Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unseres Angebots erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.
OK
Mehr Infos

50 Jahre Frauenseelsorge im Erzbistum München und Freising

Im Juli 1968 begann Theresia Hauser in der Erzdiözese München und Freising ihre Tätigkeit als Leiterin des Fachbereichs Frauenseelsorge. Seitdem unterstützt die Frauenseelsorge Frauen mit vielfältigen Angeboten, begleitet sie und vernetzt. Wiltrud Huml, seit über 30 Jahren Fachbereichsleiterin, blickt im Interview zurück auf die Entwicklungen der Frauenseelsorge im Erzbistum und auf das Besondere an der Arbeit mit und für Frauen.
Portrait ältere Dame in Kornfeld
In der Natur Kraft tanken - mit Angeboten der Frauenseelsorge München (Foto: imago / Photocase)
50 Jahre Frauenseelsorge – was bedeutet dieses Jubiläum für Ihre Fachstelle?
Es ist ein erfreuliches Erlebnis. Ein halbes Jahrhundert Frauenseelsorge im Erzbistum München und Freising ist keine Selbstverständlichkeit. Wir freuen uns, dass unsere Arbeit so floriert und dass wir das Jubiläum mit so vielen Frauen feiern können. Wir haben eine Warteliste für die Jubiläumsfeier am 21. Juli. Und das ist etwas Typisches, weil wir bei vielen Veranstaltungen viel mehr Anmeldungen als Plätze haben, und das zeigt, dass die Arbeit gut läuft, von unserer Zielgruppe gut angenommen und wahrgenommen wird.
 
Wie lange sind Sie selbst schon für die Frauenseelsorge tätig? Was macht die Arbeit besonders?
Ich leite seit 31 Jahren diesen Fachbereich. Das Besondere ist die Vielfalt der Arbeit, die vielen Begegnungen mit Teilnehmerinnen und Kursleiterinnen. Wir haben über 50 Frauen, die als Kursleiterinnen tätig sind und das aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Es ist auch oftmals so, dass eine ehemalige Teilnehmerin, die viel bei uns gemacht, sich weitergebildet und weiterentwickelt hat, dann fragt, ob sie bei uns einen Kurs leiten kann. Das sind sehr schöne Erfahrungen, weil in solchen Fällen die Entwicklung besonders deutlich wird und auch unsere Idee, die Charismen von Frauen zu stärken, zu fördern, weiterzuentwickeln und für andere Frauen und andere Menschen fruchtbar zu machen.
 
Was sind Ihre persönlichen Highlights?
Ich habe 2008 schon das 40-jährige Jubiläum gestaltet – das war natürlich schon ein Highlight, weil wir da sehr bewusst auf die Zeitgeschichte der Frauenseelsorge im Erzbistum zurückgeschaut haben. Ein weiteres Highlight ist für mich immer wieder, wenn ein neues Format von Anfang an sehr gut von aufgenommen wird. Wir haben vor ungefähr sechs Jahren eine Lange Nacht zur Vorbereitung auf Weihnachten kreiert und es kamen beim ersten Mal schon 70 Frauen. Inzwischen sind es noch mehr. Wir bieten da ein ganz kurzes Format an, weil Frauen vor Weihnachten mit Familie und allem anderen viel zu tun haben. Sie wollen sich aber auch persönlich spirituell einstimmen. Das fängt bei uns mit dem Abendessen am Freitag an, dann gibt es für alle gemeinsam eine Einstimmung und es folgen, acht bis neun verschiedene Workshops. Da können sich die Frauen je nach Interesse am Thema verteilen. Und zum Abschluss gibt es eine Mitternachtsliturgie. Die, die wollen, fahren anschließend heim. Die anderen bleiben über Nacht, frühstücken am nächsten Morgen noch zusammen im Schloss Fürstenried und verabschieden sich nach einer kleinen Andacht.
 
Ein weiteres Highlight sind die frauengerechten Kirchen- und Museumsführungen, wo wir zu Frauenbildern, -themen, -darstellungen Führungen anbieten. Das ist damals auch aus einer Not entstanden: Weil wir keine guten Veranstaltungsräume haben, mussten wir immer zentral gelegene Räumlichkeiten suchen, in denen wir etwas für Frauen anbieten konnten. Innenstadtkirchen und Museen boten sich da natürlich an. Und so entwickelte sich schließlich auch das Format.
Porträt Wiltrud Huml_07_2018
Wiltrud Huml, Fachbereichsleiterin Frauenseelsorge München (Foto: SMB / Dittmar)
Was feiern Sie persönlich bei diesem Jubiläum?
Mir gibt diese Arbeit persönlich sehr viel – als Frau ganz allgemein und vor allem auch spirituell. Was ich hier tue, ist mit meinem Leben und meiner Spiritualität sehr stark verwoben. Die Möglichkeit, die Spiritualität von Frauen zu stärken, viel über Frauengeschichte, weibliche Gottesbilder, über große Heilige zu erfahren und weiterzugeben, das hat mich persönlich unglaublich bereichert. Ich bin nicht sicher, ob sich meine persönliche Spiritualität so hätte entwickeln können, wenn ich in einem anderen Bereich gearbeitet hätte. 

