Meine Fastenzeit Abschied - nach dem Kampf für das Leben: eine persönliche Geschichte

Mit Aschermittwoch begann auch heuer die Fastenzeit. Eine Zeit, die für Ingrid Kettering nicht mit neuen Schlankheitskuren verbunden ist, sondern mit einer sehr persönlichen Geschichte. Diese wird sie uns in den nächsten sieben Wochen erzählen - in einem kleinen Fasten-Tagebuch. Begleiten Sie Ingrid Kettering auf ihrem Weg durch die Fastenzeit mit tiefen Einblicken in ihre persönliche Geschichte und Impulsen für Ihren eigenen (Fasten-) Alltag.
Sonja Kettering bei einer Wanderung ins Höllental sitzend auf dem Boden
Sonja bei einer Wanderung oberhalb des Höllentals. Man kann die Traurigkeit bereits in ihren Augen sehen. (Bild: privat)

Teil 3 - Mein Kind, was ist nur geschehen!

Ab diesem Zeitpunkt traute Sonja sich nichts mehr selber zu. Sie wich nicht mehr von meiner Seite. Oft abends, nachdem ihre kleine Schwester Anita im Bett war, fingen bei Sonja die Fragen an. „Warum funktioniert bei mir nichts mehr? Was kann ich tun, damit ich wieder denken kann?“

Wir gingen gemeinsam von Arzt zu Arzt. Homöopathie, Kinesiologie, auch Yoga verbesserten ihren Zustand nicht!

Nachts fing ich an zu grübeln. „Wir müssen die Ursache finden!“ In dieser Zeit betete ich so viel, wie noch nie zuvor in meinem Leben. „Gott im Himmel, du hast mich doch noch nie im Stich gelassen!“ „Zeige mir den richtigen Weg!“ Heilige Maria Mutter Gottes! „Du bist doch selber Mutter, bitte hilf meinem Kind!"

Diagnose "Depression" - Was nun?

Meinem Rat folgend meldete sich Sonja in einer psychosomatischen Klinik an. Diese stellte aber erst eine Aufnahme in etwa fünf Monaten in Aussicht. Ich war ratlos und hilflos, durfte es aber meine Tochter auf keinen Fall spüren lassen. So ließ ich mich doch im Januar 2014 darauf ein, mit Sonja zu einem Psychiater zu gehen.

Für ihn stand die Diagnose binnen Minuten fest. Depression. „Da hilft nur ein Medikament, das die Synapsen im Kopf wieder miteinander verbindet“, hörte ich ihn sagen. 

Für mich war das ein Alptraum! Mein Kind wurde bislang immer homöopathisch behandelt, war nie mit einem Antibiotikum in Berührung gekommen, - und nun das! Der Arzt schien dies zu berücksichtigen und verschrieb Sonja ein niedrig dosiertes Antidepressivum. Ich brauchte Tage, um dies zu verdauen. Ich musste mich dem „Urteil“ des Arztes beugen und dachte: Gut, „Ingrid, du bist nicht die Allwissende! Lasse es geschehen, wenn dies die richtige Methode ihrer Behandlung ist.“ Sonja fügte sich wohl oder übel.

Wenn die Freude verloren geht

16. Januar 2014, Sonjas 22. Geburtstag.
Wochenlang vorher versuchten Sonjas Freundinnen über das Handy oder über die heute üblichen sozialen Netzwerke, den Kontakt zu ihr herzustellen und sie „herauszuziehen“ aus ihrer trüben Situation. Sie verstanden nicht, dass Sonja sich so von ihnen zurückzog.

„Komm doch mit“! „Erzähle, wie es dir geht!“ „Wie können wir helfen?“ Viele Versuche, Sonja aus sich raus zu locken, scheiterten. Sie verstanden nicht, dass ihre Freundschaft plötzlich so wertlos war. Gerade sie, Sonja, die oft ganz diplomatisch die Spannungen in der Clique lösen konnte. Immer war sie da, wenn es einem von ihnen nicht gut ging. Und jetzt, ließ sie niemanden teilhaben an ihrem Problem. Das konnten ihre Freunde alle nicht verstehen.

Es war sehr enttäuschend. Es kam auch Wut auf. Sie wendeten sich an mich. Ich versuchte zu erklären, dass mit einer Depression jegliche Freude fehlt und dass sie nicht anders kann, als sich zurückziehen in ihre Traurigkeit. Sie möchte niemanden absichtlich verletzen, sie ist einfach krank.

Die Herausforderung dieser jungen Menschen war, diese unbegreifliche, neue Situation anzunehmen und darauf zu vertrauen, dass Sonjas Rückzug nicht den Bruch der Freundschaft bedeutet.

In der kommenden Woche lesen Sie an dieser Stelle, wie die Geschichte weitergeht.