Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unseres Angebots erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.
OK
Mehr Infos

Achtsames Schenken „Was kann ich dir Gutes tun?“

Von Jahr zu Jahr wird es zeitlich knapper. Nur noch wenige Tage bis Heiligabend – und Frank weiß noch immer nicht, was er seiner Frau schenken soll. Zu allem Überfluss kommen ihm jetzt auch noch Greta Thunberg und diese Klimaschützer in die Quere. Die findet nicht nur seine Frau, sondern auch seine Tochter Elena gut. Die supergünstige Last-Minute-Reise auf die Kanaren fällt damit aus – seine Mädels wollen das nicht mehr. Da fasst er einen Entschluss. Er wird seiner Frau in diesem Jahr etwas anderes schenken. Ob ihr das gefällt?
bunte Geschenke unter Christbaum
Ein Haufen bunter Geschenke - aber ist es das, was wirklich glücklich macht? (Foto: unsplash / Eugene Zhyvchik)
Nein, seine Sekretärin wird er diesmal nicht losschicken. Vor zwei Jahren hatte sie ihm am 23. noch ein schönes Armband für seine Frau Thea besorgt und damit seinen Weihnachtsabend gerettet. Lieber macht er heute früher Schluss und setzt sich in ein Café in der Innenstadt. Er braucht Zeit zum Nachdenken. Same procedure as every year – warum nur? Und wie oft hat Thea das sündhaft teure Armband eigentlich getragen? Ganz selten. Praktisch nie. Es sei ihr zu protzig, meinte sie, es passe nicht zu ihr. Er fragt sich nicht zum ersten Mal, warum sie sich überhaupt noch etwas schenken, wo sie doch schon alles haben.

Anjeli Goldrian kann das gut nachvollziehen. Die Therapeutin und Beraterin in der Ehe-, Familien und Lebensberatung des Erzbistums München und Freising kennt dieses weihnachtliche Spannungsfeld zwischen Schenken-Müssen und Konsum-Verdruss schon länger. Immer mehr Paare, die zu ihr kommen, leiden unter Alltagsstress, Zeitmangel und einer damit einhergehenden Sprach- und Kontaktlosigkeit mit dem Partner, die dann häufig mit teuren Geschenken wettgemacht werden soll. Die Beraterin weiß: „Konsum ist nicht deckungsgleich mit den Bedürfnissen der Menschen. Häufig sollen damit nur die wahren Gefühle überdeckt und kompensiert werden. Übermäßiger Konsum kann schnell zur Übersättigung und Abstumpfung, im schlimmsten Fall gar zu finanziellen Problemen führen.“ Sie stellt aber auch klar: Die Paare, die zu ihr und ihren rund 100 Kolleginnen und Kollegen kommen, kämpfen mit ganz anderen Problemen. Die Geschenke an Weihnachten oder der Ärger, der sich daraus ergeben kann, sind meistens nur Symptome. Die wahren Probleme liegen woanders – und reichen meist viel tiefer.

„Warum tut der andere das?“

Ein Ehepaar hat beispielsweise völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, was es mit seinem Geld anfangen soll. Diese Differenzen zeigen sich vor allem beim Essen! Während sie sehr bewusst einkauft und auch bereit ist, für Tierwohl und den Schutz der Umwelt tiefer in die Tasche zu greifen, gibt es für ihn beim Einkaufen oder im Restaurant nur ein Kriterium: Billig muss es sein! Wehe, sie greift im Supermarkt zum Bio-Fleisch und zahlt 10 statt 2 Euro fürs gute Gewissen. Regelmäßig geraten sie deswegen aneinander. Auch deshalb sind sie schon seit Jahren nicht mehr gemeinsam essen gegangen. Zu oft musste sie sich über seine Bemerkungen wegen der 30 Euro für den Fisch ärgern – ein Salat tue es doch auch, oder?

