Geschichte

Die spätgotische Heilig-Geist-Kirche, nach St. Nikolaus die zweitälteste Kirche des Marktes Rosenheim, geht auf die private Stiftung des wohlhabenden Bürgers Hans Stier im Jahre 1449. Von Anfang an erfüllte die ganz in die Häuserfront der Heilig-Geist-Straße eingefügte schlichte Saalkirche drei Funktionen - Privatkapelle, öffentlicher Kirchenraum und Spitalkirche. Als private Andachtsstätte konnten die Mitglieder der Stifterfamilie Stier die Wolfgangskapelle, die obere der beiden Kapellen, die im Ostteil an den Kirchenraum angefügt sind, direkt von ihrem Anwesen am Max-Josefs-Platz 13, dem heutigen Stockhammerhaus, aus betreten. Die Öffentlichkeit kam, wie heute noch, durch das Portal in der Heilig-Geist-Straße in den Kirchenraum. Die Bezeichnung Heilig-Geist-Kirche verweist auf ein nicht näher lokalisierbares Spital, dessen Insassen wohl auf der Empore, die sie ebenfalls direkt erreicht haben dürften, den Gottesdiensten beiwohnen konnten. So hatte der Hl. Geist, der nach mittelalterlicher Auffassung den Kranken beistand, sie stärkte und Mut gab zum Sterben, bald das ursprüngliche Patrozinium der Hl.  Dreifaltigkeit und von Maria und Elisabeth verdrängt.
Hl. Geist mit Orgel
Der seit der Erbauung mit einem spätgotischen Spitzhelm bekrönte Turm erhielt nach dem Stadtbrand 1641 eine barocke Zwiebel. 1684/85 erfolgte eine einfache Barockisierung des Inneren. Die Gewölberippen wurden abgeschlagen, die Fenster vergrößert und oben und unten ausgerundet. Schlichter Quadraturstuck mit Vierpass-, Rechteck- und Herzfeldern ergänzte die zeitgemäße Umgestaltung. Schließlich schloss man 1718 den direkten Zugang vom Stockhammer-Anwesen und mauerte die Wolfgangskapelle zum Kirchenschiff hin zu.
Hl. Geist Taufstein
Bei der grundlegenden Innenrenovierung in den Jahren 1963/64 versuchte man, den spätgotischen Raumeindruck wiederherzustellen. Der im 19. Jahrhundert bereits veränderte Barockaltar wurde an der Ostseite abgerissen und durch einen schlichten steinernen Altartisch, der nunmehr an der Südwand plaziert ist, ersetzt. Die Wolfgangskapelle wurde wieder zum Kirchenschiff hin geöffnet und ein neuer Zugang durch eine moderne Wendeltreppe geschaffen. In der unten liegenden Michaelskapelle, der daran anschließenden Sakristei und in der oben liegenden Wolfgangskapelle konnten spätgotische Wandmalereien freigelegt werden.

