Meine Fastenzeit Abschied - nach dem Kampf für das Leben: eine persönliche Geschichte

Mit Aschermittwoch begann auch heuer die Fastenzeit. Eine Zeit, die für Ingrid Kettering nicht mit neuen Schlankheitskuren verbunden ist, sondern mit einer sehr persönlichen Geschichte. Diese wird sie uns in den nächsten sieben Wochen erzählen - in einem kleinen Fasten-Tagebuch. Begleiten Sie Ingrid Kettering auf ihrem Weg durch die Fastenzeit mit tiefen Einblicken in ihre persönliche Geschichte und Impulsen für Ihren eigenen (Fasten-) Alltag.
Ingrid Kettering vor dem Eiffelturm
Sonja im Paris, vor dem Eiffelturm. Gibt es einen besseren Platz? (Bild: privat)

Teil 4 - Juni 2014

Die wochenlange Einsamkeit, im Wechsel von lesen und mit Anita, ihrer 10-jährigen Schwester, ein Spiel zu spielen, ging Gott sei Dank zu Ende!

Das Medikament zeigte mehr und mehr seine Wirkung und Sonja ging es von Tag zu Tag besser. Ihr Lachen war wieder zu hören, sie begann ihre früheren Kontakte wieder zu aktivieren und plante wieder. Mit ihrer besten Schulfreundin fuhr sie eine Woche nach Paris. Als Sonja begeistert von ihrer Reise erzählte und vor Energie sprühte, fiel mir ein riesiger Felsen vom Herzen. Endlich, sie hat es geschafft! Nun wird alles gut!

Doch der Schein trug! Ihre Euphorie steigerte sich. Sonja machte die Nacht zum Tag, tanzte, kaufte Klamotten und war der reinste „Wirbelwind“! Ich hatte ernste Bedenken und sprach vorsichtig mit meiner Tochter. “Ach Mami, mach dir doch keine Gedanken! Ich bin glücklich, ich lebe wieder! Lass mich doch nachholen, was ich so vermisst habe!“ Sie strahlte mich an und nahm mich in den Arm.

"Ihre Tochter ist gesund!"

Genau zu der Zeit bekam meine Tochter die Nachricht, dass ein Platz in der Klinik für sie frei wäre.

„Nein, den Platz brauche ich jetzt nicht mehr“, entgegnete sie. „Den haben kranke Menschen nötig. Ich bin nicht mehr krank!“, kam aus ihrem Mund, mittlerweile schon genervt wegen meiner ständigen Bedenken.

Ich war sehr im Zwiespalt. Meine Tochter ist nun spontan, hibbelig, reagiert schneller, als sie denken kann! Nein, das war sie noch nie! Das kann doch nicht gesund sein!? Schließlich willigte sie ein, nochmal mit dem Arzt zu sprechen. Ich wollte natürlich mit dabei sein.

„Ihre Tochter ist gesund! In die Klinik braucht sie nicht mehr!“, berichtete der Arzt mit einer Selbstverständlichkeit, dass mir fast schwindlig wurde.
Das Schachenhaus im Werdenfelser Land
König Ludwig II. von Bayern ließ es 1869 erbauen: Das Königshaus am Schachen. Sonja hat Anitas Schulklasse dorthin begleitet. (Aufn.: privat)

Wenn die eigenen Kräfte verlorengehen - muss man handeln

Ich war am Ende mit meinem Latein! Ich war leider auch am Ende meiner Kräfte. Die vergangene Zeit, mit den Sorgen, die Abende, mit ihren endlosen Fragen. Für mich war der Tag so eng getaktet, damit ich für Anita, die beiden Männer auch Zeit hatte und meine Arbeit und Haushalt noch schaffen konnte.

Ich konnte einfach nicht mehr. Vielleicht hat der Arzt für mich etwas für die Nerven, dachte ich und machte einen Termin. „Frau Kettering, Sie sind ausgebrannt“, berichtete mir der Arzt. „Sie müssen mal weg hier!“ Oh nein, das war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich hab keine Zeit zum Ausspannen. Es gibt schließlich noch Anita, sie geht erst in die 4. Klasse. Sie braucht mich auch!
 
In der Familie löste das eine Welle der Empörung aus, dass ich den Rat meines Arztes so ignorieren wollte. „Du bist doch nur noch am Rennen, kannst keine fünf Minuten sitzen bleiben. Der Arzt hat recht, du gehörst mal weg, denn hier zu Hause gibst du ja doch keine Ruhe!“ Sonja erklärte sich sofort bereit, für Anita da zu sein, wenn Thomas in der Arbeit war. Sie auch in schulischen Angelegenheiten zu unterstützen. Also gut, ich nahm das Angebot an und füllte die endlos langen Formulare aus, die mir der Arzt mitgegeben hatte.

Dann ging alles ganz schnell! Im Juli war ich im schönen Schwarzwald auf Rehabilitation. Sonja nahm die Mama-Stellung ein und hat sogar Anitas Schulklasse auf den Schachen begleitet. Ich wurde wirklich toll von allen Familienmitgliedern ersetzt!

Das war eine ganz neue Erfahrung für mich.

In der kommenden Woche lesen Sie an dieser Stelle, wie die Geschichte weitergeht.