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Hilfe von Experten im Reparatur-Café Nachhaltigkeits-Projekt in Traunstein stößt seit drei Jahren auf rege Nachfrage

Was tun, wenn beim Fahrrad die Gangschaltung klemmt, die Kaffeemaschine nicht mehr läuft, die Stuhllehne wackelt oder der elektrische Rasierer immer wieder Aussetzer hat? Wegwerfen? Mitnichten. Seit Martine Postma 2009 in Amsterdam das erste Reparatur- oder Repair-Café eröffnet hat, ist daraus eine regelrechte Bewegung geworden. Nachhaltigkeit statt Verschwendung ist das Motto, das auch in der Region Traunstein immer mehr Anhänger findet. Wichtig ist dabei neben konkreter Hilfe und Informationsaustausch auch das Beisammensein in entspannter Atmosphäre.
Reparaturcafé Traunstein
Ob kaputte Schublade, defekter Wasserkocher oder malader Computer - im Reparatur-Café gibt es fachmännischen Rat. (Foto: Axel Effner)
Seit drei Jahren mittlerweile gibt es in Traunstein das Reparatur-Cafè Chiemgau. Es entstand als Nachhaltigkeits-Projekt auf private Initiative hin mit tatkräftiger Unterstützung des Katholischen Kreisbildungswerks (KBW) Traunstein und des Campus St. Michael. An jedem dritten Samstag im Monat kommen durchschnittlich 35 Hilfesuchende in den Theatersaal von St. Michael zu den rund zehn Experten. Rat gibt es bei Fragen rund ums Nähen und Textilien, Holz- und Möbelreparatur sowie Probleme mit Fahrrad, Computer oder Elektronikgeräten.

Astrid aus Chieming ist beim Termin vor Ort mit der Schublade eines alten, noch funktionsfähigen Küchenschranks zu Franz Egger gekommen. Der gelernte Kfz-Mechaniker schreinert viel und macht auch Metall- und Elektroarbeiten.  Bereits mehrmals, so erzählt die Dame weiter, hat sie die Frontseite der Schublade notdürftig repariert, jetzt ist die Deckplatte endgültig herausgebrochen. „Eine grundsätzliche Lösung muss her“, sagt Egger und untersucht die abgerissenen Plastikteile.

Spaß am Tüfteln

Am Tisch nebenan verzweifelt Andreas aus Übersee an einem Mischpult, das nach 30 Minuten plötzlich ausgeht. „Das könnte an einem der Kondensatoren liegen“, mutmaßt Johannes Selders. Der Physiker und Elektrotechniker war früher Entwicklungsleiter eines großen Industriebetriebs. „Mir macht das Tüfteln einfach Spaß und wenn ich dabei jemandem helfen kann: umso besser“, sagt er. Während er mit der Taschenlampe ins Gerät leuchtet, sucht ein Kollege in einer Sammelbox nach dem passenden Widerstand. „Mehr als ein paar Euro dürfte das wohl nicht kosten“, vermutet er.

Ebenso wie Egger und Selders arbeiten auch die anderen Experten ehrenamtlich und aus Freude am Helfen. Gerngesehene Spenden kommen verschiedenen Hilfsorganisationen zugute. Ein mangelhaftes Türschloss, eine defekte Fahrradschaltung und ein Computer, der sich nicht mehr starten lässt, sind weitere „Patienten“, die an diesem Tag genau begutachtet werden. In der Regel ist meist nach ein paar Minuten klar, wie eine kostengünstige Lösung aussehen könnte. „Wenn es kompliziert wird, vermitteln wir die Leute auch gerne an professionelle Reparaturdienste in der Region weiter“, sagt Egger.
Reparatur-Café Traunstein
Reparatur-Café Traunstein
Reparatur-Café Traunstein
Reparatur-Café Traunstein
Reparatur-Café Traunstein
Reparatur-Café Traunstein
Reparatur-Café Traunstein
Reparatur-Café Traunstein

Zur Bewahrung wertvollen Wissens

Mit Verzweiflung im Blick meldete sich Claudia aus Chieming mit einem defekten Laptop bei Dieter Meuser, der als Ingenieur für Medizintechnik im örtlichen Klinikum arbeitet. „Ich bin bereits bei zwei PC-Experten bzw. –Fachdiensten gewesen, die mir nicht weiterhelfen konnten“, sagt sie. Meuser vermutet zuerst einen Wackelkontakt an der Ladebuchse und untersucht dann den Akku-Anschluss, bevor sich zeigt, dass ein Bauteil auf der Platine kaputt ist. „Das kostet 110 Euro. Zusammen mit normalen Reparaturgebühren bekommen Sie schon wieder einen neuen PC“, schildert er das Dilemma, warum sich die herkömmliche Instandsetzung angesichts zunehmend billigerer Geräte immer weniger lohnt.

KBW-Geschäftsführer Tobias Trübenbach bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „In der Zeit unserer Großeltern und die Jahrhunderte davor war die Wegwerfgesellschaft noch ein Fremdwort. Heute wissen leider immer weniger Leute, wie man Sachen selbst reparieren kann. Viel wertvolles Wissen droht verloren zu gehen. Dem wollen wir entgegenwirken und damit die Selbstständigkeit stärken.“

Die Hilfesuchenden haben aus dem Internet, Gesprächen im Bekanntenkreis oder von Flyern vom Reparatur-Café in Traunstein erfahren. „Das ist eine sinnvolle Einrichtung, die uns ein Stück Unabhängigkeit angesichts maßloser Ressourcenverschwendung gibt“, sagt Petra aus Traunreut. Sie ist bereits zum wiederholten Male gekommen. Aber nicht nur, wer etwas reparieren lassen will, geht zum Reparatur-Café nach Traunstein. Gefragt ist auch das Buffet mit selbstgemachtem Kuchen von Adelgunde Wallner und Annelie Haigermoser. Bei Kaffee-Gesprächen und Diskussionen am Büchertisch wird auch die Geselligkeit beim Reparatur-Café gepflegt.
Infos unter https://reparaturcafe-chiemgau.com/

Text und Bilder: Axel Effner, freier Redakteur

Repair-Café Rosenheim

Reparatur-Cafés gibt es auch an anderen Orten - wie zum Beispiel in Rosenheim. Hier hat man in diesem Jahr sogar einen Umweltpreis gewonnen.