Außerdem hat es mich natürlich sehr geprägt, diesen Schwerpunkt der Frauenseelsorge schon seit 30 Jahren leiten und gestalten zu dürfen. Ich lerne noch immer ganz viel von anderen Frauen, den Kursleiterinnen, den Kolleginnen und natürlich den Teilnehmerinnen. Immer wieder bin ich sehr beeindruckt, wie viel sich Frauen bei unseren Begegnungen gegenseitig geben, miteinander an Lebensgeschichte teilen, an persönlicher und spiritueller Entwicklung.
Warum braucht es eine eigene Frauenseelsorge?
Frauen öffnen sich oft leichter, wenn sie in einer reinen Frauengruppe sind. So spricht man z. B. eher über typische Frauenprobleme, wenn man unter sich ist, als wenn Männer dabei wären, weil das die Atmosphäre verändert. Wir bieten also ganz allgemein einen Raum zum Auftanken und neue Ideen, und unter anderem auch als Schutz für Frauen mit Gewalterfahrungen.
Aber es uns nicht nur darum, dass Frauen bei uns zusammen sind, sondern wir haben natürlich auch die Themen und Methoden unserer Angebote gezielt auf den Geschmack von Frauen ausgerichtet: Es geht um Frauengeschichten, weibliche Spiritualität, um das Kennenlernen großer christlicher Frauen wie Hildegard von Bingen oder Teresa von Avila.
 
Wie ist die Frauenseelsorge entstanden?
Es war ursprünglich eine Initiative, die von der bayerischen Bischofskonferenz ausging. 1967, nachdem es eine Umfrage zur Vorbereitung auf die Synode der deutschen Bistümer gegeben hatte, musste man feststellen, dass Frauen nicht mehr so selbstverständlich in der Kirche sind, wie man das bisher gewohnt war. Die Umfrage belegte, dass viele Frauen sich vor allem aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen von der Kirche abwendeten. Deshalb beschloss man, die Frauen wieder mehr und besonders zu fördern – durch eine eigene Stelle.
Was genau macht die Frauenseelsorge? Welche Schwerpunkte hat Ihre Arbeit?
Es gibt zum einen offene Angebote für alle Frauen, die teilnehmen möchten. Wir haben dazu in unserem Jahresprogrammheft an die 130 vielfältigen Angebote zusammengestellt – Kirchenführungen, Oasentage, Wanderungen, Exerzitien, an einem Tag oder auch länger. Diese Angebote nutzen Frauen aus den unterschiedlichsten Milieus und mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Wir bieten aber auch Angebote speziell für Pfarrsekretärinnen an und für Pfarrhausfrauen. Das ist, wenn man so will, der Anteil unseres Seniorenprogramms.
 
Außerdem organisieren wir das Frauenforum, ein Zusammenschluss aller Fachstellen, Verbände und Hauptamtlichen, die Frauenanliegen bewegen. Und vor über 20 Jahren habe ich das Aktionsbündnis gegen Frauenhandel mitgegründet. Hier versuchen wir, die Frauen, die durch Zwangsprostitution betroffen sind, zu unterstützen und die Ursachen des Frauenhandels zu bekämpfen.

Wie sieht es mit Angeboten für junge Frauen aus?
Angebote für junge Frauen sind zwar nicht allzu stark besucht, lassen sich aber trotzdem inzwischen ganz gut an. Das mag vielleicht daran liegen, dass sich jüngere Frauen noch gern in gemischten Gruppen bewegen. Die Angebote für Frauen werden aus der Erfahrung vor allem dann wichtig, wenn Frauen in die Familienrolle kommen, wenn sie vielfach belastet sind und dann einen Raum suchen, in dem sie für sich auftanken können. Zumal in dieser Lebensphase auch andere Angebote der Familienseelsorge beispielsweise sehr ansprechend sind. Die Frauenseelsorge orientiert sich daher eher an Frauen, die nach dem Kümmern um Beruf und Familie wieder Zeit für sich gefunden haben, die feststellen, dass ihre persönliche Spiritualität zu lange auf der Strecke geblieben ist und die nun wieder etwas für sich tun möchten.

