Begleiter für die Advents- und Weihnachtszeit in München 27. November 2020 bis 6. Januar 2021

Smileus

Impulstexte zum Advent von Msgr. Dr. Franz Joseph Baur

Anfang des Advents
 
Wann beginnt der Advent? Für uns Christen ist eigentlich immer Advent, das ganze Jahr über, wenn wir voll Hoffnung und Erwartung im Vaterunser beten: „Dein Reich komme.“ Was aber fängt dann am ersten Adventsonntag an? Es fällt auf, dass die theologische Botschaft, mit der das Kirchenjahr am ersten Advent anfängt, im Grunde die gleiche ist wie die, mit der es aufgehört hat: Der Herr wird wiederkommen in Herrlichkeit. Das sagt der Sonntag Christkönig, und etwas unterschiedlich akzentuiert auch die Sonntage davor, ja insgesamt der Monat November, der mit Allerheiligen und Allerseelen beginnt. Wir erwarten und erhoffen die Vollendung in der Ewigkeit Gottes am Ende aller Zeiten. So gesehen hat der Advent seine tiefere Wurzel und seinen eigentlichen Anfang in der Endzeitstimmung des November, im Blick auf die Vergänglichkeit der Welt, im Blick auf das Sterben, in der Hoffnung, das sich Gott letztendlich in seiner vollen Macht und Herrlichkeit zeigen wird.
 
Drei verschiedene Advente: Weltende - Machttat Gottes - Geburt Jesu
 
Innerhalb des Advents sind die Verschiebungen des Blickwinkels dann jedenfalls weit größer als der Übergang vom Ende des Kirchenjahrs hinein in den Advent. Denn die zweite Botschaft des Advents verheißt das rettende, machtvolle Eingreifen Gottes schon in dieser Zeit, nicht erst am Ende. Die prophetischen Stimmen von Jesaja bis Johannes dem Täufer kündigen das an. Und noch einmal verschiebt sich der Fokus, wenn von der tatsächlichen Ankunft des Retters in der unscheinbaren Gestalt eines menschlichen Kindes erzählt wird, wie es Maria angekündigt wurde, wie ihm Johannes vorausging. Welche Ankunft im Advent bedacht wird, worauf gewartet wird, das verändert sich also enorm während der Zeit des Advent. Die Taktung in vier Sonntage und vier Kerzen, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, überdeckt dieses Gefüge. Scheinbar läuft der Advent wie auf einer Schiene auf Weihnachten zu. Doch wer näher hinschaut, oder besser: hinhört auf die Verkündigung des Advents, dem fallen markante Brüche auf. Ich zitiere die Evangelien aus dem anstehenden Lesejahr B: „Die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen.“ (1. Advent). „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg. … Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich.“ (Johannes der Täufer am 2. Advent) „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“ (Johannes der Täufer am 3. Advent). „Fürchte dich nicht, Maria; … du wirst ein Kind empfangen.“ (4. Advent). Der Advent lenkt uns also zuerst auf die endgültige Offenbarung am Ende der Welt, dann auf ein Eingreifen Gottes zur Änderung der Verhältnisse und schließlich auf die Gestalt des Kindes der Maria hin. Was soll man davon halten?
 
