SPUREN AUF DER SEELE Andreas Müller-Cyran von der Krisenpastoral über die Nachwirkungen des Amoklaufs von München

Porträt Andreas Müller-Cyran
(Bild: Sankt Michaelsbund)
Andreas Müller-Cyran
ist Notfall-Seelsorger und leitet die Abteilung Krisenpastoral im Erzbischöflichen Ordinariat.
MK: Der Amoklauf von München liegt nun schon einige Wochen zurück. Viele Menschen, die ihn miterlebt haben, leiden noch immer an den Folgen, selbst wenn sie nicht verletzt worden sind. Warum ist das so?

MÜLLER-CYRAN: Tatsächlich: Bei den Menschen, die körperlich verletzt wurden, heilen die Wunden und werden zu Narben. Noch viel mehr Menschen als die körperlich verletzten mussten in jener Nacht die Erfahrung machen, dass die Umgebung, in der sie zuhause sind und sich ein Leben lang immer sicher fühlen konnten, mit einem Mal nicht mehr sicher ist. Da läuft ein Mensch herum, der auf andere schießt! Das erschüttert jeden zutiefst. Wir wissen, dass Menschen, die – vielleicht auch nur einige Sekunden! – Todesangst hatten, zum Teil lange mit der Verarbeitung zu tun haben. Dabei geht es gar nicht um die Frage, ob die Bedrohung tatsächlich real war. Es gab in der Nacht auch Menschen an anderen Orten und Plätzen unserer Stadt, die sich bedroht fühlten und die Situation kurzzeitig so interpretierten, dass geschossen wird – und sie das vielleicht nicht überleben. Heute wissen wir: Es war ein Täter im Raum des OEZ. Damals wusste aber auch die Polizei nicht genau, was los war. Für die seelische Verarbeitung zählt nicht, was wir hinterher an Gewissheiten haben, sondern was wir in der konkreten Situation fühlen und erleben. Und da war es so, dass viele Menschen um ihr und das Leben ihrer Lieben gebangt haben. Diese Erfahrung ist einschneidend. Kein Wunder, dass sie Spuren auf der Seele hinterlässt.
MK: Welche Symptome könnten darauf hindeuten, dass eine Traumatisierung vorliegt?

MÜLLER-CYRAN: Wir unterscheiden zwischen seelischen Veränderungen, die unmittelbar nach der Erfahrung von Angst und Schrecken auftreten, und den Veränderungen, die nach Wochen noch da sind. Alle seelischen Veränderungen, die unmittelbar mit dem Entsetzen spürbar werden, sind die normale Reaktion eines normalen und gesunden Menschen auf ein völlig unnormales Ereignis! Diese Veränderungen werden bald besser und hören nach ein paar Tagen auf. Man sollte aufmerksam sein, wenn nach drei bis vier Wochen immer noch Veränderungen da sind: zum Beispiel das Gefühl, dass man sich in vertrauter Umgebung fremd und unverstanden fühlt, dass die Welt zutiefst nicht mehr so ist, wie sie vorher war, dass man das Gefühl hat, keine Zukunft mehr zu haben. Wenn das bleibt, dann ist das kein Schicksal, das man von nun an für immer zu ertragen hat, sondern man kann was dagegen tun! Je früher, desto besser!
MK: Was sollten diejenigen tun, die weiterhin Alpträume haben oder Angstzustände? Wann ist es nötig, sich in professionelle Hände zu begeben?

MÜLLER-CYRAN: Wer jetzt, also mehr als vier Wochen nach dieser Erschütterung, noch immer jede Nacht Alpträume hat und wer so starke Angst hat, dass er nicht in sein altes Leben zurück findet, der sollte sich individuell beraten lassen.
MK: Unter den Augenzeugen des Amoklaufs waren auch viele Kinder, die das mit ansehen mussten. Wie geht man mit ihnen um, um sicherzustellen, dass sie das Erlebte gut verarbeiten können?

MÜLLER-CYRAN: Manche Kinder haben vielleicht in der Nacht des Amoklaufes zum ersten Mal erlebt, dass ihre Eltern wirklich Angst hatten und verunsichert waren. Für Kinder sind Erwachsene, zumal die Eltern, ja immer souverän und quasi allmächtig. Wenn sie ihre Bezugspersonen plötzlich tief verunsichert und erschüttert erleben, dann überträgt sich das auf sie. Und Kinder haben ja ein ganz anderes Sensorium dafür, um das wahrzunehmen: Jenseits der Worte spüren sie sehr deutlich, in welchem Zustand ihre erwachsenen Bezugspersonen sind. Ganz klar daher: mit den Kindern offen umgehen, deutlich machen, das war tatsächlich eine sehr ungute, gefährliche Situation – aber jetzt ist sie vorbei, jetzt sind wir in Sicherheit. Und wir brauchen keine Angst zu haben, dass eine derartige Situation wieder eintritt. Es wäre wichtig, dass Eltern, die Veränderungen an ihren Kindern bemerken, die im Zusammenhang mit der Nacht des Amoklaufes stehen, sich in einer entsprechenden Einrichtung individuell beraten lassen.

Interview: Susanne Holzapfel, MK-Chefin vom Dienst

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Dr. Andreas Müller-Cyran, Diakon