Wie läuft ein Seminar beispielhaft ab – brauchen Frauen eine besondere Atmosphäre?
Wichtig ist, dass das Angebot ganzheitlich ist. Deshalb gibt es immer einen inhaltlich spannenden Input und dann fächern wir auf und bieten verschiedene weitere Zugänge wie z. B. über Körperarbeit und Tanz, das hängt oft auch von den Fähigkeiten ab, die unsere Kursleiterinnen mit einbringen. Man kann sich immer vorher entscheiden, welcher Zugang einem mehr taugt – ob man kreativ arbeiten möchte, ob man sich intensiver in kleineren Gruppengesprächen austauschen möchte. Es gibt auch das Erlebnis von Natur, selber zur Ruhe zu kommen, in Stille nachzudenken, oder dem Thema im eigenen Leben nachzuspüren z. B. mithilfe von  Biografiearbeit. Und diese Vielfalt an Zugängen sorgt dafür, dass sich die Frauen bei uns wohlfühlen.
Portrait freundliche Seniorin lächelnd
Frauen in ihren Charismen stärken - dabei unterstützt die Frauenseelsorge. (Foto: imago / PhotoAlto)
Welcher Typ Frau kommt zu den Angeboten?
Was die Frauen verbindet, ist der Wunsch, für sich selbst etwas zu tun – für die eigene Spiritualität, die persönliche Entwicklung, etwas Neues auszuprobieren, sich mit anderen Frauen auszutauschen, Anregungen zu bekommen, auch für die eigene ehrenamtliche Tätigkeit. Etwa die Hälfte der Frauen, die zu uns kommen, sind in der Gemeinde ehrenamtlich engagiert. So gibt es z. B. Frauen, die zu unseren Frauenliturgien kommen, die dann in einer eigenen Gruppe diese Ideen wieder umsetzen. Darüber hinaus spielt eine Rolle, mehr über den weiblichen Hintergrund von Glaube und Spiritualität zu erfahren, über heilige, inspirierende Frauen. Da ist eine Neugier zu erfahren, was Frauen getan und bewirkt haben und eine Neugier darauf, was noch selbst in einem steckt an Charismen und Möglichkeiten, die man vielleicht bisher noch nicht entdecken oder entwickeln konnte. Diese Neugier ist vom beruflichen Stand der Frauen völlig unabhängig.
 
Wie gehen Frauen mit ihrem Glauben um? Welche Bedürfnisse haben sie, wenn sie zu Ihnen kommen?
Frauen sind vom Typ her natürlich sehr unterschiedlich, auch von ihren Bedürfnissen her. Generell kann man aber sagen, dass sie alle Wert darauf legen, dass ihr Glaube im Alltag eine Rolle spielt. Glaube soll für die Frauen im Alltag eine Kraft sein, die sie spüren und die sie stärkt. Eine Kraft, die sie in Krisen, bei Krankheit, Problemen in der Familie oder im Umfeld souverän und gefestigt umgehen lässt. Und der Glaube soll auf die Fragen und Herausforderungen des Alltags eine Antwort geben können. Deshalb ist das Lebensnahe und Ganzheitliche unserer Angebote für Frauen ganz wichtig.
 
Wie glauben Frauen bzw. glauben Frauen anders?
Ich bin da immer vorsichtig, weil Männer auch sehr unterschiedlich glauben. Dennoch denke ich, dass für Frauen der Zugang zur Spiritualität näher ist. Weil sie durch Situationen von Geburt und Tod näher am Geheimnis des Lebens ganz allgemein sind. Sie haben also noch einmal eine andere Berührung mit existenziellen Fragen, als Männer es erleben.
 
Welche Rückmeldungen erhalten Sie zu Ihren Angeboten?
Für mich ist immer ganz berührend, wenn die Frauen sich am Anfang vorstellen und dann ganz von selbst erzählen, wie viel ihnen die Frauenseelsorge bedeutet, wie wichtig ihnen die Angebote sind. Und es ist immer etwas sehr Beglückendes zu hören, wie viel die Frauen für ihr Leben mit auf den Weg bekommen. Wenn man z. B. über Jahre hinweg miterlebt, wie sich eine Teilnehmerin weiterentwickelt, eben, weil sie mit unserer Unterstützung ganz viel für sich tut, dann ist das etwas sehr, sehr Schönes.
 
Wie wird sich der Bereich Frauenseelsorge entwickeln?
Ich wünsche mir natürlich, dass die Frauenseelsorge weiterhin so stark an den Bedürfnissen von Frauen orientiert ihr Programm entwickeln kann. Ich denke, dass das nicht selbstverständlich ist. Wir haben in vielen Bistümern erlebt, dass die Frauenseelsorge sehr gekürzt worden ist. Und natürlich besteht immer die Gefahr, dass man den Blick nur auf die Familie legt und nicht darauf schaut, dass Frauen ihre eigenen Angebote brauchen. Ich erlebe, dass das Interesse von Frauen an der Spiritualität ungebrochen ist, da ist kein Rückgang zu erkennen. Ganz im Gegenteil: Wir haben in den letzten Jahren eine starke Zunahme an Interesse erlebt. Deshalb hoffe ich sehr, dass die Kirche hier entsprechend durch personelle und räumliche Ressourcen mehr Raum gibt.
Frauenseelsorge
Schrammerstr. 3
80333 München
Telefon: 089 2137-1437, 089 2137-1383
Fax: 089 2137-271794
frauenseelsorge(at)eomuc.de
http://www.erzbistum-muenchen.de/frauenseelsorge
Fachbereichsleiterin:
Wiltrud Huml, Diplomtheologin

Referentinnen der Frauenseelsorge:
Irmgard Huber, Gemeindereferentin
Marion Mauer-Diesch, Pastoralreferentin
Anja Sedlmeier, Sozialpädagogin