Anjeli Goldrian hat viele solcher Paare vor sich sitzen. Sind 20 Euro fürs Motoröl angemessen, 10 fürs Schweineschnitzel aber nicht? Fliegen wir nach Indonesien oder gehen wir im Allgäu wandern? Wollen wir uns die teure Wohnung in der Stadt noch leisten oder ziehen wir lieber ins günstigere Umland? Als Erstes versucht sie den Paaren die Spannungsfelder und Konflikte überhaupt erst mal bewusst zu machen, unter denen mindestens einer der Partner so stark leidet. „Im ersten Schritt sollen sie einen Perspektivwechsel vornehmen und versuchen, sich in den Partner hineinzuversetzen. Warum tut der andere das? Was stört ihn?“ Eine offene, ehrliche Kommunikation über die unterschiedlichen Vorstellungen sei oft bereits der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung, sagt sie. „In der Beratung lernen sich die Paare wieder besser kennen. Sie öffnen sich den Argumenten des anderen, hören ihm zu und sprechen über ihre eigenen Gefühle. Sie sollen sich auf den anderen und seine Bedürfnisse wieder mehr einlassen und sich für ihn Zeit nehmen. Denn das ist bei vielen in der ganzen Hektik des Lebens verloren gegangen. Als Beraterin kann man diesen Öffnungsprozess gut begleiten. Das Darüber-Reden ist bereits ein Teil der Lösung.“
Person hält vor Christbaum ein Weihnachtsgeschenk in den Händen
Mit Achtsamkeit schenken, dem Anderen etwas Gutes tun - an Weihnachten und darüber hinaus. (Foto: unsplash / Jeshoots.com)

„Was kann ich dir Gutes tun?“

„Achtsames Schenken“ nennt Anjeli Goldrian das, was Frank gerade getan hat. Achtsamkeit – das heißt präsent sein, da sein, sich nicht ablenken lassen. Aufs Schenken angewandt bedeutet das, den anderen in seinen echten Bedürfnissen zu erkennen und ihn bewusst wahrzunehmen, ohne gleich zu bewerten oder zu kritisieren. „Achtsames Schenken ist, dass ich mich in den anderen hineinversetze und mich beim Schenken in eine Haltung der Selbstlosigkeit begebe. Jeder sollte sich beim Schenken zuallererst fragen: Was kann ich dir Gutes tun?“ Das kann schon mal das teure Armband oder die Luxustasche sein – aber auch das Wochenende zu zweit oder der Museumsbesuch am nächsten Sonntag: „Unterm Christbaum müssen nicht nur materielle Dinge liegen. Viel zu oft geht die eigentliche Idee von Weihnachten heute verloren: Zusammensein, sich etwas Gutes tun, Geborgenheit erleben, Wertschätzung, sich Zeit nehmen, mal wieder tief durchatmen. Gute Gespräche, ein glückliches Lachen, Humor: Das sind oft die schönsten Geschenke überhaupt.“ Nicht umsonst handeln genau davon viele Weihnachtssongs: „Ich liebe dich so, wie du bist! Es wird Zeit, dass wir alle wieder lernen, besser zuzuhören!“

Daran muss auch Frank denken. Er verlässt das Café, lässt das hektische Treiben in der Fußgängerzone hinter sich und macht sich auf den Weg nach Hause. Seine Mädels werden Augen machen, dass er heute schon so früh nach Hause kommt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren freut er sich auf Weihnachten. 

Text: Christian Horwedel, freier Redakteur

Das könnte Sie auch interessieren

Advent und Weihnachten feiern in der Familie

Mutter, Vater und zwei Kinder schmücken gemeinsam den Christbaum

Hausgottesdienst im Advent und an Heiligabend

herrnhuter adventsstern in gelb

Ehe-, Familien- und Lebensberatung
der Erzdiözese München und Freising
Rückertstraße 9
80336 München
Telefon: 089-54 43 11-0
Fax: 089-54 43 11-26
info(at)eheberatung-oberbayern.de
http://www.erzbistum-muenchen.de/eheberatung-oberbayern
Leiterin: Margret Schlierf