Luccabild und spätgotische Wandmalereien

Durch diese Maßnahme kann der größte Schatz der Heilig-Geist-Kirche, das spätgotische "Luccabild" in der Wolfgangskapelle, wieder betrachtet werden. Das auf trockenen Putz gemalte Seccobild stammt aus der Erbauungszeit der Kirche. Die Darstellung schildert eine Begebenheit, die sich im Jahre 1282 im Dom zu Lucca zugetragen haben soll. Die Legende erzählt, dass damals ein Spielmann in die toskanische Stadt gekommen war, der gelobt hatte, nur dann zu essen, wenn er sich sein Brot durch seine Musik verdient hätte. Obwohl er den ganzen Tag spielte, hatte er in der reichen Handelsstadt Lucca keine einzige Münze erhalten. Als es Abend wurde, ging er in den Dom, um dem dortigen hochverehrten Gnadenbild, einem mit einer Ärmeltunika bekleideten byzantinischen Kruzifix, sein Leid zu klagen. Da warf die Christusfigur dem armen Geiger einen ihrer goldenen Schuhe zu. Genau diese Szene ist in der Wolfgangskapelle geschildert. Wir sehen in einem illusionistisch gemalten gotischen Kirchenraum auf einer Altarmensa das Gnadenbild Volto Santo von Lucca, wie es dem knienden Geiger zu seinen Füßen einen goldenen Schuh zugleiten lässt. Links verfolgen Hans Stier als kniende Stifterfigur und hinter ihm der hl. Wolfgang als Patron der Kapelle sowie ein Krüppel das Geschehen. Rechts knien zwei betende Frauen, wohl weibliche Mitglieder der Familie Stier. Der Schlussstein in den Gewölberippen zeigt das Wappen der Familie.
Das Wandstück zwischen den beiden Kapellen ist ebenfalls mit Malereien aus der Erbauungszeit reich geschmückt. Ein mit Fiale und Krabben verzierter Kielbogen rahmt den Zugang zur Michaelskapelle, flankiert von zwei Figuren in Baldachinhäuschen sowie zwei Königen mit Spruchbändern. Die Balustrade selbst zieren Vierpässe zwischen Gesimsen. Die Wandmalerei um das Sakramentshäuschen ahmt einsprechende Schnitztabernakel nach.

Ausstattung

Zwei Grabsteine aus Rotmarmor erinnern in der Heilig-Geist-Kirche an die Familie Stier. Links neben dem Altar befindet sich der Grabstein des Stifters Hans Stier, der 1453 verstarb. Er wurde in der hervorragenden Haldner-Werkstatt in München geschaffen. Der Grabstein des Vaters des Stifters, der 1414 verstarb, wurde anlässlich der Renovierung 1963 von St. Nikolaus in die Heilig-Geist-Kirche versetzt. Der Grabstein des Benefiziaten Joseph Schweindl, der am 12.06.1694 verstarb, ist eine Arbeit von Michael Zürn d. J. (1654-1698).
Sechs Rotmarmorepitaphien in der Michaelskapelle, eine spätgotische Weihwasserschale aus Rotmarmor, die spätgotische Figur des hl. Johannes des Täufers sowie ein Kruzifix aus der Mitte des 18. Jahrhunderts runden die Innenausstattung ab.
Das Abschlussgitter mit Spiral- und Blattmotiven wurde 1721 von dem Rosenheimer Schlosser Johann Georg Reinthaller geschaffen.
Die Gemälde an der rückwärtigen Emporenbrüstung zeigen das Auge Gottes, Abraham mit den drei Männern und die Taufe Christi, geschaffen 1718 von Jakob Weiß (Bürgeraufnahme 1699-1739).
In der Michaelskapelle fand der frühere Taufstein von St. Nikolaus, eine Schöpfung von Josef Hamberger aus dem Jahre 1964, einen neuen, würdigen Platz.
Heiliggeistorgel Heimbeck
   Historische Orgel mit Kirchenmusiker Konrad Heimbeck

Orgel

Die Orgel in der Heilig-Geist-Kirche (5 Register, kurze Oktav) wurde 1756 vom bekannten Münchener Orgelbauer Anton Bayr gefertigt. Sie war ursprünglich eine tragbare Prozessionsorgel (Schöpfbalg seitlich, Magazinbalg auf dem Orgeldach) und war wohl für die Loretokapelle in Rosenheim bestimmt. Bald wurde ein Untergehäuse mit angehängtem Stummelpedal angebaut. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Orgel unspielbar geworden; sie kam ins Heimatmuseum und wurde vergessen. 1965 entdeckte Helmut Michalek, seit 1958 Organist in St. Nikolaus, diese Kostbarkeit wieder. Die Orgel wurde spielbar gemacht und fand ihren neuen Platz in Hl. Geist. In einer vorbildlichen Restaurierung durch die Firma Linder (Nußdorf a. Inn) wurde sie 1996 soweit wie möglich in ihren Originalzustand zurückgeführt. Mit ihrer modifizierten mitteltönigen Stimmung ist sie zur Darstellung Alter Musik bestens geeignet.
Text: Dr. Evelyn Frick, Rosenheim