Meine Fastenzeit Abschied - nach dem Kampf für das Leben: eine persönliche Geschichte

Mit Aschermittwoch begann auch heuer die Fastenzeit. Eine Zeit, die für Ingrid Kettering nicht mit neuen Schlankheitskuren verbunden ist, sondern mit einer sehr persönlichen Geschichte. Diese wird sie uns in den nächsten sieben Wochen erzählen - in einem kleinen Fasten-Tagebuch. Begleiten Sie Ingrid Kettering auf ihrem Weg durch die Fastenzeit mit tiefen Einblicken in ihre persönliche Geschichte und Impulsen für Ihren eigenen (Fasten-) Alltag.
Das erste eigene Auto
Eine große Etappe ist geschafft – Sonja mit ihrem ersten eigenen Auto (Bild: privat)

Teil 7: Zurück zu Hause mit neuen Perspektiven

August 2015. Mein Kind kam zurück! Ich war so erleichtert und dankbar! „Ich hatte eine wunderschöne, glückliche Zeit in Brasilien“, strahlte meine Tochter und zeigte uns ihre Bilder.

Nach wenigen Tagen zu Hause, fing für Sonja die Arbeit als Urlaubsvertretung in München an.
Es war eine Freude zu sehen, wie viel Spaß auch diese Tätigkeit ihr bereitete! Sie fuhr mit der Bahn hin und her und überzeugte mit ihrem Argument: “Ich brauche nun endlich ein eigenes Auto! Spätestens für Ravensburg muss ich mobil sein!“ Die nächste Errungenschaft war nun am 17. September ein kleiner weißer Toyota! „Schaut mal, mein eigenes Auto!“ Und schon hatte ich auf WhatsApp die strahlende Sonja mit ihrem Auto!

Aufgeregt und voller Spannung erwartete es Sonja kaum, in Ravensburg ihr Studium zu beginnen! Sie fand für sich ein kleines Zimmer oberhalb des Zentrums und konnte täglich zu Fuß zur Uni marschieren. „Ich danke dir so sehr, Gott im Himmel“, betete ich und war froh, mein Kind wieder „im realen Leben angekommen“ zu sehen!

Ende November gab es für die Familien der Studierenden eine Begrüßung durch die Stadt Ravensburg mit Informationen und Stadtführung. Wir buchten dafür ein Zimmer und Anita durfte bei Sonja schlafen.

Sonja freute sich so, uns alles zu zeigen! Nun hatte sie das, was sie sich lange gewünscht hatte: ihr eigenes kleines Zimmer und ihr Auto, in einer Umgebung, in der sie sich wohlfühlt, wo ihr Leben wieder weiter gehen darf.

An diesem Wochenende waren wir lange zusammen. Ich sah in ihre ausgeglichenen Augen, die nun Ruhe und Glück ausstrahlten. Auf der Heimfahrt sagte ich zu Thomas: “Nun ist sie wieder in ihrer Mitte! Keine Anzeichen von Nervosität, keine naiven Ideen mehr, sondern ruhig und besonnen."

Zwei Tage später

Es war bereits abends gegen 21 Uhr. Anita war längst im Bett und ich saß gemütlich auf dem Sofa und habe gelesen, als das Telefon klingelte. Sonja war am Apparat.
Ihre Stimme war ängstlich-leise, als sie sagte: “Mami, ich habe wieder das Rauschen im Kopf! Ich war deswegen schon bei der Ärztin in Starnberg, aber die meinte, ich hätte nur Lampenfieber. Ich solle mir keine Gedanken machen und wenn ich für Abwechslung sorge nach der Uni, dann ginge es wieder weg.“

Ich wusste sofort, dass Sonja das nicht glaubte, ich übrigens auch nicht! Ich merkte, wie meine Kräfte schwanden. Irgendwas musste ich jetzt sagen, etwas, was Mut macht! Nach einigen Sekunden Stille fasste ich allen Mut zusammen und redete von ruhig bleiben und mehr schlafen. „Du musst nicht alles schaffen, wenn gerade so viel zusammen kommt“, flüsterte ich in den Hörer. Meine eigenen Worte kamen mir so hilflos vor!