Ein adventlicher Weg

 
Es mag scheinen, als würden die großen Ansagen unerfüllt bleiben. Sind es Schritte des Rückzugs und der Anpassung, mit denen die Religion ihren Glauben vor der Enttäuschung retten will? Etwa so: Wenn schon das Weltende mit dem allgemeinen Gericht und dem ewigen Frieden nicht kommt, dann wird Gott doch hoffentlich nicht warten bis zum Schluss, sondern irgendwie vorher eingreifen und sein Volk frei und glücklich machen. Und wenn davon nichts zu merken ist, dann interpretieren wir eben die unscheinbare Gestalt des Kindes in der Krippe als große Rettungstat Gottes. Nein, ich schlage eine andere Interpretation vor.
Zuweilen hat man das Gefühl: Es ist aus. Es geht nicht mehr weiter. Das kann sein nach dem Tod eines nahe stehenden Menschen. Wie gesagt, der Advent hat seine Wurzel im Toten-Monat November. Das kann auch sein, wenn einen das Unbehagen beschleicht, dass die Entwicklung der Welt im Großen und Ganzen - Stichworte: Armut, Migration, Umweltzerstörung, Klimawandel - auf den Abgrund zusteuert. Das Gefühl und die Phantasie brauchen in der Not ihren Raum. Die apokalyptischen Texte der Bibel geben diesen Raum. Man denkt sich in einen Beobachterposten hinein und sieht mit an, wie alles zu Ende geht. Weltende.
Ein erster Keim von Hoffnung gegen die blanke Weltuntergangsstimmung ist, wenn man auf den Gedanken kommt, jemand müsste und könnte die Dinge in die Hand nehmen und in Ordnung bringen. Wenn nur die richtige Regierung an die Macht käme, oder wenn … je nach der persönlichen Notlage dies oder jenes anders wäre, dann ginge es weiter, dann ginge es mit neuem Lebensmut weiter. Auch hier bieten die adventlichen Texte der Bibel Nahrung für die geistliche Vorstellungskraft und für entsprechende Hoffnungen: Gott wird kommen und die Dinge in Ordnung bringen.
Danach wacht hoffentlich das Gefühl der Selbstwirksamkeit wieder auf. Man könnte ja selbst, ganz klein und bescheiden, von dem Platz aus, wo er gerade ist, aus eigenem Antrieb den ersten Schritt tun. Dahinein mündet der Advent, uns die Solidarität Gottes vor Augen zu stellen, der einer von uns geworden ist, der mit uns den kleinen Anfang wagt, als neugeborenes Kind ins Leben hinein zu gehen. Nach all den Phantasien, Träumen, Gedanken und Bildern des Advent, die man regungslos wartend erwogen hat, ist Weihnachten der Moment, sich in Bewegung zu setzen und mit den Hirten und den Weisen hinzugehen zum Retter, aufzubrechen und selbst den ersten Schritt zu tun. So gesehen ist die Abfolge der Perspektiven des Advents keine Kaskade des Zurücksteckens von Hoffnungen und Erwartungen, sondern ein Weg aus Trauer und Depression heraus hinein ins neue Leben. Es ist Gott, der diesen Weg führt. Es ist Gottes Heil, zu diesem neuen Leben zu gelangen. Dabei braucht es die Zeit und den Raum, sich abzuarbeiten an all dem, was einen in der Ohnmacht hält. Es braucht eine Zeit lang das Geländer von Rettungsszenarien, um endlich frei und von selbst wieder einen beherzten ersten Schritt zu tun. Diese Zeit gibt der Advent.

Rhythmus des Advents

 
Folgt man dieser Interpretation, gewinnen auch der Rhythmus und die Prägung des Advents, wie man sie kennt, ihren Sinn. Mitten in der großen Not, in der chaotischen Unübersichtlichkeit des absehbaren Endes, im Ausgeliefertsein an die Kräfte des Himmels und der Erde, wird ein erstes kleines Licht entzündet, eine erste Kerze am Adventkranz. „Es ist besser, ein kleines Licht zu entzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.“ Der Ruf des ersten Advent ist der Ruf zu einer ersten Geste aus der Ohnmacht und Passivität heraus: „Seid wachsam!“ Es ist die Geste, Ausschau zu halten und hin zu hören. Am Ende wird man auf die Botschaft des Engels an Maria und auf die Botschaft des Engelsheeres an die Menschen hören und gläubig aufstehen, einen Schritt auf das Jesuskind zu machen, um dann in die Nachfolge einzutreten. Jede weitere Kerze markiert einen Fortschritt, weil die Richtung stimmt. Das Licht nimmt zu, man ist auf einem guten Weg.
Die dritte Kerze ist hervorzuheben, denn sie bedeutet einen wichtigen Anhaltspunkt: die Freude. Mancherorts wird die dritte Kerze am Adventkranz farblich heraus gehoben. Wo die Sakristei es hergibt, wird die violette Farbe des Messgewands zu einem freundlichen Rosa aufgehellt. Denn man darf sich der Freude vergewissern, die das begleitende Gefühl der zunehmenden Selbsttätigkeit und des vertrauensvoll, hoffnungsfroh, zielsicheren Ausschreitens auf dem Weg des Heiles ist. Gewiss trägt der Advent in Analogie zur Vorbereitungs- und Bußzeit auf Ostern hin auch den Charakter einer Fastenzeit, mit der Empfehlung zur Beichte und der Feier von Bußgottesdiensten. Dann ist der „Gaudete“-Sonntag am dritten Advent, in Analogie zum „Laetare“-Sonntag der Fastenzeit, so etwas wie die Halbzeit des Fastens und der Bußübungen. Man hat schon etwas geschafft und kann in Vorfreude auf das große Fest die Zügel lockern. Aber diese Seite des Advents ist praktisch nur noch schwach ausgeprägt. Stärker ist die innere Resonanz auf den liturgischen Ruf „Gaudete“ - „Freut euch!“, wenn man sie zulässt als Zeichen der inneren Bewegung auf Gott hin, der das Heil des Menschen will und schon dabei ist, es vorzubereiten.
 
