DIE WELT IST NICHT STEHENGEBLIEBEN DER AMOKLAUF VON MÜNCHEN IST VORBEI - GANZ VERSCHWINDEN WIRD ER WOHL NIE

Das erste Entsetzen über die Tat des Amokläufers vom 22. Juli 2016 hat sich langsam gelegt. Bei vielen sitzt der Schrecken über diese Tat viel tiefer. Verunsicherung ist noch immer zu spüren und viele Menschen müssen wieder neu lernen, Vertrauen in das Leben zu haben. Wie das Thema der Woche vom 28. August der Münchner Kirchenzeitung zeigt.
leuchtende Friedhofskerzen
(Bild: pixabay/CC0)
Eigentlich fehlt nur noch der passende Lippenstift. Mila will morgen auf der Hochzeit, zu der sie eingeladen ist, hübsch aussehen. Sie hat ein neues Kleid gekauft, weiß genau welche Schuhe sie dazu tragen will, welche Handtasche – nur der passende Lippenstift fehlt eben noch. Mila ist 18, sie ist ein bildhübsches Mädchen und bräuchte diesen Lippenstift überhaupt nicht. Aber wie das nun mal so ist, wenn man 18 ist, da muss es die genau richtige Farbe sein und deswegen fragt Mila ihre Mutter, ob sie sie schnell mit dem Auto zum Drogeriemarkt fahren kann. Warum Monika, die Mutter, nein sagt, ob sie wirklich keine Zeit gehabt hat oder einfach nur keine Lust darauf, das Mädchen die zwei Straßen weiter zu kutschieren, weiß heute niemand mehr. Zu alltäglich ist die Situation, als dass man sie sich merken würde.

ERINNERUNG AN ALLTÄGLICHES

Und doch wird dieser Lippenstift, besser gesagt, das Fehlen desselben, eine immense Bedeutung bekommen. Vermutlich wird er unauslöschlich verbunden sein, mit einem der schlimmsten Tage, die Mila und ihre Mutter bis dahin erlebt haben. Denn während die beiden sich darüber unterhalten, ist ganz in der Nähe ein 18-jähriger Junge kurz davor, eine Tragödie ins Werk zu setzen, dem später so genannten Amoklauf von München. Zehn Menschen werden sterben an diesem Freitag, an diesem 22. Juli, viele werden verletzt werden am Körper und an der Seele, ganz München wird für viele Stunden unter einer Glasglocke von Angst, Entsetzen, Wut und Trauer stehen. Und so wie Mila und ihre Mutter werden unzählige Menschen wissen, was sie getan haben, als der junge Mann seine Waffe gezogen, entsichert und um sich geschossen hat auf Frauen, Männer und Kinder.
Mila wird zu diesem Zeitpunkt eine Entscheidung fällen, die banaler nicht sein könnte. Sie sitzt in der U-Bahn, die gleich am „Olympia-Einkaufszentrum“ (OEZ) einfahren wird. Mila hat die Wahl: Sie kann aussteigen, schnell in den Laden im OEZ laufen, den Lippenstift kaufen, wieder zur U-Bahn zurück gehen und dann noch zu ihrem Freund fahren, mit dem sie verabredet ist. Oder sie fährt einfach weiter und verschiebt den Einkauf auf später. Mila wird nicht aussteigen. Sie wird das Richtige tun ohne auch nur zu ahnen, wie falsch die andere Entscheidung gewesen wäre.

Etwa zur selben Zeit klingelt bei Monika zu Hause das Handy: Milas Schwester ist dran, sie spricht schnell, atemlos, lauter als sonst, sie schreit beinahe: „Mama wo bist du? Wo ist Mila? Was macht ihr? Geht´s euch gut?“ Monika beantwortet Kathis Fragen ruhig und zunächst arglos. Aber natürlich dämmert ihr jetzt, dass irgend etwas nicht stimmt. Warum dieser Anruf, warum diese Aufregung? Angst überfällt sie. Und als Kathi dann hastig erzählt, was zeitgleich an unzähligen anderen Telefonen in München erzählt wird, beginnt Monikas Herz zu wummern. Ihr wird heiß, sie zittert, die Gedanken rasen. Mila! Lippenstift, OEZ, U-Bahn, Schüsse ...
KEIN ANDERES THEMA IN DEN ERSTEN TAGEN

An der Stelle bricht Monika den Bericht ab. Die Erinnerung an diese Horror-Minuten sollen ihr jetzt, vier Wochen später, nicht mehr so nahe kommen. Deswegen kürzt sie die Geschichte auch ab und sagt nur noch: Mila war bei ihrem Freund. Ein Satz wie eine Erlösung. Damals und auch jetzt. Alle waren in Sicherheit, die sich aber nicht so anfühlte. Mila im Elternhaus ihres Freundes, Kathi in ihrer Studenten-WG in einem weit entfernten Münchner Stadtteil und Monika zuhause in Moosach. Alle drei werden den Rest des Abends vor dem Fernseher verbringen. Sie werden sehen, was so viele sehen und nicht begreifen. Sie werden weinen, aufatmen, an andere denken, Angst haben, sich beruhigen und immer wieder den Kopf schütteln. Alle drei telefonieren viel an diesem Abend, erkundigen sich nach anderen oder werden angerufen und können auf bange Nachfragen beruhigende Antworten geben. Alle drei werden viel erzählen und immer wird es in den Berichten auch um einen Lippenstift gehen.
IMMER NOCH ALPTRÄUME

Vier Wochen sind seitdem vergangen. Die Welt ist nicht stehen geblieben, sie hat nur für einen Moment den Atem angehalten. Mila hat Sommerferien, die letzten vor dem Abitur. Kathi will ein Auslandssemester in England machen und Monika überlegt, ob sie einen Tanzkurs anfangen soll. Der Amoklauf – in den ersten Tagen danach gab es kein anderes Thema in dem kleinen Moosacher Reihenhäuschen – verkrümelt sich langsam in eine Ecke des Bewusstseins. Verschwunden ist er nicht und wird es wohl auch nie sein. Besonders Mila hat noch zu kämpfen. Sie hat drei Jugendliche gekannt, die gestorben sind. Ins OEZ kann sie seither nicht mehr gehen und dabei ist sie hier auf diesem Gelände doch quasi aufgewachsen, hat sich früher immer mit den Freunden dort verabredet. Die McDonald´s Filiale, die für die Kids irgendwann mal so vertraut war wie der heimische Esstisch – so schnell wird es da keinen Besuch mehr geben. Mila hat immer noch Alpträume und bislang ist nicht klar, ob und wie sie damit fertig wird. 

Heute Abend ist sie zu einem Geburtstagsfest eingeladen. Sie fragt Monika, welches Kleid sie anziehen soll. Das rote. Mila sieht so hübsch aus. Das Kleid, die dunklen Locken, die ganz dezent mit Wimperntusche geschminkten Augen. Monika wünscht ihr viel Spaß, Mila winkt und lächelt, als sie zur Haustüre hinaus geht. Sie trägt keinen Lippenstift.

Susanne Holzapfel, MK-Chefin vom Dienst/ad

Nachgefragt im Interview

Wie umgehen mit den "Spuren auf der Seele"?

Andreas Müller-Cyran, Notfall-Seelsorger und Abteilungsleiter der Krisenpastoral im Erzbischöflichen Ordinariat München und Freising erklärt im Interview:


  • warum die Seele lange leiden kann
  • welche Symptome auf eine Traumatisierung hindeuten können
  • was man bei Verdacht auf Angstzustände tun kann
  • und welche Hilfe es im Umgang mit Augenzeugen gibt.