gut erholt. In jeder Hinsicht gestärkt konnten wir am nächsten Tag die Heimreise antreten, exakt 24 Stunden später als geplant. Traurig war darüber eigentlich niemand von uns dreien, denn wann bekommt man schon einen Tag geschenkt? Einen Tag, der in keinem Terminkalender erwähnt ist und in keinem Reiseplan. Für die Chronisten jeder Reise im Sommer 1997 hat es ihn nie gegeben, und doch hat er mich um eine schöne Erfahrung reicher gemacht mit ein paar Stunden zwischen Himmel und Erde.
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Erinnerungsbuch
Titelseite des Buches mit Lama und Korbiniansbär
Übergabe Erinnerungsbuch
Mons. Antonio Arregui, Erzbischof von Guayaquil, übergibt Prof. Hans Tremmel das Buch der Erinnerung