Woche vor Weihnachten
 
Eine weitere Wendung nimmt der Advent, wenn er in die letzte Woche vor Weihnachten mündet. Vom 17. Dezember an zählt die Liturgie die Tage. Sie holt damit gewissermaßen auch den Brauch der Adventskalender ein, die schon vom 1. Dezember an die Tage bis Weihnachten zählen. Da wird dann - nach dem diesjährigen Kalender - kein „Donnerstag in der 3. Adventwoche“ mehr gefeiert, sondern der „17. Dezember“. Die Erwartungshaltung des Advents hat sich gewandelt. Sie ist nicht mehr Bereitschaft für eine Stunde, die niemand kennt, in der der Herr überraschend kommt wie der Dieb in der Nacht. Es ist ein aktives Zugehen auf den Tag, an dem Jesus geboren wird. Man weiß, wann es soweit sein wird: „Ero cras“ - „morgen werde ich da sein“. Diese lateinischen Worte ergeben sich aus den rückwärts aufgereihten Anfangsbuchstaben der berühmten „O-Antiphonen“ der sieben Tage vor Weihnachten. Als Ruf vor dem Evangelium und als Kehrvers zum Magnifikat in der Vesper sieht die Liturgie in der Woche vor Weihnachten einen Ruf des Staunens, der Bewunderung und des Lobpreises vor. Es beginnt mit „S“ von „O Sapientia“ - „O Weisheit“ am 17. Dezember und landet am 23. Dezember bei „E“ wie „O Emmanuel“. Das ist der verheißene Name des göttlichen Kindes, der bedeutet: „Gott mit uns“.
Das aktive Zugehen auf den Tag, an dem das Heil Gottes Fuß fasst in der Welt, schließt passend das Aufeinander Zugehen der Menschen ein. Es ist Vollzug des Advents, wenn wir uns eins um das andere annehmen, wenn wir Geschenke besorgen als Zeichen der Verbundenheit, wenn wir auf die Bittbriefe der Hilfsorganisationen eingehen und für Spenden aufgeschlossen sind. Das sind Schritte hin nach Betlehem, Schritte, die dann weiter führen auf den Weg der Nachfolge Jesu.
 
Menschwerdung Gottes
 
Der so verstandene Advent führt heran an die Menschwerdung Gottes. Das Heil, das Gott ins Werk setzt, ist nicht von der Art, dass er etwas für uns erledigt, dass er etwas für uns - im Sinn von: an unserer Stelle - tut. Er verwandelt nicht die Rahmenbedingungen, so dass wir es von da an irgendwie leichter hätten. Gott tritt selbst in die Rahmenbedingungen ein. Er tritt an die Seite der Menschen. Er setzt uns instand, mit neuer Lebenskraft, aus unserer Natur heraus, unsere Schritte zu tun. Das lässt sich auch aus dem adventlichen Bild des Taus heraus lesen, wie er in den Rorate-Messen besungen wird: „Tauet, Himmel, den Gerechten.“ Gewiss, der Vers geht weiter: „Wolken, regnet ihn herab.“ Aber das Besondere am Tau ist, dass man ihn nicht herabregnen sieht, sondern dass er wie von selbst morgens auf dem Gras liegt. Das ist der Weg Gottes mit dem Menschen, dass der Mensch „wie von selbst“ den Pfad eines neuen, heilen Lebens beschreitet. Dahin führt der Advent.

Wir danken Msgr. Dr. Franz Joseph Baur recht herzlich für die Überarbeitung seines Textes für die Homepage des Begleiters für die Advents- und Weihnachtszeit in München und für die Freigabe zur Publikation auf derselbigen.