Diözesanrat der Katholiken

Demokratisch gewählte Vertretung des Kirchenvolkes.
Der Diözesanrat repräsentiert mehr als 125.000 ehrenamtlich in Katholikenräten, Verbänden und Initiativen aktive katholische Frauen und Männer.
Hans Tremmel
Prof. Dr. Hans Tremmel

Vorsätzlich

(Münchner Kirchenzeitung vom 14.01.2018)

Es ist nicht überliefert, ob es ein Jahreswechsel war, als Thomas von Aquin den Satz zu Papier brachte: „Das Gute ist zu tun, das Böse ist zu meiden“. Was wir aber relativ sicher wissen ist, dass heutzutage im Angesicht explodierender Feuerwerksraketen Millionen von Menschen ähnliche Überlegungen anstellen. Was wird da nicht alles auf die Waagschale gelegt? An guten Vorsätzen mangelt es wahrlich nicht. Allein bei der Umsetzung hapert es gewaltig.

Die wenigstens werden am Silvesterabend darüber nachdenken, dass sich mit diesem Imperativ aus dem 13. Jahrhundert beinahe die gesamte abendländische Ethikgeschichte auf einen Nenner bringen lässt: Mach das Gute und lass die Finger weg vom Bösen! Diese Aufforderung ist keineswegs so trivial, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Schließlich bleibt die alles entscheidende Frage offen: Was ist tatsächlich gut und was ist böse? Von der theologisch höchst umstrittenen Problematik der Urheberschaft des Bösen ganz zu schweigen. Außerdem wird nicht beantwortet, wer die Unterscheidung überhaupt zu treffen vermag. Können wir selber das Gute erkennen oder brauchen wir Zuchtmeister, die uns die Entscheidung abnehmen? Ist es allein der innere Schweinehund oder das schwache Fleisch, das uns vom Guten fernhält? Oder führt uns am Ende Gott selber in Versuchung, um uns zu prüfen? Zumindest wird dies derzeit heftig diskutiert. Denn die Bitte, davon verschont zu werden, steht nun mal im Vater-Unser.

Wenn die Ethik behauptet, unserer Tun und Lassen sei uns „zugelastet“, mag das antiquiert klingen, ist aber durchaus modern. Da steckt zu Recht der Begriff „Last“ drin. Entscheidungszumutung ist ja wirklich oft eine arge Plage. Es hilft nichts, wollen wir unsere Verantwortung nicht an Institutionen abschieben, sondern uns selber als autonome Wesen ernst nehmen, dann bleibt uns letztlich nur der eigene „innere Gerichtshof“, das reflektierte Gewissen, als letzte Entscheidungsinstanz. Und als moralische Subjekte können und müssen wir danach handeln.

Bei all den Anfeindungen, die unser Papst momentan aushalten muss, weil er dem Einzelnen so viel zutraut, schadet es nicht, mal wieder an einen Text aus dem Zweiten Vatikanum zu erinnern: „Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird. Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist. Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe zu Gott und dem Nächsten seine Erfüllung hat. Durch die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen Probleme, die im Leben der Einzelnen wie im gesellschaftlichen Zusammenleben entstehen .“ (GS 16)

Hier geht es nicht um Selbstherrlichkeit und subjektive Willkür, sondern um gewissen-hafte Prüfung der eigenen Grundhaltungen und der individuellen Handlungsweisen.

Also, auf geht‘s, machen wir 2018 zu einem guten Jahr und bleiben wir nicht beim Vorsatz stecken!