Sind die täglichen Belastungen doch zu groß?

Sonja versuchte nach Rücksprache mit der Ärztin, in Ravensburg zu bleiben, in die Uni zu gehen und mit ihrer Freundin zusammen zu lernen. Am Telefon kamen die gleichen hilflosen Worte, die ich bereits vom vergangen Jahr aus Berchtesgaden her kannte.
Ende der Woche fuhr Sonja zu uns nach Hause und nicht mehr zurück. Noch einmal versuchten wir es mit einer alternativen Heilmethode. Ohne Erfolg. Als Sonja mit einem anderen Arzt in Kontakt kam, fasste sie tatsächlich Vertrauen und erzählte von sich und ihren vergangenen Krankenphasen. Mit einem anderen Antidepressivum war meine Tochter nun zum 3. Mal über Weihnachten und Silvester bei uns daheim.

Von der Ravensburger Sekretärin bekam Sonja die beruhigende Nachricht, dass sie fehlende Prüfungen im April nachholen könne. Meine Tochter hatte Zeit bis zum 7. Januar 2016! An dem Tag begann der praktische Teil ihrer Ausbildung in München. Zum Glück hatte sie im Sommer zuvor schon in der Abteilung gearbeitet und der Arzt aus Garmisch hatte Sonja zuversichtlich gestimmt, dass man trotz Depression arbeiten könne. Ihr Zustand war zwar in den vergangenen drei Wochen besser geworden, jedoch ging es ihr nicht wirklich gut.

So wagte meine Tochter sich trotzdem an Ihre Aufgabe. Ich half ihr, wo ich konnte. Richtete ihr schon Frühstück und Brotzeit her. Machte mit täglichen, positiven Worten Mut für den bevorstehenden Tag und half ihr, das Auto vom Schnee zu befreien. Sonja wollte nämlich immer selber fahren!

So kurz vor halb acht fuhr sie los. Oft kam sie dann erst gegen 19 Uhr nach Hause. Das Abendessen und Duschen waren die einzigen Dinge, die Sonja noch schaffte. Spätestens um 21 Uhr schlief sie vor dem Fernseher ein. Die Wochenenden dienten zum Ausschlafen und der Erholung. Zumindest über WhatsApp hatte Sonja ab und an Kontakt zu ihren Freundinnen.
 
Diese trübe Stimmung, in der sich meine Tochter immer noch befand, wurde nicht besser! Der Arzt gab zu bedenken, dass es für Sonja eine wahnsinnige Leistung wäre, in ihrem Zustand einen 8-Stunden-Tag zu meistern und anschließend noch anderthalb Stunden nach Hause zu fahren! Eigentlich wollte er sie gerne krankschreiben, aber sie war ja noch in der Probezeit. Sonja wollte unbedingt arbeiten!
 
Ende Februar, als sich an ihrem depressiven Zustand immer noch nichts geändert hatte und Sonjas Bedenken wuchsen, wie sie das Lernen schaffen sollte, war meine Idee: “Sonja, du könntest doch fragen, ob du die letzten beiden Wochen im März Urlaub bekämst. Dann hast du die Zeit zum Ausspannen und Lernen.“ Okay, das war eine akzeptable Möglichkeit, die Sonja auch umsetzte.
 
Ab dem 15. März 2016 bekam meine Tochter Urlaub. „Ich will die ersten beiden Tage ausspannen und dann fange ich an zu lernen, nahm sie sich vor!“ Gut, sagte ich und bewunderte innerlich ihren starken Willen. Das war ein gutes Zeichen!

Sonjas letzter Urlaub

Eisessen
Mit der kleinen Schwester: Anja und Sonja Kettering. (Bild: privat)
Ich war arbeiten und bekam von Anita eine Nachricht auf mein Handy: „Mama komm schnell heim! Sonja hat einen Telefonanruf bekommen und jetzt steht sie da und weint!" Zum Glück war ich schon unterwegs zum Auto und 10 Minuten später zu Hause. Ich fand Sonja immer noch in der Küche stehend. Das, was sich bewegte, waren ihre Tränen, sonst nichts.
 
