Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.
Hans Tremmel
Prof. Dr. Hans Tremmel

Gesundheit

(Münchner Kirchenzeitung vom 29.01.2017)

Noch haben wir die Neujahrswünsche im Ohr: „Ein gutes neues Jahr, vor allem Gesundheit, denn die ist ja das Wichtigste!“ Das stimmt, denken wir, die Gesundheit ist das Wichtigste, wenn auch nicht das Einzige. Schließlich gilt der Aphorismus von Arthur Schopenhauer unwidersprochen seit über 150 Jahren: „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Dieser Satz fällt manchem von uns ein, wenn wir hustend und schniefend alle Termine und Pläne über den Haufen werfen, die uns der Kalender anzeigt. Glieder- und Kopfschmerz absorbieren unser ganzes Sein. Die Welt schrumpft zusammen auf das Krankenlager.

Solidarisch blicken wir über den Kanal, wo die Briten Sorgenfalten bekommen, wenn sie hören, dass die 90jährige Queen erstmals seit 28 Jahren aufgrund einer hartnäckigen Erkältung dem Weihnachtsgottesdienst fernbleiben muss. Über Wochen hat die Nation gewissermaßen mitgefiebert mit ihrer beliebten Monarchin. Die Erleichterung ist groß, als die Boulevardblätter vermelden können, das Bangen hätte ein Ende, Elisabeth sei im Januar wieder zum Gottesdienst erschienen und dort mit Applaus empfangen worden.

Sorge um eine grippekranke Königin? Ja, warum nicht! Empathie nennt man das, also die Fähigkeit zum Mitfühlen mit der Not, dem Schmerz und dem Leiden anderer Menschen. Gelegentlich scheint uns in der Hektik des Alltags diese Fähigkeit abhanden zu kommen. Dabei ist Empathie eine unabdingbare Kompetenz nicht nur in sozialen Berufen, sondern generell im zwischenmenschlichen Miteinander. Also haben Krankheiten durchaus einen positiven Aspekt, weil sie helfen, unsere Maßstäbe wieder neu zu justieren. Was ist wirklich wichtig im Leben? Krankheit in diesem Sinn als Gewinn zu akzeptieren, fällt uns allerdings in der akut maladen Situation nicht leicht. Aber wenn dadurch das Verständnis wächst, dass nicht immer alles nach Plan verläuft, dass Menschen nicht immer perfekt funktionieren müssen, dass schneller, höher und weiter nicht immer die sinnstiftende Option für unser Leben bedeutet, dann ist diese Erkenntnis nicht mit Gold aufzuwiegen. So absurd es klingen mag, wir brauchen gelegentlich die Erfahrung von Krankheit, um das alltägliche Leben wieder wertschätzen zu können. Oder um es mit Karl Valentin zu sagen: „Gar ned krank, is a ned g`sund“.

Freilich, Krankheit ist kein anzustrebendes Gut. Sie ist und bleibt ein Übel, das es zu vermeiden und möglichst zu beseitigen gilt. Wohlgemerkt, die Krankheit gilt es zu beseitigen, nicht den Kranken. Er braucht unsere Hilfe und unser Mitgefühl. Je schwerer die Krankheit ist, umso schlimmer ist sie für den unmittelbar Betroffenen, für seine Familie, seine Freunde und Kollegen. Jeder kann daher verstehen, wenn werdende Eltern auf die Frage nach dem Geschlecht ihres Kindes antworten: egal, Hauptsache gesund. Dennoch, die Abwesenheit von Krankheit ist nicht alles. Es gibt auch gelingendes und glückliches Leben selbst mit schwersten chronischen Erkrankungen. Und so ist es nachweislich eine verheerende Fehlinterpretation, wenn der Satz des römischen Satiredichters Juvenal so ausgelegt wird, als wäre nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist zu finden. Juvenal würde heutzutage wohl in einer Kabarettsendung deutlich machen, dass vor Gesundheit strotzende Supertypen dumm sein können wie Bohnenstroh und dass andererseits auch Königinnen nicht verschont bleiben von profanen Infekten. Denn vor dem Virus sind wirklich alle Menschen gleich.