Pfarrei
St. Georg Ruhpolding

Von 1923 bis zur GegenwartAltbürgermeister Ohl beschließt die Vortragsreihe zur „Geschichte unserer Pfarrei“

Vortrag2011
Mit dem vierten Vortrag zur Reihe „200 Jahre Pfarrei St. Georg“ endete der Reigen zur „Geschichte unserer Pfarrei. Altbürgermeister Herbert Ohl spannte dabei einen geschichtlichen Bogen über fast 90 Jahre. Unter dem Motto „Von Pfarrer Joseph Eder bis zur Gegenwart“ sprach er über die Zeit von 1923 bis jetzt. Dabei verstand er es, spannend und interessant immer wieder die Verknüpfung von Kirchen- und Gemeindegeschichte herzustellen, spannend auch deswegen, weil sich viele der zahlreichen Zuhörer in ihre selbst erlebte Zeit zurückversetzt fühlten.

In den vergangenen 88 Jahren haben in Ruhpolding vier Pfarrer gewirkt, aber 15 Bürgermeister, erinnerte Herbert Ohl. Seinen ersten Vortragsschwerpunkt lenkte er auf Pfarrer Eder, der 1923 im Alter von 43 Jahren Pfarrherr der Pfarrgemeinde St. Georg wurde. Zur selben Zeit „regiert“ Bartholomäus Schmucker als Bürgermeister. Streng aber gerecht sei er gewesen, sagte der Referent, keinesfalls aber dem gesellschaftlichen Leben abgeneigt und sehr sozial eingestellt. Während seiner Amtszeit habe sich das Vereinsleben in Ruhpolding stark entwickelt, so sei 1924 der Gesellenverein – jetzt Kolpingfamilie St. Georg -, die Sanitätskolonne und der Trachtenverein „D’Rauschberger“ gegründet worden, ein Jahr später der Sportverein und der Motorsportclub.

Viele Ereignisse konnte Ohl mit historischen Bildern belegen, so zum Beispiel den verheerenden Brand in Seehaus 1929. Doch auch durch schwere Zeiten habe Pfarrer Eder seine Gemeinde steuern müssen, als im selben Jahr am „Schwarzen Freitag“ die Börsen zusammen brachen und es in der Folgezeit in Deutschland 6 Millionen Arbeitslose gab, wovon auch unser Ort nicht verschont blieb. 1933, im Jahre der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, seien die ersten „Dr. Degener – Urlaubersonderzüge“ hierher gekommen und dem Ortspfarrer ist es gelungen, den Kirchturm mit Kupfer eindecken zu lassen. Gerade während des zweiten Weltkrieges habe er viele seelsorgerische Aufgaben gehabt, unter anderen musste er für nahezu 280 Gefallene die Gottesdienste halten und die Angehörigen trösten.

Gegen die Abnahme der Kirchenglocken sei er machtlos gewesen, bis auf eine. Die vom „Krieger- und Veteranenverein“ gestiftete Michaelglocke durfte verbleiben. Nach dem Krieg habe große Not geherrscht, in dieser harten Zeit habe Eder aber Geschick und Weitsicht bewiesen. Für seine Verdienste verlieh ihm die Gemeinde 1949 die Ehrenbürgerrechte. Pfarrer Eder habe aber auch damals schon Ökumene praktiziert, so sei es für ihn selbstverständlich gewesen, dass die evangelischen Mitchristen die Schlosskapelle für ihre Gottesdienste mitnutzen konnten. 1954 trat er nach 31 Priesterjahren in den Ruhestand und starb am 10. Dezember 1955.
Sein Nachfolger wurde Monsignore Roman Friesinger, bei den Ruhpoldingern einfach nur „Monsei“ genannt, erinnerte Ohl weiter. Friesinger, der im Krieg als Sanitäter bei den Fallschirmjägern eingesetzt war, habe sich als Bauherr, Architekt und Kunstkenner einen großen Namen gemacht. Unter seiner Regie seien zum Beispiel der Pfarrhof, der Kindergarten St. Franziskus und das Pfarrzentrum entstanden.

„Wohnungsbau ist Dombau“ war das Motto für Pfarrer Monsignore Friesinger zur Errichtung der St. Georgsiedlung, um die Wohnungsnot zu lindern. Vor 50 Jahren - 1961 - konnte dann eine vierte Glocke auf dem Kirchturm installiert werden, die nach dem Vornamen Friesingers als Romanusglocke geweiht wurde. In jener Zeit, so Ohl, sei wirtschaftlich, sozial und kommunalpolitisch ebenfalls viel geschehen. Zum Beispiel das gemeindliche Wohnbauwerk gegründet, das Krankenhaus Vinzentinum, das Altenheim St. Adelheid und das Schulzentrum errichtet, sowie die Otto Filitz Brillenfabrik gebaut worden. Für seine Verdienste wurde Friesinger 1970 zum Ehrenbürger ernannt. Am 30. März 1977 starb der Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Da die Folgezeiten in der Bevölkerung noch sehr gut in Erinnerung sind, hielt sich der Altbürgermeister etwas kürzer, erinnerte aber an einige Eckdaten. Unter Pfarrer Josef Mühlbacher, der sich nach zwölf Jahren als Militärpfarrer „am Anfang seiner Amtszeit das Leben selbst schwer gemacht hat“, sei zum Beispiel die Orgel in der Pfarrkirche restauriert, der Kindergarten St. Irmgard gebaut und der Kirchturm renoviert worden. Otto Stangl, der seit 2004 Ortspfarrer ist, sei seit der Eigenständigkeit der Pfarrei der 20. Pfarrer von St. Georg, sagte der Referent. Ihm war es bisher vergönnt, gleich drei große Feste in Verbindung mit der Pfarrei feiern zu können, 2004 das grandiose 250jährige Kirchweihfest der drei Ruhpoldinger Kirchen, 2006 das 250. Gründungsfest des Georgivereins und jetzt die 200 Jahre eigenständige Pfarrei, dazu noch das großartige Fest zum 600jährigen Bestehen der Ruhpoldinger Schützen.

Dem versierten Heimatgeschichtskenner und -forscher Herbert Ohl ist es gelungen, mit seinem Streifzug durch fast 90 Jahre Heimatgeschichte immer wieder die enge Verbindung zwischen Pfarrgemeine und Kommune herzustellen. Erinnerungen wurden geweckt, aber auch neue Informationen vermittelt. Unterstützt wurde er von Hans Wiser, der für die Technik sorgte und Andreas Plenk, der die ausgezeichnete Bilderschau zusammenstellte. Als Dank überreichte Pfarrer Otto Stangl dem Referenten ein Präsent. hab

Bildbeschreibung (Foto Burghartswieser)
Diese drei Referenten vermittelten mit einer Vortragsreihe die 200jährige Geschichte der Eigenständigkeit der Pfarrei St. Georg: (2. v. links nach rechts) Hubert Braxenthaler sen., Helmut Müller sen. und Altbürgermeister Herbert Ohl. Links Pfarrer Otto Stangl, der die Vorträge als „erlebte Heimat- und Kirchengeschichte“ bezeichnete.