Mein Herz pochte bis zum Hals, als ich sie fragte: „Was ist denn passiert?“ Kraftlos und leise kam aus ihrem Mund: „Meine Chefin hat mich gerade angerufen. Sie haben mir gekündigt. Die glauben nicht, dass ich das schaffe!“ Wumms! Dieses Gefühl war so unbegreiflich, ich hatte keine Worte! Ich nahm mein Kind nur in den Arm.

Nach einer Weile kroch eine Wut in mir hoch, dass ich am liebsten den Hörer genommen hätte, um meiner Enttäuschung über so viel Unmenschlichkeit gegenüber meiner Tochter Luft zu machen! Aber was nützt das? Nichts! Es ist wie es ist. Ihr wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Nun braucht sie Unterstützung und jede mögliche Hilfe, die ihr Perspektiven geben könnte.
 
Als Sonja mit dem Arzt sprach, war dieser auch sehr bestürzt. Er hatte sehr mit Sonja gebangt und er bewunderte ihren starken Willen! Nachdem sich auch bei ihm die bittere Nachricht gesetzt hatte, gab er meiner Tochter eine neue Diagnose. „Ich möchte ihnen ein anderes Medikament geben, weil ich glaube, dass Sie unter einer bipolaren Störung leiden.“ Sonja, die nun wieder völlig der neuen Situation ausgeliefert war, beugte sich und nahm das andere Medikament zusätzlich ein.

Mein neuer „Mutmachersatz“ für Sonja war: „Das gute an der Kündigung ist, dass du nun so viel Zeit hast, wie du brauchst, um ganz gesund zu werden! Nichts und niemand treibt dich an. Du bist noch so jung! Wenn du DAS überstanden hast, fängst du ganz neu an!"

Sonja sah mich nur an. Ich ahnte nicht, dass Sonja wusste, dass eine bipolare Störung nicht heilbar, nur durch ständige Medikamenteneinnahme kontrollierbarer würde.
Nun waren Osterferien und wir traten unseren geplanten Besuch in der Pfalz an und nahmen Sonja eben auch mit. Anita freute sich sehr! Meine Tochter hat ihre vergangenen kranken Monate immer mit Lesen überbrückt. Nun, las sie vor und nach jedem Essen, im Auto und abends, bis sie einschlief. Nur so konnte es Sonja aushalten, hier zu sein. Es war so schmerzlich, zusehen zu müssen, wie gefangen sie in ihrer Krankheit war! Trotz der Termine, die Sonja nach den Ferien hatte, war ich sehr verzweifelt.

Wieder zu Hause, war Sonja beim Arzt. „Übermorgen bekomme ich die Blutwerte erklärt“, sagte sie.

Dienstag, 5. April 2016 - Sonjas letzter Tag

„Sonja, du musst noch die Gesprächstermine ausmachen“, erinnerte ich meine Tochter. Sie regte sich nicht. „Bitte, lasse dir helfen! Willst du lieber mit einer Frau reden? Dann setzen wir uns abends hin und suchen nach einer Therapeutin. Wir geben nicht auf!“ Sonja sah mich mit einem leeren Blick an. Es war so herzzerreißend, wie sie litt! Ich musste mich beruhigen und fing an, im Haus zu saugen.
 
Etwa 20 Minuten später, ich saugte gerade die Garderobe, ging Sonja an mir vorbei und verkündete: „Ich brauche wieder ein neues Buch und fahre nach Garmisch.“ „Okay, bis zum Abendessen ist ja noch Zeit“, bemerkte ich.
 
Und dann ging mein Kind durch die Tür! Sie ging für immer!
Außer einem Abschiedsbrief hinterließ uns Sonja noch folgende Worte!
Ich hatte alles
Ich war glücklich!
Es ist nur zu viel kaputt gegangen!
Verzeiht mir! Ich liebe euch!

Familie Kettering
Die ganze Familie Kettering (Bild: privat)
Am Ostersonntag lesen Sie an dieser Stelle, den letzten Teil der Geschichte.