Die Menschen in Turkana, Kenia leiden unter dem Klimawandel Warum sich Hilfe lohnt - eine Reportage der Münchner Kirchenzeitung

Kenianisches Mädchen an Wasserstelle
Die kleine Aweet freut sich über die sprudelnde Wasserstelle (Bild: Kindermissionswerk "Die Sternsinger")
Am lautesten sind in Kabosan die Ziegen. Sie meckern in verschiedenen Tonarten. Gierig drängen sich die Tiere an die Tränke, geleitet von Hirtenjungen, die mit dünnen Stöcken ihre Herden im Griff halten. In der sengenden Mittagshitze wirkt das Wasser magnetisch, zumal der nächstgelegene Damm ausgetrocknet ist. Die Flussbetten sind es ohnehin: nur Steine, Sand, dornige und trockene Büsche so weit das Auge reicht. Selbst das Grün der „Salvadora persica“- Bäume wirkt sandig in der flirrenden Hitze der Turkana, einer abgelegenen und von der Regierung vernachlässigten Region im Nordwesten Kenias. Sie umfasst rund 71.600 Quadratkilometer – etwa so viel wie Bayern. Mehr als 1,2 Millionen Menschen leben dort, die meisten gehören der nomadisch lebenden Ethnie der Turkana an und sprechen ihre eigene Sprache, das Kiturkana.

Der Regen lässt auf sich warten, nicht einmal genieselt hat es in den vergangenen Wochen. Ohne den Brunnen und die Tränke in Kabosan, die dank der Hilfe der Sternsinger von einem Wassertank gespeist werden, wäre das Überleben der Menschen und Tiere der gesamten Umgebung gefährdet.

Traditionell lebten die meisten Turkana als Nomaden. Doch der Klimawandel zwingt die Menschen, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern. Sie werden zunehmend sesshaft, und zwar vor allem dort, wo es Überlebenshilfen gibt – Wasser, Nahrungsmittel, medizinische Versorgung – wie zum Beispiel hier im Kokuselei-Tal. Dass es diese Unterstützung gibt, ist der Gemeinschaft St. Paul der Apostel zu verdanken, die seit 1987 in der Turkana tätig ist. Sie koordiniert in und um ihre Missionsstationen Ernährungs- und Gesundheitszentren, Landwirtschafts- und Wasserprojekte sowie Bildungs- und Friedensinitiativen.

„Ich bleibe hier“, sagt Emuria, ein 48-jähriger Hirte, der mit seiner Familie einen knappen Kilometer entfernt von Kabosans Wasserstelle und Vorschule lebt. „Hier gibt es zumindest Wasser in der Nähe, und die Kinder hungern nicht.“ In der Vorschule von Kabosan erhalten nicht nur die eingeschriebenen Kinder Frühstück und Mittagessen, sondern auch die älteren Geschwister – insgesamt rund 80 Kinder.

Jeden Morgen bringt Emurias älteste Tochter Aweet ihre zwei jüngeren Schwestern zur Vorschule. Nach dem Frühstück holt das Mädchen Wasser am Brunnen. Zum Mittagessen geht sie wieder in die Vorschule, holt anschließend erneut Wasser am Brunnen und bringt die Geschwister und den gefüllten Kanister nach Hause. Eine Schule besucht Aweet nicht. Die nächste Grundschule ist acht Kilometer entfernt, zu weit für den Hin- und Rückweg zu Fuß. Aweet ist eine der Hauptfiguren im Film zur aktuellen Aktion Dreikönigssingen, den TV-Reporter Willi Weitzel unter dem Titel „Unterwegs für die Sternsinger: Willi in Kenia“ produziert hat.

Auch Aweet sehnt sich nach dem Regen. „Wolken und Regen – das ist das Schönste in der Natur“, sagt sie lächelnd, „dann wird alles grün.“ Dann wird getanzt, gefeiert und besonders fröhlich gesungen. Warum es kaum mehr regnet, das wissen weder sie noch ihr Vater. Das Wort „Klimawandel“ gibt es in ihrer Sprache nicht.

Text: Verena Hanf, Münchner Kirchenzeitung (Ausgabe 2/2017)